Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 41 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr . 41 Jahrgang XXXIV Zentralorgan für die gesamten IFnteressen bes Aubentums Off (?■ ff. k. Postsparkassenamt ~ÖO Clearing-Verkehr: 810.976 oo Redaktion und Administration: Wien H/i, Praterstraße 9 Telephon: 45-359 o d O 0--- ----O O icn, 26. Oktober 1917 Erscheint jeden Freitag Brief-Adresse: Wien. II/i, Praterstraße 9 Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie« oo f? Bezugspreis für Österreich Halbjährig 10 Kronen Ganzjährig 20 Kronen Einzelexemplare 50 Heller Anzeigen: Die 2 mal gespaltene Pelitzeile 48 Heller OO C\ OG: Ö £>o Inhalt: Leitartikel: Die allsonntägliche Judenhatz. — Der Wiederaufbau des Leopoldstädter Tempels. — Kriegsdekorationen jüdischer Offiziere und Soldaten. — Weitere Auszeichnungen. — Feldrabbiner Dr. Albert Schweiger. — Zum drittenmal ausgezeichnet. — Goldene Tapferkeitsmedaille. — Jüdische Landsturmmänner an ihren Kampagniekommandanten. — Sechs Söhne. — Heldentod des Oberleutnants Rudolf Grosser. — Leutnant David Berisch Engel. — Jom-Kippur im Hochgebirge. — Gruß aus der Kriegsgefangenschaft. — Zur Stellung des Judentums im gegenwärtigen Weltkampf. — Korrespondenzen: Ein jüdischer Invalide. — Budapest. — Eine Landesfeier der Juden Ungarns. — Bannfluch gegen die Kriegswucherer. — Köln. — Judenverfolgungen in Rumänien. — Ausschreitungen gegen die Juden in England. — Vermischtes: — Feuilleton: Aus dem Leben des hohen v Rabbi.Löw. — Literatur. — Briefkasten.— Inserate. Die allsontttagtiche Kudenhatz. : ■'/; ' i. ■ . " >Eine französische Dame, Madame dM u lm o y. erzählt in ihren Memoiren von einem Besuche in Madrid während der Regierungszeit König Karls II. Sie schildert mit behaglicher Ausführlichkeit, wie sie einer „göttlichen Komödie" beizuwohnen Gelegenheit hatte, als der König mit Merhöchst eigener Hand den Feuerstoßangezündet, uns dem 18 Juden und 9 christliche Ketzer verbrannten, und sie flicht die Bemerkung ein: „Es war kein echtes Fest für die Madrider, wenn nicht die Flammen eines Scheiterhaufens lichterloh gen Himmel schlugen."*). Mit einem wöhilberechneten Raffinement hatte man dcrs^ spanische Volk dazu erzogen, an den Grausamkeiten solcher Schauspiele Gefallen zu finden, sich zu belustigen — damit es vergesse seines eigenen Elends und nicht gedenke des staatlichen Verfalles^ des Niederganges und der allgemeinen Verarmung. Die schönen Gefilde des an Flächeninhalt Deutschland Wertegenen herrlichen Hispanien. über deren wunderbare „hundertfältige" FruchthaÄkeit schon Plinius/S trabo, Livius nicht genug stau^ neu konnten, Maren ein Jahrhundert nach dem Falle Granadas!, nach der Vertreibung der Juden so verwildert, -so verkommen, daß ihr Ertrag die äußerst schwache Bevölkerung nicht Mehr ernährenkonnte. „Ich bin", sagt Alfonso de H erer ra in seinem Buche über . spanische Landwirtschaft, dcD.1598,' iM Todesjahr des zweiten /Philipp/ erschienen ist, „Wer weite, öde Streckens /gezogen, öde, nicht weil die Natur ihre Gaben versagt, sondern weil hier niemand wohnt, der geerntet hätte. Wo früher 1000 Araber rege Hände hatten, können heute kaum 500 Christen ihr Dasein fristen." Als Philipp II. auch die Moriskos (arabische Scheinchristen) aus dem Lande verjagte, da war endlich das Land von den ver- *) Madamed’Aulnoy, „MSmoires delacoui d’Espagne'VH., Saft dämmten „Fremdftämmlingen" befreit — aber die aragonischen Hochländer wurden zu nacktem Stein, zu trieblosem Felsen, die durch, arabischen Fleiß bewässerten Fluren C st r eM a d u r a s und der Mancha verwandelten sich in immer ausgedehntere Wüsten. Das Land kam dermaßen herunter, daß in mehreren Distrikten kein Arzt vorhanden war, daß Philipp IV. keinen Finanizkundigen in Spanien auftreiben konnte und er sich aus Paris einen solchen hatte beziehen lassen Müssen, ja daß im Jahre 1711 die spanische Regierung einen förmlichen Beschluß faßte, keinen Spanier mehr an die Spitze der Geschäfte zu stellen, weil sie sich fast ausnahmslos als ungeschickt oder gewissenlos gezeigt hatten. Hungersnot und Armut, nahmen überhand. Große Massen starben vor Mangel und Obdachlosigkeit, ganze Dörfer waren verödet und in vielen Städten lagen während des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts mehr als drei Viertel der Häuser in Trümmer.**) _ Das Volk von Madrid aber ertrug geduldig all dieses Elend, weil es sich dafür an jedem Feiertag an dem Schauspiel eines Autodafes vergnügte und belustigte, auf welchem Juden und Ketzer dem Flammentod überliefert wurden. Getreu dieser Tradition, sehen wir gegenwärtig jene dunklen Gewalten, welche eine Renaissance der spanischen Judenpolitik für Oesterreich vorbereiten, dem christlichen Volke von.Wien allsonntäglich das Vergnügen und das Schauspiel einer literarischen Judenhatz bereiten. Ohne Judenhatz kein richtiger Sonntag. Auch heute gilt es in Wien, die breiten Volksschichten die traurigen Folgen der christlichsozialen Stadtverwaltung vergessen zu machen und sie auch nicht zum Nachdenken kom- **) Die traurigen Berichte lauten fabelhaft, man könnte es mcht glauben, wenn nicht von vielen Zeitgenossen sich fast gleichlautende Schilderungen erhalten hätten. C.mpomane.-. »Apendee a la Educasion Populär?, vol. I., p. 13.268. Buckle. Geschichte der ZbrAsation", IV., p. 58.Lafuente, »Historia gen. de Espana<, XVI., p. 519ff. Sembere, »Monarchie Espagnola«, II., p. 79ff. Ticknor, »History of Spanish literature«, III., 223.