Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 42 (27.10.1916)
- Date
- 1916-10-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 704 Tr. Moch's Wochenschrift Nr. 42 schlichten Propheten den Vorzug gab, die ohne schulmähige Begriffe von der Lehre des Seins oder Trkennens, doch auf einer' sittlich und teilweise auch geistig höheren Stufe wie Plato in soziologischer Beziehung standen. Ist doch di: Anschauung des Polisbürgers und Sklavenhalters Plato längst überholt, während die Geschichte den kühnen Flug des prophetischen Geistes, der Israel zerschlug, um an seine Stelle ein Weltbürgertum zu setzen, in dem der Gott des Friedens herrscht, noch längst nicht erreicht, freilich setzen wir hinzu, vielleicht auch nicht erreichbar. Sehr instruktiv für das große Publikum war die Auseinandersetzung der sittlichen Höhe, aus der die Gesetzgebung und Soziologie im alten Israel stand, für das Jüdische, die feinen philologischen hebräischen Apercus, die den tief unbewußt philosophischen Geist unserer alten Sprache enthüllen, so die Aehnlichikeit des Stammes von „Mitleid" und, ,,Mutterleib". Daß für die Propheten Leid nicht Schuld und Strafe bedeuten, sondern Gott das Leid, dessen Träger er ist, zur Prüfung und Hebung der Frommen schickt, darin liegt ihr großer soziologischer Fortschritt über den Hellenismus hinaus. Die moderne Soziologie rann sich natürlich bei den Propheten allein nicht beruhigen, sie muß ihre Ethik mit wissenschaftlichen Erkenntnissen vermählen und dem Sieg der Vernunft zum Durchbruch verhelfen. Obwohl es der Krieg mit sich brachte, daß diejenigen, welchen die Erkenntnisse hauptsächlich geweiht sind, die männliche Jugend, beim Vortrage fast fehlen mutzte, lohnte donnernder Applaus den greisen Gelehrten, der seine Hörer in atemloser Spannung erhielt, obwohl er das in Wien übliche Zeitmatz eines Vortrages viel überschritten hatte. Obmann Rudolf Golds ch e i d e r durfte in Wahrheit im Namen des ganzen intellektuellen Wiens dem berühmten Gaste seinen Dank aussprechen. Brünn. Am 19. Oktober fand in der Statthalterei in Brünn unter dem Vorsitze des Statthalters Exzellenz Baron He in o ld eine Konserenz in Flüchtlingsangelegenheiten statt, welche den Zweck hatte, Maßnahmen zu beraten, die das harte Los der Flüchtlinge aus dem Osten mildern sollen. An dieser Konferenz nahmen Vertreter des Fürsorgekomitees der Bukowinaer Flüchtlinge, ferner namens des Ministeriums des Jnnerll Herr Sektionsrat Dr. v. M a r q u e t uird die Vorstände der Sanitäts- und Baudepartements der Statthalterei teil. Der Referent für Flüchtlirrgsangelegenheiten, Sektionsrat Dr. Marquet, berichtete eingehend über die vom Fürsorgekomitee beantragten Vorschläge!zur Verbesserung der Verhältnisse in den Flüchtlingsniederlassungen, während der Delegierte Landtagsabg. Dr. Neumann Wender die Zustände in den Barackenlagern schilderte und Vorschläge zur Abhilfe der bestehenden Uebelstände erstattete. Nach einer mehrstündigen Debatte, an der fast sämtliche Teilnehmer sich beteiligten, wurden zahlreiche Beschlüsse gefaßt, die geeignet sind, die Lebensführung der Flüchtlinge günstiger zu gestalten und ihr bedauernswertes Los zu lindern. Die warmen, von großer Menschenliebe zeugenden Worte des Statthalters machten tiefen Eindruck und es ist zu erwarten, daß die beschlossenen Maßnahmen baldigst zur Ausführung gelangen werden. Am Nachmittage besuchten die Delegierten die vom Ministerium' des Innern errichtete Kinderheimstätte, in welcher bereits 146 'Kinder aus Galizien und der Bukowina aufnrerksamste Pflege finden. Die Tätigkeit der Leiterin dieser mustergiltig eingerichteten Institution, Frau Erna Schulz, sowie die des bekannten Philanthropen Herrn Löw-Becr fanden allgemeine Anerkennung und uneingeschränktes Lob. Tie Kriegsflüchtlinge in DeutschhroÄ. Von Dr. Leo Bertisch, Rabbiner in Deutschbrod. Zu den Städten, wie Nikolsburg. Gaja und andere, in welchen — seit Anfang des Krieges — Flüchtlings-Barackenlager sich befinden, gehört auch jetzt, d. i. seit einigen Wochen, die Stadt Deutschbrod, die an der Grenze zwischen Böhmen-Mähren und an der schönen Sazava liegt und in welcher die nach einem Zähre aufgebauten und vollendeten Baracken ihre Tore den jüdischen Flüchtlingen aus der Bukowina und Ostgalizien zur Aufnahme öffneten. Die Stadt Deutschbrod gehört nicht zu den großen Städten Böhmens. Dieselbe zählt bloß kaum 10,000 Einwohner; und trotzdem wurde hier ein Barackenlager für rund 10,000 Flüchtlinge aufgestellt, so daß. als im vorigen Jahre in der hiesigen Lokalchronik vom projektierten großen Barackenlager zu lesen war, alles skeptisch ausgenommen wurde. Als aber im vorigen Jahre nach einigen Wochen zu lesen war, daß die Regierung den Bau dieses Barackenlagers der Firma Schuppich-Paroulek, Deutschbrod- Prag, bereits übergeben habe, dann erst verschwand die Skeptik bei der hiesigen Bevölkerung, überhaupt als die Firma an die erste Arbeit schritt. So entstand nach einem Jahre „ein Staat im Staate", denn das Barackenlager bildet für sich eine ganz selbständige Stadt, an deren Spitze der hiesige Bezirkshauptmann steht, der von der Regierung zum Chef und Verwalter dieses Barackenlagers ernannt wurde, der auch für die Aprovisionierung derselben sorgen muß. Das Barackenlager wurde außerhalb der Stadt aufgebaut, und zwar am „Roskos", eine halbe Gehstunde von der Stadt, und besteht aus 100 Baracken. Von diesen sind 70 als Barackenwohnungen, für die Flüchtlinge, 30 Baracken sind für administrative Einrichtungen, wie z. B.: Kanzleien, Wohnungen für Beamte. Magazine rc. Außerdem besitzt das Barackenlager eine separate Dampf- Bäckerei, Dampf-Wäscherei, Kanalisierung. Wasserleitung, elektrisches Licht, Desinfektions-Abteilung, Spital, Apotheke rc., kurz, das ganze Barackenlager entspricht den modernsten hygienischen Anforderungen und Vorschriften. Jede Baracke ist 15—20 Meter breit und 30—40 Meter lang und enthält einen Wohnungsraum für 200 Flüchtlinge, bestehend aus Parterre und einem Stocke. Die Baracken stehen in der Richtung von Ost nach West, d. i. paralell zur Straße Wien-Prag, hintereinander, truppenweise, wie ausgestellte Truppen. Die Stadt Deutschbrod, die bisnun gar keine Kriegsbilder oder Kriegseindrücke hatte, da wir hier weder Militär noch , Spitäler haben, bekam erst mit dem Barackenlager ein Kriegsbild. Schon der Fremde, respektive der Reisende, der von Prag nach Wien fährt oder umgekehrt, hat die beste Gelegenheit, von seinem Coupe aus, von der.Ferne, das ganze Barackenlager zu betrachten, wo er bestimmt gleich den Kriegseindruck gewinnt und zur Ueberzeugung gelangt, daß in unserer Stadt ein Lager entweder für Gefangene oder für Flüchtlinge sich befindet. So leben wir seit einigen Wochen, d. i., seit die Baracken ihre Tore öffneten, im vollsten Eindrücke des Krieges, da jeden Tag neue Flüchtlingstransporte in die Baracken kommen. Zwischen diesen Flüchtlingen sind am meisten Greise, ältere Frauen und Kinder, da fast alle jungen Männer ihren Militärdienst leisten. So wuchs die Zahl der hiesigen Flüchtlinge, welche Zahl in den ersten Tagen 3—4000 zählte, bis auf rund 10,000 heran. Aus einem Briefe des Herrn Rabbiners M. Groß, Zerusalenk: Sehr geehrter Herr Redakteur! Es wird Sie und Ihre geschätzten Leser vielleicht interessieren, manches aus der Heiligen Stadt zu erfahren. Zweck dieser Zeilen ist es, Ihnen manches Wissenswertes zukommen zu lassen. Der Krieg hat, wjie überall, so auch Hier seine guten Seiten. Er wirkt versöhnend, läuternd und vereinigend. Noch kurz vor Kriegsausbruch waren die Gegensätze zwischen Ultraorthodorie und Modernen hier noch mehr als sonstwo bemerkbar. Ein Zusammengehen schien fast ausgeschlossen zu sein. An der Spitze der Unversöhnlichen marschierten unsere ungarischen Glaubensbrüder. Ihr Separatismus ging so weit, daß sie selbst mit den orthodoxesten russisch-litauischen Juden in keinenr Punkte, ja selbst in der harmlosesten Frage, etwas gemein haben wollten. Eine wahre chinesische Mauer war zwischen ihnen und allen anderen hier lebenden Glaubensgenossen gezogen. Wie ist das nur jetzt so ganz anders geworden! Fast scheint es, es gäbe igar keine Unterschiede mehr. Der Kriegsmoloch hat > Friedensenglein gebracht. Gemeinschaftliche Komitees werden gebildet, gemeinschaftlich wird beraten, gemeinschaftlich wird getan, und die heterogensten Elemente: Chassidim, Peruschim, Sephardim, Aschkenasim, Ungarn, Litauer, Memunim, Jeschiwa-Leiter und moderne Lehrer sitzen und arbeiten in tadelloser Eintracht, alle von einem Gedanken, von einem Wunsche beseelt: zu erleichtern und zu helfen. Gewissenlose Preistreiber und Warenhäuser, meist Nichtjuden, haben es verstanden, die Mehl- und Brotpreise trotz der reichlichen Ernte und der hinreichenden Vorräte in eine hier noch nie dagewesene, ganz unerträgliche Höhe zu treiben. Die Stadtgemeinde hat wohl Höchstpreise festgesetzt, aber diese wurden nicht eingeh alten. -Die Kontrolle ist hier nicht so leicht wie draußen. Da mußte ganz energisch Wandel geschaffen werden. 'Die Militär- und Zivilbehörde hat den besten Willen, zu helfen, und genehmigte bereitwilligst die Gründung einer Getreide-Zentraleinkaufs-Aktiengesellschast und verlieh derselben das Getreideein- und -Verkaufsmonopol. In drei Tagen war ein Aktienkapital von 350,000 Francs, lauter jüdisches Geld, beisammen. Es wurde ein geschäftsführender Ausschuß gewählt, der aus folgenden Mitgliedern, die folgende Körperschaften vertreten, besteht: M. Groß (Oesterr. Hilsskommission), S. Roth (Ungar. Gemeinde), Dr. Masie, S. Rubin (?ft S. Perlmann (Amerikan. Hilfskomitee), I. P o r a 1 h (Deutschholländ. Gemeinde), I. Preß (Lehrerverband der Hilfsvereinsschulen), Dr. Levi (Straus'sche Küche), I. Mejuchas (Se-