Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 Seite ML Dr. Bloch's schertuM sauden Untergmrg die Mächtigsten - nicht durch Menschenhand/' (Hiost 34, 20.) Der Wandel alles Menschlichen ist im ganzen Laufe der Geschichte kaum jemals so grell zur Anschauung gebracht worden, wie in dem Äturz des Zarentums. Gebieter über ein Reich, das ein Neuntel der bewohnten Erde umfaßte, Herr über mehr als hundertsünszig Millionen Menschen: und Gebieter und Herr im vollen Wortverstand, im vollen Ausmaß des Begriffs. Denn ihm entquollen alle Gesetze, alte Rechte seines Landes, und Gesetz und Recht setzten dem „Selbstherrscher aller Reußen" nirgends eine wirkliche Schranke. Es war in der >vat und Wahrheit menschliche Allmacht, die sich in Nikolaus verkörperte. Und so sehr flößte auch! außerhalb seines eigenen Reiches diese Zusammenfassung aller der unermeßlichen Staatsgewalt in einem Menschen eine fast ehrfürchtige Scheu ein, daß nahezu alle Fürsten Europas dem Zaren eine Art Vorrang einräumten.!Er galt sogar — sonderbar genug — als Hort der Legitimität! Der Nachkomme der Romanow-Holstein- Gottorv wurde 'Repräsentant des Legitimitätsprinzips! „Dieser hier" — so rief einst Peter der Große mitten iu einem wüsten Gelage und selbst volltrunken, und zeigte auf Iwan Mussin Puschkin — „weiß wenigstens, daß er der Sohn meines Vaters ist! Bon wem aber komme ich her? Bist du es> Tichon T re sch new? Gehorche! Sprich ohne Furcht! Sprich oder ich erdroßle dich. . ." „Gnade, Herr! Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Ach war nicht allein. . ." Seiner Tochter, der Kaiserin Elisabeth Thronerbe war der Prinz Peter aus dem deutschen Fürstengeschlecht der Holstein-Gottorv, dem man eine arme deutsche Prinzession aus denk Hause Anhalt-Zerbst, die spätere „große Katharina", zur Frau gab. Sie gebar ihrem Gatten einen Sohn, der als Kaiser Paul der Stammvater der neuen Dynastie der Ronmnow-Holstein-Gottvrp wurde. Wessen Sohn war Paul? In ihren berühmten Denkwürdigkeiten^ die Alexander Herzen in den Fünfzigerjahren des vorigen Jahrhunderts herausgab, legt sie aussichrlich dar, daß und warum Peter tnit ihr keine eheliche Gemeinschaft gepflogen. Man drängte sie nun trotzdem, dem Throne einen Erben zu schaffen: „Die Kaiserin (Elisabeth) sieht, etwas Ungebührliches darin, datz Katharina keine Kinder hat. Madame Tfchogletow spricht mit ihr darüber, gibt ihr zu verstehen, datz man seine Bedenken fahren lasse müsse, wenn es sich um das Wohl des Staates handle, und schlägt ihr zuletzt vor, zwischen S o l t i k o w und N arischkitt zu wählen." Katharina wählte S o l t i k o w . . . . Trotzdem aber war der Zarismus der Hort ver Legp timität, der Kirchlichkeit. Der Zar war in den ineisten Staatelk auch ein Bestilmnungsgrund der inneren Politik, in dem republikanischen Frankreichs nicht anders als iit dem monarchischen Preußen und allüberall. Die diplomatische Geschichte des letzten Jahrhunderts ist die Geschichte abwechselnder schmerzvoller Demütigung der europäischen Mächte vor dem Großherrn des Ostens gewesen. Und in weniger >als lvierundzwarrzig Stimdeu loar das Kaisertum, seine Regierung, seine Polizei in Trümmer geschlagen, und einige Tage später auch das Heer mit- ' samt seinen Generalen kein kaiserliches Heer mehr. Es hob sich int Lande keine.Hand für dm „geheiligten" Zaren, fast mühelos gingen die sämtlichen Machtstellungen des kaiserlichen Regiments in die Hände der Revolution Ger. Die intimsten Diener imd < Hoffchranzen ergriffen eilig die Flucht, selbst die Kanmrerzofen der Kaiserin baten um Entlassung. Seine historischen Schick.älsgenossen waren doch noch im Besitz: treuer Seelen. Karl I. von England imtrbV von Wochenschrift seinem Diener Parry nicht verlassen, als chn Cromwell in den Tower schlepptean der Befreiung von Marie Antoniette arbeiteten hingebende Bewunderer. Bor allem aber erhoben sich ganze Provinzen, die Bendee und die Bretagne zugunsten der Bourbonensamilie. Nikolaus blieb ganz allein. Die guten F r e u n d e des „allmächtigen" Zaren, die Miierten in London, Paris iknd Rom. sahen dem Akt der Gerechtigkeit ruhig zu, sie gaben dem Freund, der einst der „edle Zar" genannt ward, womöglich noch einen Fußtritt. Nur in Wien werden ihm Tränen der Rührung nachgeweint; nur in Wien wird das Mißgeschick betrauert, das dieses von dem Ingrimm eines ganzen Volles niedergeschlagene. Gemisch ans Despotie, Aberglauben. Grausamkeit und Unfähigkeit so jäh ereilt hat. Die Nutznießer der Reaktion wissen sich seines Geistes und in dem Untergang des Zarisnms ahnen sie das iknabwendbare eigene Geschick. Der „Reichspost" geht es vor allem aik die Nerven, „wie sehr die neue Regierung sich den Juden verpflichtet fühlt" (29. März); „daß Miljukow schon in der ersten Kriegszeit äußerte, seine Partei werde die gesetzliche Gleichstellung der Juden fordern; die Spionageairklagen gegen die Juden seien Phantasien". Gleichzeitig meldet das Blatt aus Stockholm: ,'Justizminister Kerenski beschäftigt sich, nach zuverlässigen Petersburger Meldungen, bereits mit der Ausarbeitung der Anklageschrift gegen das Zarenpaar. Es soll diesem angeblich darin auch Hochverrat vorgeworfen werden; die Zarin werde mit der unsinnigen Anschuldigung bezichtigt, datz sie in Zarskoje Selo eine drahtlose Station unterhalten habe, um während des Krieges mit Deutschland zu verkehren und dorthin Nachrichten zu übermitteln." „Man betrachtet diese Art der Anklage hier als ein Zeichen, welche, bedenklichen Ausblicke das Verfahren gegen das Zarenpaar eröffnet." Wie in eir.ent kunstgerechten Drama folgen einander die Geschehnisse mit unerbittlicher Logik wtb die giftige Lüge der Spionage, ersonnen, die Leidenschaften der Massen gegen die verfolgten »vehrlosen Juden anszupeitschen, kehrt sich gegen die Urheber. Die „Reichspost" versucht sich schließlich zu trösten: „Im russischen Heer hat sich wahrend des Krieges bekanntlich eine ausgesprochen antisemitische Stimmung geltend gemacht; es wird der provisorischen Regierung nicht leicht fallen, denselben Soldaten klar zu machen, datz sie jetzt die Zuden als gleichberechtigte Mitbürger anzunehmen haben." Wir dürfen die Herren von der Strozzigaffe berühr gen. Das freie Rußland, das lange genug unter oer Knute des regierenden Frevels geseufzt, hat, indem es das zarische Korrnptionsungeheuer. das mit seinem Pest- Hauch Europa vergiftete, totgeschlagen, vor aller Welt die Festigkeit bekundet, eine neue Zeit einzuleiien, eine Zeit, in der nicht nur die Freiheit und Gleichheit, sondern auch die Brüderlichkeit eine gewaltige Entwicklung erleben, für Volks- und Kriegshetzer kein Raum sein wird. Wer die letzten Ueberreste des Mittelalters in lebenden Exemplaren wird anstannen »vollen, wird sich schon zur Reise -- nach Wien bequemen missfen. KriegsdeLoriltiouerr jüdischer Hsfrziere und Soldaten. Seine Majestät der Kaiser hat verliehen: das M i l i t ä rv e r d i e n st kr e uz 3. Klasse mit der Kriegsdekoration und den Schwertern für tapferes Verhalten den Oberleutnants d. R. Hermann Kuhn, San.-Abt., Wilhelm Ritter v. Gut mann, reit. Art.- Mv.. Ernst Pollaf, Fest-Art.-Bat.. JnlinS Svira,