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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-09-14 · 36 (14.9.1917) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
36 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Heit« 5S7 Nr. 36 Dr. BLoch's Lubliner Gouvernement. Die ganze Gegend stand mitten im Schlachtseuer, jeder Hügel war in eine Kampfstellung, jeder Wald in ein Heereslager umgewandelt. Wochen hindurch stürmte und donnerte es, in?, Rauch gehüllte Feuerboten flögen hin und her, Dörfer wurden vom Erdboden wegrasiert, Städte vernichtet. . . . Häuser und Menschen käinpften gegen Feuer und Rauch und auf allen Wegen stieß man auf .Hügel von Leichen. In jener Zeit war das System der . Vertreibung ganzer Gemeinden noch nicht bekannt. Nur mit den Juden, das merkte man schon, stand es schon damals schlecht. Nachrichten waren eingelaufen: da wurden drei unschuldige Juden gehängt, dort wurden Geschäfte der Juden geplündert, anderswo wieder wurden jüdische.Mädchen überfallen. . , . Und die Juden lebten in Schrecken und Zittern, man wußte nicht, was sich vorbereitet. Vor idem Fremden hatte man anfangs Angst, war er doch der Feind .... Und vor den..Eigenen? Vor den Eigenen mit den Kosakenhorden? Ein Gott im Himmel! pieiß. .... Am Tage betete man, daß es schon Nacht werde und in der Nacht, daß der Morgen komme und immer betete Man, daß sich Gott unser erbarmen möge. Der alte Jude seufzte tief und erzählte weiter: . . . Und dieses geschaham ersten Tage Rosch-Haschonoh, beim Schofärblafen in Krasnik. Die Synagoge war-überfüllt, alles war herbeigekommen, um zu beten; selbst der unfrömmste Jude war im Tempel: Es kam der Feldscher, der Apothester, der jüdische Doktor, alle waren da und gebetet wurde heiß'-und innig zu Gott, wie es die Engelsbolen, welche die Gebete vor den göttlichen Thron bringen, noch nie gehört haben. Die Juden fühlten sich am Rande des Abgrundes, so beteten sie zu ihrem Schöpfer, auf daß er sich erbarme über sein Volk Israel und nichtzugebe, daß es untergchö. .... Und der alte Rabbi von Krasnik, ein Mann von siebzig Jahren, stand mit seinem hoheitsstrahlenden, von silberweißem Haar, Bart und Peoth umrahmten.Gesichte, einer weißen, milden, gütigen Taube ./gleich, neben dem Chasan und betete mit tiefster Inbrunst und innigster Hingebung. Nicht Worte/waren es, die seinen Lippen entströmten, sondern ein Strom von Feuer und Flamme, von überwältigender Kraft. ... -Undes war, wie ich sagte, beim Schofarblasen. Der alte Rabbi /genoß -das Vorrecht, selbst Schofar zu' blasen und so traf er gleich nach Schacharis die. Vorbereitungen für dieses heilige Amt, ging ins Tauchbad, tauchte siebenmal unter, schloß jeden einzelnen feiner Gemeinde in seine Andacht ein, um gegen den Satan gewappnet zu sein. ... Nach.der Stille, die im Tempel.eine Weile geherrscht hatte, wurde es mit einenrmale wieder lebendig. Die Anwesenden begannen laut -und andachtsvoll „Lcrmnizeach" zu sagen, und als , es wieder still wurde im Bethause, holte der Baal tokea aus dem Vetikittel den/ Schofar hervor, sprach kaut -die Segenssprüche und begann zu blasen: — Tekioh, Scheworrrn, Truoh, Tekioh.... Aber ehe noch die dreißig Töne verklungen waren, entstand im Tempel von neuem eine Bewegung. .Ein/Offizier mit einigen Soldaten erschien am Eingang. — Schto, Zidi — Spioni! Wu signalirujete?! ,— Was, ihr jüdischen Spione, ^ihr gabt Signale dem feindlichen Aeroplan?! — Alles -begann an Händen und Füßen zu zittern. Und der, böse Zufall fügte es, daß gerade um /diese Zeit ein feindliches Flugzeug tatsächlich über , die Stadt und auch über unseren Tempel flog. Der Vorbeier hielt inne. Der alte Rabbi jedoch blies allein, ohne Vorsagen, weiter: — .Tekioh, Scheworiml. ... — Eto. schto? — Was bedeutet das?, und der Offizier entrj^ dem Rabbi den Schofar. Jetzt -erst ^erkannte der Rabbi die Gefahr und sagte: „Wir machen :das alle 'Jahr, es ist die Vorschrift unserer Religion." ,Mir kennen »schon eure Religionsgesetze!" wütete der /Offizier, /ihr /gäbt ' dem 'Feind, Signale; ein feindliches Flugzeug flog auch soeben über wie »Stadt; wir verstehen .. ." ' Und wen Soldaten sich tzuwendend, befahl er: Wochenschrift „Aufstellung vor der Tür. Herein kann jeder, hinaus darf niemand." Und er ging, um Bericht zu erstatten. Bald darauf wurde mit Trommelschlag der Befehl des Kommandanten verkündet: Alle Juden: Männer, Frauen und Kinder, haben sich in der Mitte des Marktplatzes zu versammeln. Die Wohnungen würden durchsucht werden; wer sich verborgen hat und erwischt wird, wird erschossen. Nun wurde der Gottesdienst unterbrochen. Eine Wolke dichter Trauer verfinsterte den Himmel der Judengemeinde von Krasnik. Und alle waren dem Befehl gefolgt, alle hatten sich in der Mitte, des Marktplatzes versammelt: Männer, Frauen, kleine Kinder, sechshundert Seelen. Der Kommandant kam, nahm vor den Juden Aufstellung, maß die in Todesangst Zitternden mit bösen, rohen Blicken und rief: „Ihr Juden seid Spione, gleich zu Beginn des Krieges konnte mans merken, heute wurdet ihr dabei erwischt: Ihr habt dein Feind durch eine eigene, hiezu dienende Trompete Zeichen gegeben. Da ist sie, die Trompete (er hob den Schofar in die Höhe). Ihr seid an allen Niederlagen schuld; ihr verratet alle unsere Pläne, ihr alle werdet hier begraben werden, da auf diesem Marktplatz! Vier Geschütze — auf jeder Seite eines — werden sofort aufgestellt werden und sie werden eure Leiber dreschen, wie man Hafer drischt — das wird eure Strafe sein!" Aus dem Marktplatz brach ein; Wehklagen aus, das die Luft von einem Stadtende, bis zum andercn Ende erfüllte. Die Mütter umhalsten ihre Kinder, sielen mit ihnen bewußtlos zusammen. Die Väter rauften sich die Haare, schlugen wie besessen Mit Fäusten gegen ihre eigenen Köpfe . . . Und der alte Rabbi, sein Andenken ist zum Segen, ging auf den Kommandanten zu und sprach: „Wasche wisokopre woschoditeljstwo!" (Hohe Erzellenzl! Erlaubt mir, eine Erklärung abzugeben.) „Was ist's?" „Das ist doch, Erzellenz, ein jüdisches Religionsgesetz. eine vieltausendjährige Sitte, dasselbe geschieht heute auf der ganzen Welt!" „Das ist nicht wahr. Ktschostu, zum Teufel mit dir!" war die Antwort. „Wasche wisoko", Hub der greise Rabbiner wieder an. „wenn dem so ist, so bin ich allein an allem schuld, ich bin ihr, Rabbi, ich lehre sie, ich sage ihnen alles und sie folgen mir; ich selbst habe die Trompete geblasen, lasse von ihnen ab und nimm mich!" „Gut," brummte der Kommandant, „zu dir brauche ich schön kein Geschütz. Dich werd.e ich aufhängen, aber die dort müssen hier stehen und dem zusehen." Und abermals stieg ein Wehklagen zum Himmel empor: „Unser Rabbi! Unser Rabbis!" Die Häupter der Gemeinde flehten: „Tut es nicht!"' - Der Rabbi aber sprach: „Ich bin schon alt, zähle bereits siebzig Jahre, nicht lange habe ich mehr zu leben. Ihr aber seid eme ganze Gemeinde-, junge Menschen, und dann — mir ist es jetzt vergönnt, das Gebot von Kidduschhaschem zu erfüllen, den Märtyrertod zu sterben zur Ehre Gottes. . ." Und zum Kommandanten gewendet: „Vor dem Tode erfüllt man selbst jedem Verbrecher seinen letzten Willen, ich bitte euch um eine letzte Gnade." „Was willst du?" „Latz mich» bevor ich por Gott hintrete, in die Mikwah gehen!" Man gewährte seine BMe, zwei Soldaten geleiteten ihm, in die Mikwah. .• Bald war der Rabbi wieder zur Stelle. Sein Gesicht leuchtete wie die aufgehende Sonne, nrit verklärtem Lächeln blickte eraufden bereits bereitgestellten Galgen, sprach die Widduj, das letzte Sündenbekenntnis und dann, weithin schallend, den Segensspruch: „Baruch . . . ascher kidschomi bemizwausow, weziwonu al Kiddusch haschem! Gelobt seist 'du Ewiger, der du uns geheiligt

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