Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-12-01 · 47 (1.12.1916) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
47 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022243--25594-3050905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

©eile 792 Tr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 47 Neugierde, hoffende Geschäftigkeit machen diese Menschen nervös; der Airblick des hohen uniformierten' Herrn bringt sie von Sinnen. Dennoch wagen sie sich an den Wagen heran. Sie wissen schon, daß diese ihnen seltsamen und strengen Offiziere ihnen weder ins Gesicht spucken, noch sie mit Fußtritten trackckeren, wie es die Russen taten. Betritt man einen Hof, so strömt die ganze Schar nach und man steht in einem unruhig wogenden Meer. Man tut am besten, ein paar handfeste Kerle zu mieten, die den Eingang während des Besuches sperren — dann gilbt es eine regelrechte Belagerung und der Heldenmut der Belagerer )nacht sich in dumpfen Schlägen gegen die Pforte Luft. Eine große Dummheit. beging ich, als ich dann angesichts des Haufens die Börse zog, um die Türhüter cwzulohnen. Mit einem Schrei des Hungers, ° der Hoffnung, der Verzweiflung stürzte sich die Schar auf mich. Die Frauen mit ihren rotbraunen Perücken, die sie am Hochzeitstage anlegen, nachdem sie das eigene Haar abgeschnitten haben, strecken mir ihre weinenden Kinder entgegen. Sieht man durch eine zerbrochene Fensterscheibe in eine der schwarzen, feuchten Kellerhöhlen — die schlimmsten sind bereits von der deutschen Militärverwaltung ausgeräumt und versperrt —, so kann man einen blassen und majestätischen Moseslopf mit hoher, schöner Stirn unter den dürlnen und schmutzigen Locken zu sehen bekommen; der abgemagerte Körper ist mit Lumpen bedeckt. Wenn piein Schatten das Fenster verdunkelt, so wendet sich langsam, langsam der müde Kopf und ein schwer zu ergründender Blick begegnet dem spähenden Fremdling. Vws will der da oben, der Unbekannte aus einem unbekannten Lande? Will er Schlimmes? Jahre über Jahre hat er da unten im Keller gehaust, einer der unzähligen und namenlosen Elenden des Ghettos; er hat den Donner der Kanonen gehört, das trockene Knattern der Maschinengewehre, seine Brotbissen sind noch spärlicher geworden — ahnt er etwas! von dem Großen, das geschehen, versteht er, daß ein Lichstrahl zu seinem unglücklichen Volle gedrungen ist, daß die Gesängnistnauern gesprengt sind, daß der Kampf gegen Schmutz und Erniedrigung begonnen hat? So, wie ich sein Haupt gegen das graue Dunkel sehe, bekommt es fast Rembrandtsche Schönheit: aus Armut und Sorge, aus Schmutz und Lumpen keuchtet - dennoch eine .geheimnisvolle, seelische Ausstrahlung menschlicher Größe. Die schmutzige Stirn trägt die Linie des Adelsdie nicht lügt, und die das ewige Elend des Ghettos nicht zu zerstören vermochte. Betritt man eine solche Kellerwohnung und gewöhnt den Blick ans Dunkel, so bemerkt man, daß das ganze Zimmer von herumkriechenden Kindern wimmelt, bleichen, schwarzen Geschöpfen. Einige liegen auf dein Tische, andere sitzen auf der Kommode — man hat das Gefühl, daß selbst in die Schubladen Kinder gestopft sind. Sie sind stumm; kaum einen Laut hört man. Furcht regiert hier wie überall im Ghetto. Ueber dieses unglückliche Judenviertel ist nun noch die Kriegsnot gekommen und hat neue Wunden geschla, gen, neue, bittere Tränen erpreßt. Aber auch neue Kräfte sind in Bewegung gesetzt worden. Deutsche Uniformen tauchen in den engen Gassen auf; deutsche Aerzte btin« gen Hilfe, barmherzige Schwestern folgen ihnen, neue Einrichtungen werden geschaffen. Die Grundsätze des guten Willens, der Ordnung, der Verantwortung uitb des Verstehens bahnen sich einen Weg durch diesen bis setzt fast unergründlich gewesenen Sumpf. Man richtet jetzt Kinderheime für die jüdischen Straßenjungen ein; denn viele kleine Knaben jeden Alters, die entweder keine Eltern haben oder deren Eltern wegen des Krieges ge-» flohen sind, hausen auf den Sttaßen, schlafen in Rinn -« steinen, essen, was sie im Schmutz finden oder was man ihnen zuwirft, oder auch, was sie sich auf den öffentlichen Märkten aneignen können. Viele von ihnen .sind fast nackt; sie sterben wie die Fliegen; keiner fragt darnach, wenn ein Wagen sie überfährt — wie sollte man auch diese dünnen, heiseren Stimmen in den Geräuschen des Ghettos beachten können! Wen kümmerte es früher, wenn sie nach Brot schrien! Noch immer ist für diese Kinder die Straße erfüllt von Abenteuern und Zauberkraft; sie ist der Dschungel, in dem sie jagen; die Straße lockt und fesselt sie, und es gibt Kinider, die vor der Sauberkeit des Kinderheims flüchten, vor Kamm und Bürste, vor Wasser und Seife, reinlichen Betten, vor den Liebkosungen freundlicher Lehrerinnen, vor den.schwarzen Tafeln der Schule — diese Kinder flüchten Zurück zur Straße, zum Wasser der Kloaken, zum harten Nachtlager auf den Schwellen der Türen inmitten der Ratten. Die Kinder des Heims sitzen auf ihren Bänken, die kleine, platte Judenmütze auf dem Kopse, wie es die gute Sitte erfordert, mit verschlagenen, schwarzen Augenperlen und lernen. Sie glle sind kleine wilde Tiere, die gezähmt werden sollen. Briefkasten. S. R. in Dobromil. Renegaten, die das eigene Volk verunglimpfen und schmähen, hat es leider bei allen Völkern gegeben, wie es eben überall Lumpengesindel gibt.. Den Vorfall in ihrer Gemeinde der öffentlichen Beurteilung zu übergeben, muh nach Beendigung des Krieges Vorbehalten bleiben. Derzeit muh jeder innere Zwist vermieden und nicht in die Oeffentlichkeit getragen werden. F. B., Lemberg, und „Ungewiß", Wien. Das kann bloß bei der Polizei eruiert werden. Berger, Barackenspital Prag. Das Kriegsbild „Kol-Nidre im Felde 1914—15" können Sie bei der jüdischen Buchhandlung Jos. Schlesinger, Wien. 1. Bez., Seitenstettengasse 5, erhallen. Dem hochherzigen Gönner und unermüdlichen” Wohltäter der Flüchtlinge, Gemeinderat Dr. Rudolf Schwarz-Hilter drücken anläßlich seines schmerzlichen Verlustes durch das Ableben seines Vaters ihr tiefstes Beileid, aus; die Besucher der Flfichtlingsblbliothek und Lesehalle. Möge das Bewußtsein, daß sein Schmerz in Tausenden dankerfüllten Herzen widerhallt, ihm Trost und Linderung gewähren. Im Aufträge und im Namen aller: Dr. Ludwig v. Lodynski Dr. Willi. Berkelbammer Rabbiner Dr. Myszl Jerzy Hnss k. k Ger.-Orflzjal Max Müller Dr. Leon Brüstiger J. Osias Mieses Dr. 8. Weichert Sokolowski 8. Imber ... i Tüchtiges Fräulein sucht Stelle als Stütze zu einzelner Persönlichkeit oder in kleinerem Haushalt. Adresse: Schlesinger* IX., Markts as^e &1* Für zwei Realgymnasiasteii 1. und 4. Klasse, Nachhilfe gesucht, täglich mindest 2 Stunden oder g>nze Nachmittage. Offerte oder Vorstellung Pollak, VI., Liniengasse 28. Familien, die Verwandte in Amerika haben und sich mit ihnen in Verbindung setzen wollen, möchten sich unter Angabe ihrer und der Adressen ihrer amerikanischen Angehörigen wenden an Henry C. Zaro, Bankier per Adresse: Dresdner Bank, Berlin W. 56. verau-seder und veromworUicher Mebaftrur: Dr Josef E. Bloch — Druck von L. Beck <& Sohn, Wien, VII

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.