Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 42 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nc. 42 Xr. Bloch's Wochenschrift Seite 709 Iwß sie in dieser durch ihre Schicksale und durch ihre literarische Wirksanlkeit aufrichtige Teilnahme und Verehrung. Im Jahre 1876 erschien ihr erstes epochemachendes Buch: „Memoiren einer Jdealistin"; kein Buch für die große Menge, nur für literarische und künstlerische Feinschmecker, das sich bald eine zahlreiche andächtige Gemeinde errang. Dennoch wäre das Buch und mit diesem die Verfasserin in unserer schnellebigen Zeit wohl allmählich der Vergessenheit anheimgefallen, hätte nicht nach einer Reihe von Jahren eine Neuauflage*) und später eine Volksausgabe**- das Interesse einer jüngeren Generation für beide miederbelebt. Insbesondere wurde das Buch Gemeingut der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens und ist dies bis zur Stunde geblieben. Ein neues literarisches Ereignis vollzog sich, als das achtzigjährige Fräulein v. Meysenbug das harmonische Schlußkapitel ihres reichen inneren Lebens: „Der Lebensabend einer Jdealistin", veröfsentlichte. Beide Bücher gewähren tiefe Einblicke in eine große, starke, edle und vorurteilslose Frauenseele und bilden einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte, wie nicht minder zur Vorgeschichte der deutschen Frauenbewegung. Dazwischen erschienen mehrere Bände Erzählungen, ein Roman, „Phädra". Stimmungsbilder aus dem Vermächtnis einer alten Frau", und noch zu Weihnachten 1901 beschenkte die Greisirr die große Schar ihrer Verehrer mit einer ungemein bedeutenden Gabe: „Individualitäten". Charakteristisch für den äußeren Lebensgang Malwida v. M e y s e n b u g s, der ihr reiches Innenleben beeinflußte und bestimmte, ist, daß sie frühzeitig der Sphäre, der sie durch Geburt und Stellung angehörte, entwuchs und sich, ganz eigenartig entwickelte. Eine stark ausgeprägte Individualität zeigte sich schon bei dem jungerr Mädchen. Geboren den 28. Oktober 18'16 in Kassel als die Tochter eines hohen Beamten, enrpsing sie gemeinsam mit ihren Geschwistern von der geistvollen Mutter, die sich an den Schriften Rahels, der Humboldts, der Schlegels und Schleiermachers gebildet hatte, eine vorzügliche Erziehung und reiche Anregung. Die Liebe zur Kunst, insbesondere zur Musik, wurde schon frühzeitig in ihr Herz gepflanzt, und sie hat sich diese bis zum Ende bewahrt. Die Mutter hatte sich mit Malwida und den jüngeren Kindern in der kleinen, freundlichen Residenz Detmold, wohin die älteste Tochter geheiratet harte, ein neues Heim gegründet, während der Vater mit seinem Jugendfreunde, dem alten Kurfürsten von Hessen, nad): dessen Thronentsagung jahrelang auf Reisen lebte. Schon damals löste sich Malwida in ihren Anschauungen von ihrem Kreise; sie allein begriff den Flügelschlag einer neuen Zeit. Ohne Standesvorurteile suchte und fand sie ihre Freunde unter an Geist und Gemüt hervorragenden Menschen, die sich gleich ihr für die höchsten Ideale des Lebens begeisterten, deren Religion Humanität hieß. Ihr Vater starb und hinterließ nur wenig. Die Ereignisse des sturmbewegten Jahres 1848 machten einen unauslöschlichen Eindruck auf sie. Der Völkerfrühling schien anzubrechen: ihre freiheitsdurstige Seele begeisterte sich in wärmster Anteilnahme während jener Zeit, da die Parlamentssitzungen in der Paulskirche in Frankfurt a. M. stattfanden, und sie mit ihrer Mutter dort lebte. Da die geringen Mittel der Familie nicht gestatteten, dauernden Aufenthalt in Frankfurt zu nehmen, sollte Malwida wieder in die engen Verhältnisse Detmolds zurückkehren. Ihr ganzes Sein lehnte sich dagegen auf. Einengung, Zwang, Kleinlichkeit waren ihr in der Seele *) Schuster und Löffler, Berlin. **) Ebendaselbst. zuwider. Aus jener Zeit datiert die Verstimmung ihrer Angehörigen gegen sie. ' Malwida v. Meysenbug zählt zu den ersten Vorkämpferinnen der deutschen Frauenbewegung. Sie erkannte schon damals die Notwendigkeit der ökonomischen Unabhängigkeit der Frau durch eigene Arbeit, erstrebte und ersehnte schon damals das gleiche Recht auf Arbeit für Mann und Frau, und um dieses herbeizuführen, sollte die Frau erhöhte Bildung auf Leiblichen Hochschulen erhalten. Im Jahre 1905 veröffentlichte, zwei Jahre nach ihrem Heimgange, Professor Gabriel Monad (Parisin der „Deutschen Revue" „Briefe Malwida v. Meyseubugs ,tm ihre Mutter" aus jener Zeit. Darin heißt es u. a. (12. Juni 1850): „Zum Frühstück bei der Wüstenfeld war ich mit einer Doktorin Rießer aus Frankfurt a. M., einer charmanten Frau, die dort ähnliche Vereine wie hier gründen will und der ich meine Meinung aussprechen sollte. Sie hat mich dringend gebeten, sie zu besuchen, wenn ich wieder nach Frankfurt komme." Von der großen norddeutschen Lehrerverfammlung berichtet sie am 12. August 1850: „Vorigen Montag fanden Beratungen über Hochschulen für das weibliche Geschlecht statt. Wieviele Damen waren anwesend. Unsere Lehrer sprachen glänzend für diese, sie fanden aber auch viele absurde Gegenreden und die letzte derselben empörte mich so, daß ich mir Papier und Bleistift geben ließ und einen kurzen, energischen Protest in der Frauen Namen aufschrieb, daß wir uns nicht mehr die Grenzen unserer Betätigung vorschreiben lassen, sondern jeder Vollkommenheit uns Nähern wollen, deren wir fähig sind, ohne darum unweiblich zu werden. „Sonnabend Abend sah ich die Rachel für 24 Schilling im Parterre, wo die Preise ermäßigt waren und wo wir, da wir Herren hatten, sehr gut hinkonnten. Somit ist ein langjähriger Wunsch erfüllt und der Eindruck ist ein unvergeßlicher. Solche Gestikulationen sah ich noch nie: sie gab die „Maria Stuart", und der Ausdruck der Leidenschaft in der Szene mit der Elisabeth war wirklich erschütternd und unübertrefflich: es war die vollste Natur und die höchste Kunst, die Raserei des leidenschaftlichsten Schmerzes, und doch keine Linie breit über die Grenze der Schönheit hinaus, studiert bis ins Kleinste und doch völlig genial." Malwida von Meyfeubugs kurze Rast in Berlin wurde jäh unterbrochen. Ihr Briefwechsel mit Demokraten im Anslande hatte sie verdächtig gemacht: sie wurde ausgewiesen und mußte ins Exil. Sie ging nach London, der Freistatt der politischen Flüchtlinge jener Zeit. In seinen „Jugenderinnerungen" schreibt Julius Rodenberg ans seiner Londoner Frühzeit (1856;: „Gleichfalls der Familie Kinkel innig befreundet war Fräulein Malwida von Meysenbug, in der ich eine speziell hessische Landsmännin von mir sehr wohlbekanntem Haufe traf. Ihr Vater war der vertraute Rat und begünstigte Minister des Kurfürsten Wilhelm II. gewesen, der ihn er hieß ursprünglich Rivalier — in den Adelstand und zu feinem hohen Range erhoben hatte. Den einen Bruder des Fräulein von Meysenbug, hessischer Kammerherr, kannte ich von Rinteln, Nenndorf und Hannover her, ihre beiden anderen Brüder waren der zweite österreichischer Gesandter, der dritte (noch Anfang der Sechzigerjahre) badischer Minister und sie lebte hier in London als politisch Exilierte. Wer hätte wohl in diesem bescheidenen, stillen Wesen, das frei von jeder Prätension und doch von der feinsten Bildung war, den eisernen Willen und die Krast^vermutet, die zum Bruch mit den Traditionen ihres Standes, zur Loslösung von den Ihren geführt und sie zu einer der ersten Vorkämpferinnen dessen