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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-08-03 · 30 (3.8.1917) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
30 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 30 Seite 493 Dr. Bloch's Mief aus der Kefangenfchast. . Armin Kolm.an, Lehrer in Tapolcza, ist seit der Mobilisierung Soldat und seit dein 1. Juni 1915 Kriegsgefangener in Rußland. Er befand sich erst in Zaricin (Gonv. Saratows dann irr' Astrachan und ist setzt im Gefangenenlager 'Non Krasnojarsk (Sibirien) als Eirrj- Freiw.i-iZugsMhrer. Von seinen Mitteilungen, die er an seine Frau gelangen ließ^ v'evöffentlichit der „Egyenlöseg" das Folgende: „Ich 'verbringe hier meine Zeit nicht nutzlos. Abgesehen davon, daß ich selbst für mich koche (werrn cs etwas zu kochen gibt), flicke und Strümpfe stopfe, habe ich die Analphabeten zusam'mengenomMen und erteile ihnen Unterricht. In Ermanglung einer Fibel zeichne ich ihnen selbst die Buchstaben v!or und erziele schöne Erfolge. Dann habe ich im Lager eine Kultusgemeinde organisiert und. wir halten, wenn möglich, auch an Samstagen, jedoch immer an den Feiertagen Gottesdienste, bei welchen ich 'vorbete. Ich halte häufig religiöse Vortrage, denn wahrlich gar Mancher hat keine Ährrung davon, weshalb die einzelnen Festtage gefeiert werden. Wir feiern auch die ungarischen Nationalfeiertage, an welchen ich — dies' gehört schon zu meinem Berus — belehrende Vorträge halte. Ueber meinen Vorschlag gründeten wir einen Hilfsverein; wer kann, zahlt ein, damit derjenige, der darauf angewiesen nst, ein Darlehen erhalte. - Im Februar 1917 bewog ich) besser gesagt, zwang ich Meine hier befindlichen Lehrerkollegen, mit mir zusammen eine Art „Freies Lyzeum" zu -errichten, in dem populärwissenschaftliche Vorträge gehalten werden. Mangels jeden Buches ist es allerdings sehr schwer, solche Borträge aus dem Gedächtnis zusammenzustelten, aber es geht'schließlich doch. An jedem.Weiten Abend hält ein anderer einen Vortrag! 0>or einem' großen Auditorium, bei großem Interesse, und ich kann sagen: diese Vorträge sind sehr nützlich. Große Schwierigkeiten legt uns der Russe in den Weg. . . ."_ Zwei Zeugen jüdischer Tapferkeit aus dem Wittelatter. Aus der mittelalterlichen deutschen Stadtgeschichte werden von Karl Seifart in einem' Aufsatz in der „Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte" zwei Zeugen für die Streitbarkeit der mittelalterlichen Juden angeführt. Die Städte, welche die beiden kriegerischen Juden zu ihren' Waffengenosfen zählten, waren die Bischofssitze Köln und Hildesheim. In Köln finden wir einen streitbaren Juden auf Seite der gegen 'das bischöfliche Regiment empörten Bürger zur Zeit der Kämpfe gegen die Erzbischöfe Eonrad und Engelbert. Ueber diese Kämpfe besitzen wir in der Reimchronik des Stadtschreibers Gottfried Hagen eine wichtige und zuverlässige Quelle. Sie feiert unter ihren Helden Mit allen damals üblichen dichterischen Beiwörtern einen Bürger, namens Daniel der Jude, der M 'der Seite der „Overstolzen" und anderer angesehenen Patrizier focht. D. wird als ein wahrer „Weigand" hingestellt: „Herr Daniel: ein Bürger kühn und 'schnell; er streitet wie ein Löwe; die Feinde 'vermeiden ihn gern, er durchbricht den Feind wie ein Falke, der den Vogel schlägt." „Da was Herr Hermann de Rode — De gewont was zo dem' Dode — Und der Jude Herr Daniel Ein kone Burger und snel. — Herr Mattheis Qverstulz was ihr ein — Herr Daniel der Jude, dessen engein —. Ensuich men viande vermiden, — Man saich sy alse lewen striden." — Der Tag blieb den Kölnern, aber der Jude Daniel und seine Mitstreiter, welche sich zu Mit gewagt hatten, wurden gefangen, -entwaffnet und zu „Brechen" auf ein festes Wochenschrift Haus des Bischofs gebracht. Selbst der Bischof rühmt seine Tapferkeit und stellt ihn dort den Seinigen als Muster 'vor: „Sich Magens ale myne schämen — Dat unser desen ein enich Mann, — Dat is der Jude Daniel, — Hadde sy d-urchbrichen also snel — Als ein valke der einett Vogel fleit — Daniel wie du auch gefangen sijs — Des strydens gern ich dir den prys — drissig Ritter sind mir gevangen ave — End ich bin bas an uch have.". — Der zweite Zeuge, den Seif a r t zitiert, ist ein jüdischer Landsknecht, der lange Michel, welcher 1520 tapfer in der H il d e s h e i m e r Stistssehde focht und eine nach den damaligen Verhältnissen sehr bedeutende Vergünstigung von feiten des Rats erlangte. Von ihm heißt es in einer alten --Chronik: ^Gründliche Rett und Behauptung der Stadt Hilvesheimischen Freiheiten, derselben anklebenden Regalien hoher Gerechtigkeit usw. HildesheiM. 1733": „lveilen^ er insonderheit 1520 währender Stiftsfehde ein guter Ävldar gewesen, ist er 'vom Rath ausgenommen und dadurch wieder den Anfang zur Toleranz der Juden gemacht, welchem Michael Anno 1542 ein anderer Jude immens LeisMann succediiret, den der Rath tolerirt, weilen er der hebräischen Sprache trefflich kundig gewesen und die damals angenommenen protestantischen Lehrer hat darin unterrichten können." — Die Juden Daniel und M ichael zeigen aufs deutlichste, daß selbst das Vorurteilsvolte, bunte und wilde Mittelalter hin und wieder von seinen Vorurteilen abgehen konnte. In unseren Tagen aber erheben Verleumdung und Judenzähtnng v'on neuem ihr Haupt. Erleuchtetes 20. Jahrhundert. . . '. Ire russischen Juden für die MvoL'ulion. Winawer Wer das Verhakten der Inden. Der Petersburger Korrespondent des „Temps" berichtet seinem Blatte Wer eine Unterredung, die er mit dem bekannten Kadettenführer Winawer, einem hervorragenden Repräsentanten des russischen Judentums, hatte. Winawer deffniert das Verhalten der russischen Juden zu der revolutionären Bewegung folgendermaßen : „Die Revolution hat den Juden die vollständige Gleichberechtigung mit ihren übrigen Mitbürgern .gegeben, weshalb die Juden selbstverständlich! auf der Seite der neuen Regierung stehen. Da sie aber in sozialer Beziehung zur Klasse der Kleinbürger gehören, ist die überwiegende Majorität der russischen Juden Anhänger der konstitutionellen Parteien gemäßigter Richktung. Sie treten für strengste Ordnung ein und sind die erklärten Feinde jeglicher Anarchie und sozialer Revolution. Man wirft den Juden vor, daß ein Dutzend von ihnen bei den Maximälisten und Leninisten eine hervorragende Rolle spielt. Diese bedauerliche Erscheinung findet aber ihre Erklärung, darin, daß die Jugend, der während des alten Regimes der Zutritt zu den Hochschulen 'verwehrt blieb, sich naturgemäß der Ovposition unid den extremen Parteien anschloß. Im Vergleich mit der jüdischen Gesamtheit ist jedoch diesen extremen Elementen keinerlei Bedeutung beizumessen. Sie sind vollkommen isoliert, haben 'größtenteils ihre Religion abgelegt und werden allgemein verachtet. Die jüdische Presse verfolgt diese Renegaten mit bitterem Haß. Wirklich ernst 'zu nehmen sind nur die drei g r o ß e n jüdischen Parteien, die jüdische Arbeiterpartei, die einen stark sozialistischen Einschlag hat, die Zionisten, die eifrig für die Wiederherstellung Palästinas agitieren, und die Gruppe der jüdischen Nationalisten, die auf realem Boden stehen und nur auf eine Verbesserung der Lage der Juden in Rußland hinarbeiten.

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