Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 35 (1918)
- Issue
- 11 (15.3.1918)
- Date
- 1918-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9lt. 11 , . -Bei der konstituierenseu Vorstandssi^ung wurden die Bisherigen Funktionäre, die' Herren Adolf H o frtt.a-nn-,ats Prü'es, Ignatz! Taüstik alsPräses-Stellvertre er, Franz Fru.ni l als -Schri'tMrer>.-Emil W ies elth i e r als Knssier, Jakob. Herling er als Kontrollor, Jo'et B er g e r, Jg. F is.ch e r, I. Guttma n n, Kommerzialrai M. H a ck e r, Rud. Lichten stl e i n, Arnold Selka, Dr. A. Singer, H. Sonnenfeld und Friedrich Wiener als Vorstandsmitglieder wie^- dergewählt. Mit einer Dankeskundgebung an die Erschienenen schloß der Vorsitzende die Sitzung. Komotau. Das in Komotau erscheinende deutschnationale „Deutsche Volksblatt", welches seit Monaten die antisemitische Verhetzung der Bevölkerung in der rohe- . sten Weise betreibt^ brachte in letzter Zeit wiederholt Artikel, in welchen den Juden - Vaterlandsverrat, -Wucher usw. zum Vorwurf. gemacht und die Bevölkerung zu Hast und Verachtung, ja sogar zu Gewalttätigkeiten gegen dieselben direkt aufgereizt wird. Da die. Behörden dieses .gesetzwidrige -Treiben stillschweigend duldeten, wurde die Schreibweise dieses Bla Nes inuner he raus fordernd er, so daß sich der Kultusvorstand endlich veranlagt-sah, durcheine Deputation bei dem Bezirkshauptmann Grasen H u y n und.dem Bürgermeister gegen dieses' schamlose Treiben Beschwerde zu führen, die betreffenden Ministerien auf dasselbe aufmerksam zu machen und Abhilfe zu verlangen, sowie an die Bevölkerung der Stadt Komotau und .Umgebung einen Aufruf zu versenden, der auch in Mehreren Blättern veröffentlicht und in welchem gegen .dieses direkt verbrecherische Treiben entschieden Verwahrung eingelegt wurde. Diese Kundgebung.hat folgenden Wortlaut: . An die Bevölkerung .von Komotau und Umgebung! Durch das hiesige ..Deutsche Volksblatt" werden seit geraumer Zeit gegen die Juden die gehässigsten Angriffe gerichtet, ja das genannre Blatt Ischennicht davor tzuruck, ldie Juden in ihrer lEesamtheit als Wucherer schlimmster Sorte, als Ausbeuter, als Verräter des Vaterlandes zu bezeichnen und --die Bevölkerung zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden aujtzuhetzen. Diese fortgesetzten Angriffe zwingen uns energisch dazu Stellung, zu nehmen. Es liegt uns ferne, gegen die politische Gesinnung des Blattes zu polemisieren, denn diese entspringt einem: parteipolitischen Standpunkt. gegen den -anzukämpfen .nicht Sache dieses Flugblattes ist. Der. frevelhafte ^Versuch jedoch, in dieser schweren Zeit, die die Anspannung aller unserer Kräfte braucht, um gegen den äußeren Feind durchhalten zu können, Zwietracht zwischen die Mitbürger zu fäen und züm Hasse und zu .Ausschreitungen gegen eine ganze Gemeinschaft aufzuhetzen, verdient die schärfste Zurückweisung und BrandNrarkung. ' Wir, ebenso wie jeder andere rechtschaffen fühlende Mensch, verachten die Wucherer und Ausbeuter, welche die durch den Kriegszustand hervorgerufenen Verhältnisse dazu benützen, auf Kosten ihrer Mitbürger sich wucherische Gewinne anzueignen; wir, wie jeder andere patriotisch fühlende Mensch verabscheuen die Verräter an unserem Vaterlands. Unter, diesen Schädlingen des Staates befinden sich jedoch Angehörige aller Konfessionen und aller Nationen. Gewissenhafte Zusammenstellungen haben das Resultat ergeben, daß unter diesen Schädlingen die Juden mit einem bedeutend geringeren Prozentsatz vertreten sind, als ihrem Verhältnis zur Bevölkerung entspricht und wie wenig diese Angriffe gerade für Komotau zutreffen, zeigt, daß unseres Wissens beim k. r. Bezirksgerichte Kom'otau, trotz der in der Kriegszeit um das Doppelte angeschwollenen Straffälle, kein Jude wegen Preistreiberei oder eines ähnlichen Deliktes' verurteilt worden ist.! Es ist auch bezeichnend, daß das genannte Blatt gegen die Flüchtlinge, die von Haus und Hof vertrieben sind. zunt großen Teil ihr Vermögen und ihre Existenz verloren haben, nicht ein Wort der Teilnahme und des Verständnisses' findet, sondern die Vergehen einzelner dazu benützt, selbst gegen diese beklagenswerten und wehrlosen Opfer ües Krieges eine lebhafte und feindselige -Agitation zu entfalten. Wir protestieren auf das energischeste gegen jeden Versuch, die Vergehen irgendeines einzelnen Juden der Gesamtheit der Juden zur Last zu legen, wir Müssen insbesondere den Vorwurf des Verrates an unserem Vaterlande mit der gebührenden Verachtung zurückweisen. - Die Tausende und Abertausende der gefallenen jüdischen Helden, die große Zahl von Auszeichnungen, welche Juden in diesem Kriege erworben haben, die aufopfernde Tätigkeit, welche von Juden rm vaterländischen Hilfsdienste entfaltet Gelte 169 wurde, entkräften ami besten die haltlosen Angriffe des Blattes. - 3Qtr fönnett und werden es -nicht dulden, daß wix Juden, dis wir jederzeit fteudig dem Staate gegenüber unsere Pflicht bis zum äußersten erfüllt haben und immer erfüllen werden, durch verleumderische Verallgemeinerungen und Entstellungen angegriffen werden und daß zu Gewalttätigkeiten gegen uns gehetzt wird. Wir - haben bei den zuständigen Behörden bereits die notwendigen Schritte eingeleitel, jedoch erwarten wir auch von der Einsicht und Vernunft unserer Mitbürger, daß sie die verleumderische und hetzerische Art und Weise der Angriffe im „Deutschen Volksblatte" richtig einschätzen und beurteilen und nicht dulden werden, daß in dieser schweren Zeit mit yerabscheuungswürdigen Mitteln die Einigkeit im Staate untergraben wird. Wir erwarten dies auch im Interesse des eigenen Ansehens unserer Stadt und überlassen es dem gesunden Sinne unserer. Mitbürger zu beurteilen, ob es der Stadt Komotau zur Ehre gereicht, wenn mit derartigen vergifteten Mitteln gegen einen Teil ihrer Bürgerschaft angekämpft wird. Ob durch diese Angriffe dem Interesse des Staates gedient ist und wrr die wahren Schädlinge tnf Staate sind, wird leicht zu beurteilen sein. Im Vertrauen auf die bessere Einsicht und Urteilskraft unserer Mitbürger haben wir bisher eine Entgegnung und em Einschreiten unterlassen. Die fortgesetzten Angriffe zwingen uns jedoch dazu, der- Bevölkerung Komotaus endlich vor dem gewissenlosen Treiben des „Deutschen Volksblattes" die Augen zu öffnen.' Wir richten daher dieses Flugblatt an die Bevölkerung Komotaus zum Zeichen der Abwehr und der schärfsten Zurückweisung der Angriffe des „Deutschen Dolksblattes". Der Vorstand de? isr. Kuttusgemeinde Komotau.' Bemerkt fei noch, dast in letzter. Zeit in der deutschböhmischen antisemitischen Presse ein systemisiertes Kesseltreiben gegen die jüdische Bevölkerung betrieben wird, ohne dast die sonst so rührige Zensur auch nur das Geringste gegen dieses die öffentliche Sicherheit gefährdende Treiben veranlaßt. \ --- Vermischtes. Der Wiederaufbau des> Leopoldstädter Tempels. Das gefertigte Aktionskomitee hat aus dem Berichte der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 8. März über die lbtzw Plenarsitzung des' Kultusvorstandes mit Befriedigung vernommen, dast der Kultusvorstand in seiner Plenarsitzung vom 3. März der bescheidenen Tätigkeit desselben den Dank votierte. Mit um.so größerem Erstaunen erfüllt das Komitee die in der gleichen Sitzung seitens des Herrn Kultusvorstandes Dr. Heinrich Schreiber geübte, vollständig unmotivierte Kritik, dast sich das Komitee „als die Herren der gesammelten Beträge" ausspiele. Es scheint genanntem Herrn unbekannt zu sein, daß das Aktionskomitee sich einverständlich mit dem Präsidium, welches auf eine weitausgreifende und erfolgreiche Tätigkeit größten Wert legte, gründete, nachdem nach eigenem Eingeständnis des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern er selbst sich seit vielen Dezennien Pergebens bemüht hat, für einen Tempelbau im ersten Bezirke die Zustimmung des Kultusvorstandes zu . erlangen und nicht erst in letzter Reihe die Mittel hiezu aufzubringen.. . Im Sinne der Spender haben wir dem Kultusvorstande die Wünsche derselben bezüglich des Wiederaufbaues des Tempels bekanntgegeben, wozu wir nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet waren, und lediglich von der Erfüllung dieser Wünsche die Ansfolgung des Geldes abhängig gemacht. Wir glauben, in dem Berichte der ,Oesterreichischen Wochenschrift" eine Lücke darin zu finden, daß der Vorsitzende die vorerwähnte Bemerkung des Dr. Schreiber ungerügt liest. Wenn die Kultusvorstände für den Gottesdienst nichts übrig haben, so sollen dieselben wenigstens alle jene Gemeinde- Mitglieder,' welche anderer Ansicht über die Pflichten der Kuliüsverwaltung sind, nicht durch derartige Anrempelungen entmutigen. Dr. Bloch's Wochenschrift