Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 13 (29.3.1918)
- Date
- 1918-03-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022300-3022314--26763-3052141- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Bloch’s AahrgLNG XXXV Zentralorgan kür die gesamten Unteressen des Judentums Oü-- - --x)0 (? Q II. t. Vofisvarlaffenaml Lleariug.Bcrkehr: 810:976 oo SUbaftton und Ldmintstratton: «Oie« ll/i, Praterstraße 9 . Tclephom 45*359 vb * ■' cJ oo ->- ■ ■ -^-Oq Wien, 29. Mürz 4918 Erscheint jeden Freitag Brief-Adrefle: Wie». II/i, Praterstraste 9 Lelegraarm-Adreffe: Bloch - Wochenschrift. Wie» oo- - ■ -=DG o Q < Bezugspreis: Halbjährig 10 Kronen Ganzjährig 20 Kronen Einzelexemplare 5V Heller »>zei»e«: Die » walfefpalteu» 9etit)eitc 60 Heller OCb » dP O Inhalt: Leirartikel: Pessach.— Gemeinderat Dr. Ritter v. Schwarz-Hiller gegen die Flüchtlingshetze.— Pessach im^alten Jerusalem. — Der Geist des weißen Rabbi. —Ein Papyrus-Fund über den Durchgang durchs Rote Meer. — Beaconsfild-Di-raeli. — Wir — Flüchtlinge. — Zur Geschichte der Spaniolep in Ungarn. — Die Juden in Neuseeland. — Korrespondenzen: Aufruf. — Preisausschreibung. — Probleme des Ostens. — Ein jüdischer Nationalrat in Rußland. — Maßnahmen zum Uebergang '.in die Friedenswirtschaft. — Vermischtes. — Feuilleton: Gawriel. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Pessach, Friedensgedanken im Kriege. „Ein solches Pessach ist noch nicht bereitet-worden . .." II. Kön. XXIII. 22. Sollen wir diese Betrachtungen beginnen mit den: vielangeführten Worte des' mächtigen Dante, der von dem großen Schmerze singt, den der Mensch! im Unglück empfindet, gedenkt er. der Tage des Glückes, die längst entschwunden? Freude soll einziehen in unser Herz, Freude Mer.die einst errungene Freiheit, an den SturZ der Pharaonenmacht sollen wir denken, die alte Agada wieder lesen, diese „seltsame Mischung von Sagen der Vorfahren, Wundergefchichten aus Aegypten, kuriosen Erzählungen, Streitfragen, Gebeten und Festliedern". So bezeichnet doch der Spötter Heine mit diesmalsehr bitterem Ernste wahr und richtig das „abenteuerliche Buch". Aber, wie ist's uns doch in diesem Jahre? „Das Brod des Elends" wird uns kärglich zugemessen, der Wein ist für den auf „feste Bezüge" Angewiesenen kaum zu erschwingen, und so geht's auch mit den anderen Zutaten auf der Festtafel. Und wo sind sie, die lieben Söhne und Brüder, .die Väter und Gatten, die mit uns in die alten Melodien einstimmten, die den Herrn preisen, der uns erlöst hat aus schwerem Sklavenjoch? Denken wir lieber nicht daran, aber wie zu König Josias, des großen Bilderstürmers, Zeiten, können wir auch heute sagen: „Nein, ein solches Pessach wurde noch nie bereitet." Doch wir wollten ja Friedensgedanken äußern. Die Hoffnung läßt den Menschen nicht untergehen. Also sagt irgendwo ein Dichter. Und warum sollten wir diesen letzten Anker, genannt Hoffnung, uns nehmen lassen? Es waren wahrlich oft sehr blutige Pessach^- feste, die unsere Vorfahren.feiern mußten. Denken wir etwa an das in Portugal vor 420 Jahren, im Jahre 1498. Man hat uns dieses Freudenfest oft „verbittert". Wir Juden wissen, wie der „Moraur" schmeckt. Wer es von den Kindern der Zeit nicht wissen sollte, dem muß ich wohl nicht erst empfehlen, den „Nabbi von Bacharach" zu lesen. Und doch, die Hoffnung auf bessere Zeiten hat unser Volk nie ausgegeben. Der alte Josef.Albo hat im 15. Jahrhundert den Messiasglauben der Juden so gedeutet, daß die auf das Messiasreich sich« beziehenden Schriftstellen einen Erlöser für das augenblickliche Elend ihrer Zeit verheißen. Also tröstete man sich und mitten in der Not, mit dem „Brote des Elends" in der einen, mit dem „Becher des Heiles" in der anderen Hand, pries man den alten Gott, den Befreier, den Erlöser. Ach, wie oft verwandelte sich der „Becher des Segens und Heiles" in den Wermutsbecher. Den leerten wir bis zur Neige. Aber der rechte Jude verzweifelte nicht. Er ließ den uralten Freiheitssang zur Höhe emporsteigen, er las in seinem Jesaias, die mächtigste, die gewaltigste Friedensverkündigung, die beseligende Botschaft von der Völkervereinigung, hie uns dieser Krieg bringen soll. So will es auch Wilson. Aber wir fragen diesen.Mächtigen der Erde, der doch gewiß unseren Jesaias sehr gut kennt: Bedarf es eines solchen Blutmeeres, bedarf es so unsäglichen Jammers, müssen Mütter um chre Söhne, Gattinnen um ihre Gatten, Schwestern um ihre-Brüder, Bräute um ihre Angelobten klagen, daß es komme das Friedensreich, daß sie komme die große Menschheitsvereinigung, die Jesaias einst verkündete? Wie aroß, wie sehr unserer vielgepriesenen Zeit vorauseilend, steht der mächtige Heilsprophet da, der spricht: „Nichts Böses, nichts Gewalttätiges, nichts Verderbliches wird geschehen aus meinem ganzen heiligen Berge, voll ist die Erde der Erkenntnis des Herrn, wie die Wasser das Meer bedecken." Wissen es die Völker der Erde, daß wir diese Heilsbotschaft am Pessachfeste lesen? Als was haben sie unser Pessach hingestellt in ihrem Hasse, der in wahrem Sinne des Wortes blindwütig gegen uns tobte, unser Pefsachfest, das den allgemeinen Völkerfrieden verkündet, das „goldene Zeitalter" der Zukunft, das die Menschen erlösen wird von den Fesseln der Ungerechtigkeit und "Gewalttat, das den Mann. preist,