Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 26 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 86 ■ ffilf. BlEZ GöMnfchnfk" Seite 423 nationalen, und sozialen Momente. - die die Menschen zu einem Rudel wilder Bestien werden ließen, nun komme noch die r e l i g i ö s e Schmerzensnote hinzu. . . .EigentlüMicherweise wird in den beiden Berichten, mir/von den schwer beleidigten religiösen Gefühlen der Christenheit und MohamMedaner gesprochen. Die religiösen Gefühle der In den heit, die damitgetroffen sind, werden stillschweigend übergangen, negiert und wir sind unwillkürlich! verwundert. Kein Volk der Welt hat je so lange und so intensiv semeit heiligen Stätten in. Jerusalem nachgetrauert, als das jüdische. Jedes neue Jahr legt Zeugnis stftefür ab. mit seiner drei Wochen andauernden Fastenzeit und mit seinem schweren Tag der Kasteiung am 9. Ab; mit der-v, Anstimmvng der Klagelieder des Propheten Jeremias und der herzerschütternden Zionide Juda Haleoy's! Und dennoch haben diese Berichte über die völkerrechtswidrige Bedrohung der heiligen Stätten sorichtig, lvie nochnie. der jüdischen Gefühle nicht gedacht. Jerusalem ist ngmlich! .für uns Juden mit seinen biblisch, heiligen Stätten so oft und so gründlich zerstört worden. daß — .so rätselhaft es uns erscheinen mag — für den Juden heilige Stätten, die von Zerstörung bedroht werden könnten, in derselben überhaupt nicht mehr vorhanden sind. Die Juden haben an vorhandenen heiligen Stätten nur die einzige Klage Man er. ein winziger, alter Rest des zweimal-zerstörten Heiligtumes; der kann mit seinen uralten, iw den Berg eingebauten Quadersteinen llfcht weiter zerstört werden, denn er ist an sich selbst nur noch eine Ruine. Es könnten höchstens die aller Pietät, spottenden kleinen Araberhänschen von den Bombell vernichtet werden, die den schmalen Zugang zur Klagemauer noch mehr einengen. und deren den Juden feindseligen Einwohner Schaden zufügen und sie von dort für immer vertreiben, was nur zum Vorteile für diese schmerzensreichste Andachtsstätte der Juden gereichen .würde. . . Das alte Jerusalem ist uns Juden gründlich verwüstetworden; wer es zum erstenmal betritt, den ergreift ein. tiefes Weh. Wer da in das alte ^Jerusalem durch eines der sieben Tore sich hineinbegibt, der ist von dem Anblick tief erschüttert. Die Gassen sind schmale Gehwege, krumm, eckig, holperig, eng, ohne Luft und Licht, vermauerte Wände, Düren im Versteck, Fenster oberhalb des Gesichtskreises, wie in Kerkermauern, gleichzeitig ein GewiMMel und Getümm'el der sicheinander hindernden -Passanten; durch diese schmalen Gänge lvie eingekeilt, aneinanderstoßend, sich hindurchdrängend; schmal eingelegte Vertiefungen, iw wen Mauern, wie hineingedrückt; nichts als Gestein, uraltes Gestein an den Seiten, nebenan, unter- und oberhalb; altes, verwittertes Gestein, wie ineinandergeschichtet, und diese lebenden Ruinen, belebt von Menschen, Tieren und geschleppten Lasten, sie sind nichts anderes als auf . Ruinen gehäufte Ruinen; 15—30 Meter tief, wenn man.in ihnen wo immer nachgräben würde, fänden sich immer neue Ruinen, Trümmerhaufen auf Trümmerhaufen; jedes tieferliegende Trümmerfeld ein . Zeugnis früherer Zeiten, und Jahrhunderte bis Jahrtausende. Denn seit mehr als zwei 'Jahrtausenden wurde keine Stadt so:' oft 'belagert, erobert, erstürmt, verwüstet und auf den alten Trümmern wieder ausgebaut. Kam ne doch seit jener Zeit in die mannigfaltigsten Hände. Rom. Persien. Byzanz,r der Islam!, die Kreuzzüge des Mittelalters Hund dann erst wechselte sie vielfach den Besitzer durch einander -bekämpfende Dynastien, und bei jedem Kampfe wurde sie neuerdings zerstört und auf die alten Zerstörungen wieder neu mit alten Steinen aiMebaut. Es ist-ein-vielfach aufsteigendes Trümmerfeld; wie sollte es da noch alte, für uns Juden heilige Stätten in Jerusalem geben!? Nein, unsere jüdischen Heiligtümer aus alter Zeit, können in Jerusalem nicht mehr von englischen Bomben getroffen werden, weil sie nicht mehr vorhanden sind! Und nun erst der Oelberg! _ Geschichtlich wird er nur zweimal in der heiligen L-chrift erwähnt, -aber nicht mir seinem wirklichen Namen. Da heißt es in Könige I: „Damals baute Salomo eine Höhe für Kamos, den Götzen Moabs, auf dem Berge vor Jerusalem." Wie der Berg hieß, wird im Texte nicht gesagt. Der große Kommentator Raschi fügt hinzu, es sei der Oelberg gemeint. Im (Buche der Könige II wird (oom großen Regenerator, dem Könige- Joschijahu. erzählt: „Und die Höhen vor Jerusalem rechts vom Berge des Verderbens, die Salomo gebaut . . . verunreinigte der König." Und wieder bemerkt der Kommentator, es sei der Oelberg gemeint, dessen Bezeichnung von der heiligen Schrift aus religiösen Gründen eine kakophemistische Umwandlung erfahren hatte. Die Grundlage zu diesen Bemerkungen bildet die talmndische Auseinandersetzung im Trakrat Sabbar 56 b. Mit seinem wirklichen, gegenwärtig bekannten Namen als Oelberg kommt er eigentümlicherweise nur ein einzigesmal in der heiligen Schrift vor, er wird nämlich von dem letzten Propheten erwähnt.- von Secharja; da erst erhält er eine Bedeutung, die uns- Juden ein Zn<- kunftsbild wird. Um dieses voll zu erfassen, gilt es, uns diesen Oelberg in seiner. Konfiguration darzustellen. Er überragt den gegenüberliegenden Moriaberg. Infolgedessen sieht man von seinem Gipfel aus über die ganze Stadt und überschaut das Terrain, auf welchem 'einst das Heiligtum gestanden und auf welchem gegenwärtig die prächtigste der Moscheen, der Felsendom, die in allen Farben leuchtende Omarmoschee. sich befindet. Und noch ein anderer Anblick bietet sichdem Beschauer. ein solcher, der zu einer im Volke verbreiteten Legende Gelegenheit geboten haben dürfte. Auf dem Oelberg«? befinden sich die Grabstätten der verschiedensten L-ekten der Christenheit. Klöster und Kirchen mit Türmen und Kuppeln, in Gold schimmernd und in Pracht glänzend, die uns die Macht derselben repräsentieren. Gegenüber die wie gleißendes Marmor glänzenden Wände der Omarmoschee, die wieder die Gewalt der herrschenden Konfession des Orients vor Augen führt, und zwischen diesen beiden Machtmerkmalen des Okzidentes und des Orientes breitet sich das Kidronlat aus', das mit tausenden von Gräberplatten bedeckt ist. ein Friedhof der jüdischen Geschichte, der von Davids Zeiten - bis in die Gegenwart reicht. Da geht nun folgende Legende im Volksmunde herum. Wenn einst der Tag der Abrechnung kommen werde, die Zeit der, Auferstehung aus den Gräbern, da wird ein haardünner Faden, gleich, einer Brücke, gezogen sein, der sich vom Oelherg bis zum Moriaberg hinzieht, und die sich in ihrem Leben dessen wüxdig gezeigt haben, werden über diesen Faden fest und sicher in das Heiligtum kommen; jedoch, jene, die schuldbee lastet fijtb, die werden von dieser fadendünnen Brücke in die Tiefe stürzen und nimmer auferstehen. Diese Volkssage. sie hat nun gewiß ihre Entstehung der eigentümlichen Konfiguration dieser Gegend zu verdanken; die beiden Berge, die sich machtvoll gegenüberstehen. mit dem Gräberral der jüdischen Geschichte in der Mitten Wie nahe liegt es da. dem Volke, sich zu sagen, wenn einst „das- Ende der Tage" herankommen sollte, werde sich alles ausgleichen und werden die beiden gegenwärtig mächtigsten Konfessionen der Wett selbst. eine Brücke