Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 14 Seite 214 Dr. Bloch's Wochensch rift" ehrwürdigenjüdischen Greis schlagen, weil er seinen Laden Wer die vorschriftsmäßige Zeit hinaus offen gelassen hatte; darauf brach der Gouverneur in Lachen aus, als er bemerkte, daß seine Uhr nicht richtig ging, und daß es eine Stunde früher war als er g-eglmibt hatte/" Dabei wurden die alten Hausmittel der Reaktion nicht verschmäht: Alljährlich vor dem Osterfeste arrangierte man einen großen Juderrprozeß, wie z. B. Prozeß Beilis usw., und wenn bei solchen Gerichtsverhandlungen Organe .der Staatsverwaltung, Vom niederen Mnschik bis hinauf zu den Ministern der Krone, häufig genug schwer kompromittiert den Gerichtssaal verließen, so wertete man solche Nebenwirkung gering int Hinblick des großen Zweckes, durch Inszenierung antisemitischer Spektakelstücke die Aufmerksamkeit der Massen von der allgemeinen Fäulnis und Korruption abzulenken. Was war der innere geheime Sinn des zarischen Wissens gegen die Juden? Welche Zwecke verfolgte man? Mn flotter Staatsanwalt aus der Provinz, von den Regierungsplanen durchdrungen, lüftete das Geheimnis bereits im Jahre 1882, und es hieß: die westliche Grenze sei für die Juden offen. Ungeschminkt und unzweideutig konnte die russische Regierung das, was sieben Silben zu sagen hatte, nicht klar und.deutlich anssprechen. Ein zarischer Was zur Vertreibung sämtlicher Juden aus Rußland hätte unweigerlich Einspruch und Intervention jener Mächte hervorgerusen, die von einer. Invasion der Verfolgten und der Geflüchteten bedroht waren. Man mußte somit mit der Sprache vorsichtig zurückhalten und das Ziel auf anderem Wege zu erreichen streben? Weder durch ein besonderes Dekret noch durch Worte, sondern durch Taten machte man den Juden begre iflich daß sie aus, Rußland aus g ew iesen werden sollen. Der Leiter-der -inneren Politik in Rußland bis zum Jahre 1905, Pobjedonoszew, enllvickelte und deutete die >alte Formel. Nach! seiner Meinung würde dank den ergriffenen Maßnahmen ein Drittel der Juden auswandern, ein Drittel den Hungertod sterben und ein Drittel würde sich taufen lassen. Diese-„Profession de soi" eines russischen Staatsmannes, der. während 25 Jahren im Zentrum der Regierungspolitik, stand, kann als getreue Widerspiegelung der zarischen Absichten gelten. Bon diesem Standpunkte ausgehend, hatte die Regierung dem Baron Hirsch der im Jahre 1891 mit seiner großartigen Idee der Organisation der Auswanderung ausgetreten war, das größte Verständnis entgegengebracht. Die Befreiung von den Juden, die der Bevollmächtigte des Baron Hirsch, Arnold White, der russischen Regierung? in Aussicht stellte, war zu. versnHrerisch. Er versprach, daß im ersten Jahre der Tätigkeit der Gesellschaft 2Z.000 Juden aus Rußland übersiedeln werden, und daß im Laufe von weiteren 25 Jahren bei progressiver Vergrößerung der Emigrantenzahl 3,250.000 Juden Rußland verlassen würden. Die Regierung gewährte sofort die Erlaubnis zu einer Organisation der Auswanderung; doch, hatte sie klar und unzweideutig eineBed ingung gestellt: die Auswanderer dürften irie nach Rußland zurückkehren! So existierte denn für die russische Regierung nur ein Weg zur Lösung der jüdischen Frage: die Vertreibung ans dem Lande! Um diesen Zweck zu erreichen, verbreitete man den Antisemitismus sowohl in den bürokratischen Kreisen als auch in der russischen Gesellschaft/ soweit sie dem Regierungseinfluß zugänglich war; es folgten Pogrome, Vertreibungen aus. den Dörfern, Vertreibung aus Mosern und anderen Städten,. unzählige Revisionen des Wohnrechts -in. den inneren Gonvernoments. Aenderung der festgesetzten Gesetze über die Wohnfreiheit der Handwerker, über den Zutritt zum Staatsdienst, Ausschaltung der Juden aus der kommunalen Selbstverwaltung, dann neue Pogrome, neue Vertreibungen, Schlag aus Schlag, m id der Grausamkeit län gst vergangener Zeiten. * / * Das Wüten der Reaktionäre gegen Juden und Judentum hat seine innersten tiefsten Gründe. „Die ganze Religion der Juden," sagteCreitfieug' vor dem Kriegsgerichte in Oran, „beruht auf dem Hasse der Knechtschaft, aus der Dankbarkeit für ihren-Befreier." Der Gott Israels sagt ihnen auf jeder Seite der Bibel: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich ans dem Lande Aegyvten, aus dem Hanse der Knechtschaft herausgeführt hat."' .Und heute noch, nach 4000 Jahren, bei der Feier unseres Pessachfestes, wenn rings mit den festlich geschmückten Tisch die Freude strahlt aus allen Gesichtern, wendet sich der Sohn' an den Familienvater mit der naiven, vorgeschriebenen Frage: „Warum ist diese Freude, diese glückliche Stimmung heute größer als alle Tage?" Und der Vater gibt ihm die bedeutsame, rührende Antwort: „Mein Sohn, wir waren Sklaven in Aegypten; heute ist die Jahresfeier des g r o ß e n Tages unserer Befreiung!" Zar Nikolaus warunbeständig und voller Wankelmut; nur in einem blieb er konsequent und stark: in seinem Verhalten gegen Juden. Drei M ö rder eines Charkower Advokaten begnadigt e " er, indem er. eigenhändig schrieb: „Begnadigung ivird an 36. A. Z. gewährt, die einen niederträchtigen, re'volutionären Inden getötet haben.," An den Rand des Plehweschen Gesetzes über die Ausweisung der Juden aus Sibirien (1902) schrieb er: „Die Juden überschwemmen^ alljährlich ganze .Distrikte in Sibirien mit ihrer widerlichen Gegenwart; mit diesem unerträglichen Zustande muß. aufgeräumt werden/' Im Sinne des Zaren handelten seine Generäle beim Ausbruch des Weltkrieges, vor allem der Großfürst Nikolai Nikol ajewitsch. Auf ihn ist es zurüttzusühren, wenn General Haledin vor dem Sturm auf Luck den in diesem Quartier versammelten drei kommandierenden Ge - nerälen und mehreren Divisionären den klassischen 'Befehl erteilte: -^„Die Iu.d enbagage wird vor an, ins Feuer gejagt." Auf ihn ist es zurückzuführen, wenn die jüdische Zivilbevölkerung zu Tausenden und aber Tausenden als Kanonenfutter zur D e ck u n g a n di e r u ssis ch, e F r o nt geschleppt wurde; wenn die Juden überall als Geiseln zurückbeh alten wurden; wenn die Vertreibung der Juden unter dem Vorwände befohlen wurde, -sie verbreiteten ansteckende Krankheiten; wenn ve r w u n d et e j ü d i s ch e Sol d a - ten, die das Georgskreuz schmückte, aus den Lazaretten geworfen wurden, sofern diese außerhalb der Judenbezirke lagen. Auf ihn ist es zurückzuführen, daß, um das Märchen von ber Spionage d er Iuden — nebenbei bemerkt kämpfen nicht weniger wie .400.000 jüdische Soldaten im russischen Heere — aufrechtznerhalten, den Zeitungen von der Kriegszensur verboten wurden die Namen der Tausende von jüdischen Soldaten zu nennen, die militärisch e An s z eich n u n gen er halten hatten. Welch unbändiges Vergnügender- Großfürst an der Mißhandlung der -.Juden enlpfand,. zeigt u.. a. - auch! folgende Aensterung: „Wemr sich? meine Soldaten schinden,, dann snMssen sie auch ihr Vergnügen haüien, und stvenn dabeirein paar Judenschädel eing.e.schlagen werden, so hat, das trotz des Geschreis der Londoner Synagoge weiter keine Bedeutung." : „ „Da in einem Nu, und sie sind nicht - - in einer , flüchtigen Mitternachtstunde verschwand das Herr-