Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 44 (10.11.1916)
- Date
- 1916-11-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022195-3022240--25530-3050838- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr 44 Dr. Bloch's Wochenschrift Stile 731 ich daraus allsogleich: „Wäre das der Fall, so würden die Polen einen großen politischen Scharfsinn bezeugen, da die Juden als gute Politiker gelten." Wird das polnische Volk nach seiner Wiederauferstehung Zu staatlicher Selbständigkeit an diese seine edelsten Traditionen wieder anknüpfen? Das kaiserliche Handschreiben Liber die Sonderstellung und Autonomie Galiziens spricht von der „Bevölkerung Galiziens"; ihrer „Hingebung und Treue" ihren .großen und schweren Opfern im Interesse der siegreichen Verteidigung der östlichen Rcichsgrenzen" spricht der Kai.er den ".dauernden Anspruch" ans seine ..wärmste väterliche Fürsorge" Zn. Wenn aber von Kriegsopfern und Kricgsleid, von Beweisen der Hingebung und Treue der Bevölkerung Galiziens die Rede"ist, dann stehen die Juden Galiziens mit in erster Reihe. Hunderltausende haben Hab und Gut preisgegeben und sind mit dem nackten Leben in die Freunde geflüchtet, und die Daheimgebliebenen waren wegen ihrer unerschütterlichen Treue und Liebe Zu Kaiser und Reich das siete Ziel blutiger Grausamkeit des Feindes, der sie erbarmungslos an der Schwelle ihrer brennenden Hütten hingemeuchelt, zu Tausenden wie Sklaven nach Rußland verschleppt oder als Ztuge Ifang vor sich hergetrieben hat. Und es spielten sich Szenen ab von heroischer Tragik, deren erhabene Größe noch die späteste Nachwelt mit Bewunderung erfüllen wird. Von ihrer hingebenden und todesverach euren Vaterlandsliebe geben Zeugnis die entsetzlichen Auneebesehle. der feindlichen Heeresleitung. Darum ist es zweifellos, daß auch der^jüdischen Minorität ihre aufopfernde Hingebung und Treue bei Ausgestaltung der neuen Landesverfassung unvergessen bleiben werde. Gemeinhin ist mau auch in jüdischen Kreisen geneigt, dein Ostjuden mit Antipathie zu begegnen. Aber nur wenigen fällt es ein, den Ursachen seiner physischen und moralischen Degcnerierung nachzuforschen und sich zu sagen, daß Schmutz, Krankheit und sittliche Entartung in der ganzen Welt Begleilerscheinungen des Elends sind. Die Inden Galiziens sind keine Faulenzer wie die Lazzaroni Neapels, sind nicht verweichlicht wie manche Rassen im Morgenlande; sie sind bloß gezwungenerweise Müßiggänger aus Mangel an Beschäftigung, roie sie ehemals gezwungenerweise Wucherer gewesen aus Mangel anderer Erwerbe, die ihnen verschlossen waren. In dem kleinen ostgalizischen Städtchen Gliniany, wo ein Geistlicher die Leinweberei unter ihnen einführte, sind sie geschickte Weber, wie sie anderwärts geschickte Schlosser sind. Als in Brody noch die Flachsspinnerei bestand, arbeiteten Hunderte junger Mädchen für einen Lohn von 15 bis 20 Kreuzer zwölf Stunden täglich. In der Papierfabrik zu Sassow arbeiten sie für einen gleich niederen Taglohu, einen gleich langen Tag im staubigen und stinkenden Hadernsaal. Die Wasserträger in Brody und Zloczow versorge'.! eine zahlreiche Familie über steile, enge und finstere Treppen mit dem ganzen Wasserbedarf für fünfzig Kreuzer monatlich. Das sind keine faulen Leute, die so schwer und so billig arbeiten! Wie die deutsche Judenheit ihre führenden Männer des Geistes vornehmlich aus der Provinz Posen erhalten hat, so waren unter den Begründern der jüdischen Wissenschaft Männer wie Salamon Leeb R a p p a p o r t, Nachman 5t roch mal, Osias Schorr aus Galizien. So mancher Kaftanträger war in Kant's „Kritik der reinen Vernunft" so zu Hause, wie nur irgendein wohlbestallter Professor, und man erzählt sich von einem simplen Ochsen-Kommissionär, der, ivenn er vom Viehmarrt abends todmüde nach Hause kam, — Voltaires philosophische Schriften las. Vor wenigen Jahren ist der Briefwechsel von Franz Liszt mit der Gräfin Kalergi erschienen. Es ist das die Dame, die Heinrich H eine in feiner Romanze „Der weiße Elefant" besungen hat. Sie heiratete in zweiter Ehe Herrn M u cy a n o iv, der Pokizeüueister von Warschau war. 187o, cnrz vor ihrem Tode, schreibt sie aus Warschau: „In Warschau verkehre ich nur mit Juden und billige iftles, was sie tun. Rur sie interessieren sich für >die ,gure>i machen, üben Wohltätigteit mit ihrem eigenen cöelde. suiden Genug an der Musik und unterstützen die iiünstler. Wenn wir Stauen allein unter uns bleiben sollten, so würde man bald nur einen Hausen armer Faulenzer sehen, die sich untereinander ausfressem Gewip rin sehr bezeichnendes Bekenntnis, beim Frau Kalergi- M u ch a n o w gehörte selber zur Crvme der russischen Gesellschaft, ist es sehr interessant, daß ihr Richard Wagner sein giftiges Pamphkec „Das Judentum in der Mn>it" gewcomer har. Noch interessanter aber ist, daß ihr E'nrel, der Gras Heinrich Condenhove war, der ein vorcrefsiiches Buch — gegen delt Antisemitismus geschrieben hat! Die jüdische Minornäc in polnischen Landen hegt heute lvie ehemals keine anderen Aspirationen, als ungehindert der eigeneit Wohlfahrt und der Arbeit für die Wohlfahrt des Lalldes sich widmen zu dürfen. Das Ausmaß freier Betätigung, die uationateu Milloritäteu in einem Lande gegönnt bteibr, ist untrüglicher Maßstab seiner Kulturreise und Kulturstufe. Die vornehmsten Repräsentanten des polnischen Voltes werden eiltgedenk bleiven, daß die Grundbedingungen aller Freiheit und Unabhängigkeit Gerechtigkeit und'Humanität sind. Dem grauen Altertum war diese Erkenntnis nicht mehr fremd. Vor nahezu vier Jahrtausenden hat der hebräische Gesetzgeber seine Bolksge-- ikofsen aus einer vierhundertjährigen Knechtschaft in eine neue Heimat zur Freiheit und Seibställdigleit.geführt; beim Ausgang eitler vierzigjährigen Lehr- und Prüsungszeit, ehe die Pforten des verheißenen Vaterlandes sich ihnen erschlossen, bevor es ihnen vergönnt tvar, es mit dem Fuße zu betreten, alt dem „Tage, da sie zu einem Volte geworden" — hat er sie auf dem heiligen Berge vor Gott versammelt und feierlich schwören lassen —, „nicht zu beugen das Recht des Fremdlings" iö. B. M. 27, 19). So wenig verträgt sich die eigene Freiheit mit der Unterdrückung anderer, wie Licht und Finsternis in ein und demselben Raume. Möge das ueuerstandene polnische Reich als Hort der Freiheit, Gerechtigkeit und religiöser Duldsantkeik sich bewähren und vom Herrn der Heerscharen gesegnet bleiben. Grrichtssarrl ursb brr KurgfriLbrn. Schon einmal haben wir von der doppelten Art gesprochen, in welcher der Burgfrieden gehalten wird. PL all Haft zu Beginn des Krieges als Grundsatz ausgestellt, dap alle politischerl Streitigkeiten zu schiveigen haben, damit eine einheitliche Gemeinschaft von Bürgern dein Feinde entgegenstehe. Tausende von Ro.stiften sind ohne Rücksicht an der Arbeit, um die Absichten der Behörden in den Zeitungen durchzusetzen, und wenn es nötig erscheint, werden auch schärfere Maßregeln gegen die Blätter ergriffen. Man lauit also nicht sagen, daß es dem Zufall überlassen bleibt, welche Richrung die Redaktionen vertreten. Würden zum Beispiel die Sozialdemokraten nach ihren Wünschen, ihrem Belieben und ihrem Programm schreiben, so wäre die „Arbeiter- Zeitung" wohl längst vom Lewtisch verschwunden. Burgfrieden oder .Konfiskation! Die Wahl ist schwer, aber als ihr Ergebnis bleibt nur das kleinere Uebel.