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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-11-03 · 43 (3.11.1916) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
43 (3.11.1916)
Date
1916-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 43. >■ eite 714' Rubinstein, Mahler). Bereits in den letzten Jahrhunderten der Antike vermochte das Judentum im Wege der aus ihr entstehenden christlichen Kirche in einschneidender Weise die europäische Musik zu beeinflussen?) Der äußerliche Südeuropäer, der Südarier überhaupt, ist ein Raumesmensch, faßt selbst die Zeit, das fließende Nacheinander des Geschehens unter dem Gesichtswinkel der Form, der ausgedehnten Fläche auf und seziert sie gleich real meßbaren Gegenständen in Teile und Stücke. Das Sanskrit, die Sprache der Hellenen und teilweise selbst das Latein und seine Tochtersprachen wimmeln von einer Fülle, fein abgezirkelter und scharf abgegrenzter Tempus-Spitzsindigteiten, von' Perfekten und Jmperfekten, exakten und einfachen Zukünften, Gerundien und Supinen, Aoristen und Medien. Der Hebräer dagegen mit seinem lyrischen Gemüt ließ über sein Innenleben den Fluß der Dinge wie einen unteilbaren, sinnlich nicht faß- und tastbaren Strom dahinrollen, riß der Zeiten Folge nicht mechanisch auseinander, etikettierte nicht jede besondere Zeitnuance. Der Hebräer kannte in seiner Sprache nur die drei prinzipiellen Zeitunterschiede: die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, und auch diese wurden mit einander wirr vermengt. Die Futurulform wird im Hebräischen oft für das Präsens gebraucht. Das hebräische Präsens ist eigentlich ein mit einem Pronomen verbundener Adjektiv. Dem hebräischen analog ist es im großen ganzen mit dem germanischen Verb bestellt. Die ältere deutsche Sprache war nicht einer eigenen Form für das Futurum fähig, sie läßt also entweder dasselbe ganz unausgedrückt, d. h. sie' bedient sich an seiner Stelle anderer Tempora, oder sie umschreibt es. In der älteren Zeit gereichte das Präsens indieativum für den Begriff des Futurums. In der neuhochdeutschen Sprache wird das Futurum auf eine künstliche Weise durch „werden" umschrieben. Die rein mittelhochdeutsche Sprache kannte noch nicht dieses Auxiliär?) Die germanischen Sprachen, als Mitglieder der arischen Sprachfamilie, dürften einst von der urarischen Sprache, gleich den Hindus, Hellenen und Lateinern, großen Formenreichtum an verbalen Zeitnuancen-Konjugationen ererbt haben, ließen ihn jedoch frühzeitig fallen?) Ihrer seelischen Veranlagung entsprach die Zeit-Miniaturmalerei nicht. Die psychische Eigenart einer Gemeinschaft muß auch in ihren Ausdrucksbewegungen sich widerspiegeln. Kollektivitäten, wo die Innerlichkeit vorwiegt, werden aus Individuen bestehen, die gerne die äußeren Bewegungen des Körpers, die Richtung der arbeitenden Hand nach innen kehren. Dagegen Gruppen mit dramatisch reagierendem Charakter werden eine Gemeinschaft von Personen darstellen, die ihre Bewegungen nach außen wenden, ihre tätige Hand in der Linie von innen nach, außen führen. Die Differenz in der Richtung der Handbewegung kommt deutlich in der Schristrichtung zum Ausdruck. Die Schrift von rechts nach links stellt — wie Physiologen es festgestellt habend) — eine abduktive, nach innen laufende Bewegung dar, die Schrift von links nach rechts dagegen bietet das Msultat einer abduktiven, nach außen gehenden, von sich hinwegstrebenden Bewegung. Die Hebräer, Syrer, Araber schreiben nach links, in der Richtung der nach innen gekehrten Abduktion. Die Griechen und die Hindus gaben der von den Phöniziern rezipierten Schrift, ihrem Naturell entsprechend, eine rechtsläufige, abduktive, in die Weite rennende Richtung. Robert Musiol: Musikgeschichte, 66. Leipzig 1905. 4) Jacob Grimm: Deutsche Grammatik, IV. 206. 212, Gütersloh 1897. 5) W. Willmanns: Deutsche Grammatik, III, Abt. 1. Hälfte 2, Stratzburg 1906. A. Erlenmeyer: Die Schrift, Grundzüge ihrer Physiologie und Pathologie, Stuttgart 1879. Die alten Germanen, die ein eigenes, selbständig, wenn auch auf Grund entlehnten Zeichenmaterials, gestaltetes Alphabet, die Runen, besaßen, setzten sich in einen Gegensatz zu ihren füdeuropäischen Nachharn und schrieben diese in ihren kontinentalen Sitzen gerade wie die fernen Semiten von rechts nach links?) Für die räumlich apollinisch apperzepierende Individualität liefert der Klang etwas Konstantes, der Selbstlaut bietet etwas Unveränderliches. Im Griechischen, im Latein, im Sanskrit ist die Wortwurzel mit ihren Vokalen in den Konjugationen unwandelbar, ein unangreifbarer , oelier de bronze Wurzelvokale veränderten sich in den süd-arischen Sprachen ebensowenig wie die Konsonanten. Im Gegensatz dazu ist der Selbstlaut für das semitische Ohr etwas Fließendes, Labiles Die dionysischmusikalische Seele hört den Vokalton des Wortklanges voll reger Lebenskraft. Die Wandlungen des Vokales geben erst den Worten ihren Sinn. Bei den semitischen Sprachen ist es charakteristisch, daß die Vokale der Wortwurzel bei den Konjugationen mit in Mitleidenschaft gezogen werden, ja die Selbstlautmodifikationen den Hauptteil der Konjugationsveränderungen, ausmachen. Auch die Sprachen des germanischen Nordens verankern teilweise ihre Wortbiegungen an den thematischen Selbstlauten. Die germanischen Sprachen sind unter den arischen Sprachen die einzigen, die zuweilen bei Jntaktlassung der Wurzelkonsonanten die Wurzelvokale verändern und somit Konjugationsformen bilden, z. B. gebe — gab, laufe — lief, nehme — nahm usw. Der Grieche, der Hindu, der Lateiner schreiben ihre konstanten und für immer festgelegten Selbstlaute mit richtigen, vollen Lettern. Der Vokal ist dem Konsonanten gleichwertig, gleich ihm in Wurzelworten unwandelbar. Der. A-emite läßt. dm. Mvanken, Selbstsautz, ohne ihn, speziell zu verzeichnen nötig zu findest, gleichgiUrg vorbeipassieren. Der Phönizier hatte fast überhaupt keine Buchstaben für Vokale, der Syrer, Hebräer, Araber bedienten sich Vokallettern nur bei wenigen Wortformen. Für nicht Schriftgeübte wurden bei den semitischen Sprachen in späterer Zeit diakritische Zeichen eingeführt, die jedoch als bloß nebensächliche Ergänzung der Konsonanten — und das nicht immer — verwendet werden. In der deutschen, selbständig erzeugten Gabelbergerschen Kurzschrift werden ähnlich die Vokale als nebensächlich behandelt. „Die Vokale werden (in der Kurzschrift) meistens nicht geschrieben, sondern sinnbildlich in und mit den Konsonanten ausgedrückt."^) Geistige Strukturen, deren Handlungen und Urteile ihren Ausgangspunkt mehr von inneren Erregungen, als von äußeren Eindrücken nehmen, betrachten die äußere logische Begründung als sekundäres Beiwerk, als Ornament, das nachträglich und ohne wesentlichen Zusammenhang beigefügt werden , kann, und werden daher allen möglichen Aeußerungen des Kulturlebens a po-terioii eine theoretische, weit ausgeholte, innerlich fremde Erklärung als Zierrat anhängen. Juden und Germanen zeigen oft dieselbe Eigentümlichkeit im Konstruieren scholastisch spekulativer Unterbauten für jedes Phänomen des Gesellschafts- und Geisteslebens. Der innerliche Mensch sucht gerne Artgenossen auf, ist kollektivistisch, veranlagt. Der Jude betet im Plural, geht im Familienleben auf, war durch, Jahrtausende mittelst eines beispiellosen Ritualdrills mit allen Mitgliedern seiner in aller Herren Ländern zerstreuten Gemeinschaft in jeder Beziehung uniformiert. Der neuzeitliche Jude ist als Umstürzler immer Anhänger einer antiindividualistischen Bewegung, kollektivistischer Träumer, sozialisti- 7) Wimmer: Die Runen, 159. 8) Heinrich Rosenberg: Lehr- und Lesebuch der Stenographie, Reichenberg 1913.

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