Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 34 (1917)
- Issue
- 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 1S8 1 Dr. MM'§ Wörmes NachtMahk für arme Schulkinder. Au aller Stille mrd ohne jedes Aufsehen hat an« fangs Februar der Elternverein „Pestalozzi", 2. Bezirk, Große Sperlgässe 32—34, mit einer Aktion eingesetzt, die so recht den Bew?eis erbringt, daß der rührige Verein inseiner Fürsorge Ur das arme Schulkind stets auf' der Höhe der Situation MM und dem Ernst der Zeit Rechnung zu tragen versteht. Während er seit Kriegsbeginn täglich! Kinder mit Mittageffen betellt (gegenwärtig erhalten 950 Kinder dasselbe) und seit November 1916 das FrühstW ftir 19 Schulen der Leotmldstadt verabfolgt, belontmdn nunmehr arme Schulkinder in der Kindersveisehalle, 2. Bezirk, Große Sperlgaffe 31, täglich zwischen 6—7 Uhr abends' ein warmes Nachtmahl, bestehend aus Suppe, beziehungsweise Gemuse. Offiziell heißt es eine Portion, in Wahrheit darf dies' jedoch nicht buchstäblich genommen werden, denn jedes Kirrd bMomMt so oft, bis es seinen Hunger gestillt hak' Es ist herzentzuckend und für jeden Kinderfteund wahrhaft rührend, zu sehen, wie die Kinder leuchtenden Auges das Lokal betreten, sich! dann zum gedeckten Tisch setzen, woseKst ihnen von freundlichen Damen das Essen zugeteilt wird. Da 'kann man erst fehlen, welche Wohl-l tat es' Mr die Kleinen ist, auch zum Abend etwas Warmes zu haben, trotz alter Kriegs-- und Kohlennot. Täglich! werden derzeit zirka 300 Kinder derart gespeist, oWL erst. Kitten oder betteln zu Müssen. Wer kdMMt, dem wird äufgetan. Diese Nachtinahla'ktion steht unter Leitung des seit Kriegsbeginn eingesetzten ANionskonritees des Elternveremes^ „PestaloDi" uitter denr! Präsidiunt des Herrn Arnold L eMbe rge r und dessen Stellvertreter Herrn Josef Stern, sowie den Damen Marie Piowati, Dora Stein und Rosa Werner. .MpMden für ^MÄM-en Zweck ' sind bereits McheLnnmen, mÄ es ist zu erwarten, daß' weiter edle Menschenfreunde sich finden, welche diesen Zweck fordern werden. Dir. AmM MsenWcher, Präsident der Prag-er israel. KultusMtneinde s. A. An der Macht vom 20. zuM 21. Februar ist der Präsident der Prager israel. Kultusgemeinderepräsentanz Dr. Arnold Rosen buch er nach langer Krancheit aris dem Leben geschieden. Rosenbachter war einer der vornehmsten und würdigsten Repräsentanten des österreichischen Judentums und sein Tod reißt eine Lücke, die nicht bald ausgeMlt werden' dürfte. Die Prager „Bohemia" widmet ihm Mgenden Nachruf: In der Nacht vom 20. auf 21. Februar ist der Präsident der Prager .israel. Kultusgemeinde Rechtsanwalt JUDr. Arnold Ro senbacher, einem .jahrelang mit beispielgebender Geduld und . Ueberwindung ertragenen Leiden erlegen. Mit ihm verliert die .Prager stsrael. Gemeinde und die Gesamtheit einen schweren, unersetzlichen Verlust. Denn mit Dr. Rosenbacher ist nicht nur ein vornehmer, wohltätiger, im wahrsten Sinne des Wortes edler Mensch Äahingegangen, sondern auch ein Gelehrter von hohem Range, ein 'Jurist mit besonderen Fähigkeiten aus dem Leben geschieden. .... Dr. Arnold Mosenbacher entstammte einer angesehenen Prager Familie, die ursprünglich aus Bayern eingewandert war. Am 4. Mpril 1840 als Sohn des Kaufmannes Markus Rosenbacher in Prag geboren, wuchs er in dieser Stadt aus, mit der er Zeit feines Lebens aufs innigste verbunden blieb. Er absolvierte das akademische Gymnasium und bezog dann die Llniversität, andem -er sich dem juridischen Studium zuwandte. Schon als Student galt tx als einer der befähigtsten Schüler der Universität. Schulte, Herbst u. a, waren .seine Lehrer. Als er znahe vor der Vollendung seines Studiums stand, focht 2>r.-JHo|eflBc4«i im Interesse seiner Glaubensgenossen einen langwierigen Rechtsstreit durch alle Instanzen aus. Damals galt nämlich noch die Bestimmung, daß Juden das Doktorat -»ider Rechte nicht erwerben konnten, sie konnten nur: zu Doktoren juris promoviert' werden . Dr. Rosenb ach c r trat in die Bresche WoMnschnft" . 9hv 9 und wenn er auch in seinem Rechtsstreit unterlag und selbst noch auf die jGleichberechtigung bei seiner eigenen Promotion -verzichten Mußte, so siegte doch zehn Jahre später die Idee, für die er gekämpft hatte. Ein Jahr seines . Studiums opferte Dr. R o s e n b a che r dieser Angelegenheit,' am 9. Juli, 1863 erwarb er den Doktorhut. Als Konzipient in den ersten Prager Kanzleien tätig, errichtete er in den Siebzigerjahren eine eigene Advokatenkanzlei, die er bis zu seinem Tode führte. . Schon als junger Advokat trat Dr. Rosenbacher ins öffentliche Leben. Er wurde' in die Kultusgemeinderepräsentanz gewählt, deren Präsident -er.1889 wurde. In unermüdlicher Arbeit widmete er sich diesem Amte.. dessen vielfältigen Ausgaben er stets gerecht wurde. Unter seiner Leitung wurde der Umbau des jüdischen Rathauses vollzogen, die UebernahMe der Synagogen in den Gemeindebesitz, die Erhaltung, der wertvollen' Baudenkmäler des Ghettos, insbesondere des Judenfriedhoses haben ihm nicht (mir den Dank der jüdischen Gemeinde, sondern jedes Freundes von Alt-Prag gesichert. Während der zahlreichen Ueberschwemmungen, von denen das ' Ghetto heimgesucht wurde, war Dr. Rosenbacher für Hunderte und Aberhunderte seiner Mitbürger der Retter aus der Not. Wo es zu Helsen galt, kannte Dr. Ro senbacher keinen Unterschied in' Religion oder Nationalität. Viele, viele, /Studenten und Handwerker, Männer und Frauen, aus .Berufen aller Art haben in Dr. R o se n bacher einen warmen Förderer und hilfreichen Freund stets gesunden. Im Stillen war Dr. Ro senbacher einer der. wohltätigsten Menschen Prags, dem das Gebot der Nächstenliebe zu höchst stand. -! i '• I i!!'!:! Auch das Prager Deutschtum verliert in dem Verblichenen einen aufrechten .Bekenner. Dr. Ro senbacher gehörte zahlreichen deutschen Vereinen als Ausschutzmitglied an. Lange Jahre zählte er zu den täglichen Besuchern des „Deutschen Kasino", wo er im Freundeskreise Mit Dr. Schmeykal und Alerander Richter geschätzt und angesehen war. Unter anderem war Dr. Rosenbacher auch Mitglied der judiziellen Staatsprüfungskommission. Dr. Ro senbacher starb unvermählt. Ein Bruder des Verblichenen lebt in Hamburg, eine Schwester in Smichow, eine andere in Sagan. Die Repräsentanz der Prager isr. Kultusgemeinde trat zu einer Trauersitzung! für ihren verstorbenen Präses zusarnvlien. Der VizeMäses kais. Rat Robert Fuchs Edler -man - Ro b-et-t im hieltdem? "Verblichenen^. nachstehenden -Nachruf:'.- : „Unser hochverehrter Herr Präsident hat heute nachts seine müden Augen für immer ..geschlossen. Trifft uns auch dieser Schlag nicht unvorbereitet, so sind wir doch mit diesem Empfinden -mit unserem ganzen Herzen voll Trauer erfüllt, daß wir unseren Präsidenten nicht mehr mit uns arbeiten sehen sollen.. Dreiu'nddreitzig Jahre stand er an der Spitze unserer Gemeinde und sein ganzes Denken und Fühlen waren'in deren Dienst gestellt. Die vielen Jahre hindurch war er uns ein Muster unermüdlichen, bewunderungswürdigen Arbeitsfleißes nicht nur im Dienste unserer Gemeinde, sondern für die ganze Judenschaft, für welche er unzähligemale mit der Schärfe seines edlen Geistes und mit seiner» reichen Wissen, kraftvoll eingetreten ist. Für sich selbst war er bescheiden und bedürfnislos, für die Armen und Bedrückten. voll tiefer Menschlicher Teilnahme und hochsinniger Mildherzigkeit. Dabei wußte er auch Andere zu gleichem Tun anzuwerben und dadurch Werke von edler Menschenliebe ins Leben zu rufen, die unvergängliche. Mit feinem Namen verknüpft sind- Wir standen die ganze Zeit'unter der Führung des besten Präsidenten, den wir je hatten, und wir wollen ihm ein unvergängliches, ehrendes Andenken für alle Zeiten bewahren." Allschließend >ctn diesen Nachruf, her von sämtlichen Herren stehend an-gehärt' wurdet HpM - Herr v. Fuchs die letztwilligen Verfügungen, die Dr. Rose nhach er um 7. Novelüber 1904 -eigenhändig zu Papier gebracht, hat. An diesem! BeMtWMs heißt es u. a.: „Ich untersage jede. Leichenrede und jede Leichenfeier. Ich will in allereinfachster' Weise beerdigt werden, mit gewöhnlichem Leichenwagen, mit rineM einzigen Paar Pferde. Kein religiöser Funktionär soll speziell zur Leichenbegleitung geladen werden. Mein Leichenstein soll ähnlich jenem meiner verblichenen Mutter und aus keinem kostbareren Material sein. Die Inschrift soll bloß aus meinem Namen, Geburts- und .Sterbedatum und' der Angabe der Dauer «meines Präsidiums der Kultusgemeinde . in hebräischer und deutscher Sprache bestehen." Am Schluß des Vermächtnisses heißt es dann: „Ich beabsichtige durch diese .Verfügung dem -Ueberhandnehmen, den Mittelstands sehr bedrückenden Lurus bei Leichenbegängnissen durch ein Beispiel des Gegenteils zu steuern." » v! ■ - . "i; . .!: