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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1917-01-19 · 3 (19.1.1917) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
34 (1917)
Issue
3 (19.1.1917)
Date
1917-01-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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\ @2*34 M. Bloch'S Wunde. Im katholischen Oesterreichs war bis Kaiser Io, es II. den Prorejmnten der össentnche Gottesdienst untersagt, Währeno er den Juden geMkec war. In den prowMmijcyen Gebieten Deurjchranos genoyen zu beginn des 1Ä. Jayrhunoerls die Juden, nacy Zeugnis emes zertgenöurschen Henrichen, gröpe«-L Freryetten als diesrachorrken.^) Der in Prag> um. die Wenve des 17. Jahrhunderts levende jüoiWe Chronist Aavcd Gans sah eme wunoerbare Fügung Portes darm, daß in einer Zeit, wo Christen emarwer wegen vtii.enver,chredenyeiten in die Marionen hMmorden, die Juden unbeyelsigt vtechen.^) . Die Entrechtung der Juden Deutschlands srüherer Zeiten trug rn ryrein ganzen Löe,en die Signatur ryres lyeoretisty-ronses} wneuen rrrsprungS. Sie war m oer Doktrine, in oer Formulierung oer bcecytsgeleyrren viel scharfer als in oer reoeliswarmen, liim,mrlgen, nur mit tatsächlichen Werren ^Uidu/tetr. Der vorencauzlpauirr,cye Ju^.e war ge,erl>cha,rllch, im persönlichen Berreyr, luiauit gegen wcaiul, guu§ mio gar nicht er- Nievrlgr, vec,emr, verachtet, aus oer Sozierut au»ge>cyatter. Im Schwabenuno Sacy,en,pieger rangieren Juoen und Geisrrnye in einer Rerye uiw ourften im Zeitalter des ^au,rrechi.es gleich selten m ihrer Sicherheit nicht gestiörr weroell. Im iv. Jahrhundert nayureii me Juden trotz aller rechtlichen Einichr,anrNtlgen vollenAnteu am geselligen )eeven. Zu Degrnn me,es Jahryunoerrs. Ichrewr ein gehässiger jüoi,cyer IleoerläUsLr, Anrouius wrargarilya, „edlch Christen ram Fowirack yaoen ryunden, es müssen Juden oavey Mid oamrt seyn. Als nemlich wenn man van wegen guerer Gesellschaft, Ainigkerr und Liede ein roß raugen hat, so la>r man ore Juden auch mitlausien uno wetten. Item rieht man ain Hasten auf, so last man dre Juden auch dareyn legen. Jrem inden wilo UM -warmen paederm Müssen wir die Juden haoen, das vor Zeit gar sremvt gewesen war: . . . Jrem ärh aufteure nennen sie in je Ge,ettschaft, haven groß Pramr uno Kanoel mit jren.""). Im seloen Jahrhmwert laßen die MH rer des deutschen Geisteswesens, die Humanisten, Reucylin voran, zu Füßen jüdischer Gelehrter. In der zwerreir Kal,je des 17. Jayrhunoerts tonnte es Vorkommen, datz ein Kronprinz von Brandenburg, der nachmalige Preuszentönig Frrevrrchl., ein jüdisches HochzeirSfest rn der Familie des Großahnes, des bekannten Hellenisten Theodor Gomperz, ohne seiner Würde Abvruch zu tun, höch,rpersönlich durch ferne Anwesenheit beehren tonnte.* * 6 7 8) Dre Juden der voremanzipawriscyen Zeit nahmen trotz aller Bedrückung selbst gerne die Formen und Allüren der oberen christlichen Zehntausend an. In Mähren gingen im Jahre 1r81 „die Töchter und Weiber der reichen Inden gleich dem Adelsstände einher".8) Die fürchterliche Knechtung der Juden früherer Zeiten ist mehr Legende, Papierweisheit. Die Sage von der grauenhaften Entrechtung der Juden erstand in der Hauptsache in den Kreisen Der ersten Verfechter der Judenemanziparion. Die Vorkämpfer der Gleichberechtigung mußten die Sachlage womöglich schwarz in schwarz malen, .um durch die Antithese rasche Besserung zu erlangen. Die Juden wendeten.sich sogar anfangs gegen diese erniedrigende Methode der polrti- - schen Freiheirsphilanthropie. Zu einer Judenrede des Abbe Gregoire, die in der französischen Nationalversammlung 0 Schudt: Jüdische Merkwürdigkeiten, IV, 186. .5) David ©ans: Zenach David, 2. Teil, Einleitung, 6) Anthonins Margaritha: Wie aus dem 53. Capittel des Propheten Esaia ansgesnert, probiert, datz der Moschiach schon gekommen, 44 b. Wien 1534. 7) Theodor Gomperz: Essays und Erinnerungen, 2. Stuttgart und Leipzig 1905. 8) Willibald Müller: Urkundliche Beiträge zur Geschichte der Mährischen Judenschaft, 176. Olmütz 1903. Wochenschrift" Nr. 3 gehalten wurde un§ in der die Lage der Juden erschütternd traurig geschildert wurde, bemerkte der deutsche Uebersetzer im selben Jahre: „In den preußischen Staaten muß dieses Gemälde des Elends sehr übertrieben erscheinen. Zur Ehre der Menschheit wollen wir lieber annehmen, daß der Verteidiger der Juden auch! in Frankreich die Farben zu stark aufgetragen Ijat."9) Besagt der Antisemitismus der jüngsten Jahrzehnte nichts? Spricht nicht gegen die Seelenverwandtschäft der Juden und Deutschen, gegen die auf Gegenseitigkeit beruhende natürliche Anziehung, der neuzeitliche Judenhaß, dessen theoretische Ausbildung, hauptsächlich in deutschen Landen erfolgte? Bezeugen Stöcker, Rohling. Treitschke, Wahrmund, D.ühring> Chamberlain wenig? Wird der moderne Judenboykott nicht oft vor religionslosen Menschen, Kindern des indifferenten 19. und 20. Jahrhunderts gepredigt? Nicht alles, was. neuzeitlich ist, ist ein Produkt der Neuzeit, nicht alles, was religionslose Menschen reden, ist des religiösen Ursprungs bar. Die Vergangenheit ist etwas, das nicht im Handumdrehen überwunden werden kann. Im geistigen Leben der Völker leben psychologische Ueberbleibsel früherer Entwicklungsperioden gleicht dem Wurmfortsatz am Darm. Der neuzeitliche Judenhaß ist bloß ein modern vermummtes Rudimentum des einstigen bewußt vom Klerus betriebenen Religionshasses. Er wuchert auch bis dato trotz! aller Phraseologie am stärksten in klerikalen Kreisen. Der moderne Antisemitismus ist! ein wirklichkeitsfremder Ueberrest, dessen Bestand nur psychologisch und nicht rationalistisch zu erklären ist, und tritt äM stärksten, dort zum Vorschein, wo man am wenigsten mit den Juden in Berührung kommt, und daher, die seltenste Gelegenheit besteht, die überkommene Meinung, den Nachlaß des konfessionellen Antagonismus, zu überprüfen, so auf dem Lcnid'e/. sv" Auch' M''frett' judenkeinett Wpenländern: Die weitaus .überwiegende Mehrzahl aller jüdenfeindlichen Abgeordneten Deutschlands und Deutschösterreichs sind Repräsentanten ländlicher oder alpenländischer Wahlkreise. Der moderne deutsche Antisemitismus, unter fremden Bedingungen entsprungen, richtet sich viel weniger gegen die Juden als Personen, wie g!egen das Judentum als Gesamtheit. Karl Lueger, der Organisator des deutschösterreichischen Antisemitiswus, fügte nie einem Juden je ein Leid zu, war mit einzelnen Juden sogar gut befreundet. Der moderne Antisemitismus muß. in Deutschland infolge des Mangels jeder Kongruenz mit der zeitgenössischen Wirklichkeit, bei persönlicher Berührung, wie grauer Nebel im Sonnenschein zerfließen. Schon in früheren Zeiten konnte ja der persönliche Judenhaß in Deutschland nie recht gedeihen. Der neuzeitliche, von Freiheitlichen betriebene Judenhaß ist im Wesen bloß ein Einzelfall konfessionell-psychologischer Beharrlichkeit. Auch andere Konfessionen Deutschlands' bleiben von rudimlentären Gegensätzen in der Gegenwart nicht verschont. Die deutschen Katholiken werden von den Protestanten bis heute über die Achsel angesehen und nicht als vollwertig behandelt. Der große Denker der Freiheitskriege, der sonst religiös so wenig gebundene Fichte, schrieb: „Literatur als Nationalverband? ... Welcher Protestant erstreckt diesen Begriff von der deutschen Literatur auch auf das Katholische?"7-9) Während des jetzigen großen deutschen Nationalkrieges wurde den, deutschen Katholiken von protestantischer Seite oft der Vorwurf der Vaterlandslosigkeit gemacht, worüber sich sogar katholische Abgeordnete im deutschen b) Sammlung der Schriften an die Nationalversammlung die Juden ... betreffend. Berlin 1789. 10) Fichte: Politisches Vermächtnis, vgl. Lassälle: Gesammelte Reden und Aufsätze, HI, 272.

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