Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 630 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 38 Universitätsproftssor Dr. Josef Pollak. Im Alter von 66 Jahren ist vor einigen Tagen der Wiener Universitälsproseffor snr Ohrenheilkunde Dr. Joses Pollak gestorben. Jvsef Pollak, ans Ungarn gebürtig, legte seine Studien an der Wiener Universität zurück, war jahrelang Assistent an der Klinik für Ohrenheilkunde des Professors Dr. Adam Politzer und assistierte später auch an der Klinik des Professors Hofrates Dr. Exner. Eine Anzahl seiner Forschungen sind in der „Wiener Klinischen Wochenschrift", der ..Allgemeinen Wiener Medizinischen Zeitung" und Fachzeitschriften für Ohrenheilkunde sowie im Handbuch der Zahnheilkunde erschienen. Bon umfangreicheren Veröffentlichungen sind die Anatomie und Physiologie der inneren Ohrmuskeln, die elektrische Behandlung des Ohres und die Beziehungen der Zähne zum Ohr schon deshalb hcrvorzuheben, weil sie auf dem Gebiete der Otologie reformierend wirkten. In späteren Jahren arbeitete Dr. Josef Pollak, der sich im Jahre 1899 als Dozent für Ohrenheilkunde an der Wiener Universität habilitierte und bald hernach den Titel eures Professors erhielt, iur Institut des Universitätsprofessors Hofrates Dr. Franz Exner. Neben vielen wissenschaftlichen Vereinigungen gehörte er mehreren hervorragenden Vereinen in leiterrder Stellung an und war namentlich bestrebt, alle humanitären Bestrebungen kräftigst izu fördern, wie er überhaupt als Arzt und Mensch für die Bedürftigen eintrat. Prof. Pollak gehörte dem Vertreterkollegium der isr. Kultusgemeinde und dem Vorstände der „Isr. Allianz" an und hat an allen Bewegungen innerhalb des Judentums lebhaften Anteil genommen. Eine ungewöhnlich große Anzahl von Trauergästen, namentlich aus ärztlichen und Schriftstellerkreisen, gab dem Verewigten das letzte Geleite. Auch die israelitische Kultusgemeinde und zahlreiche Vertreter humanitärer Vereine sowie der Freundeskreis waren erschienen. Der Sarg, in dem die Leiche ruhte, stand, mit einem schwarzen Bahrtuch bedeckt, auf der Estrade. Die Witwe und die Familienmitglieder standen zu Häupten. Unter anderen waren anwesend: der Präsident der israel. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Hofrat Dr. Rappaport und die Vorstandsmitglieder Primarius Dr. Josef Breuer, Dr. Jakob Deutsch, Moritz B. Eisler. Architekt Jakob Gärtner, Emanuel Hoffman n, Dr. Felir K a tz a u, kaiserl. Rat Siegmund Zaubers, Dr. Artur Kuranda, Hofrat Dr. Joses L ö w n e r, Dr. Wilhelm Pappen heim, Kommerzialrat Leopold S i m o n, Landesschulrat Dr. Markus Spitzer und S. Steiner, die Sekretäre kaiserl. Rat Dr. Theodor« Lieben und Dr. Emil Adler, sowie Amtsvorstand F r e i - st a d t, dann der Dekan der medizinischen Fakultät Prof. Dr^ Tandler, die Hofräte und Professoren Dr. Urbantschitsch und Politzer, die Professoren Dr. Leopold K ö n i g st c i n^ Tr. E h r m a n n, Dr. Bing. Dr. Erben, Dr. A l t, Dr. H e r z - f e l d, Dr. H a j e k. Dr. Z a p p e r 1, Oberstabsarzt Dr. Heinrich Neuman n, Dr. Alerander, Dr. G r o tz, Dr. Stransky, Dr. j© o nt p e r 3, der Direktor des Rothschild-Spitales Primarius Dr. Karl Fleischmann mit Dr. M. K 0 ranyi, die Dozenten Dr. Schiff, Dr. Frankl. Dr. L i s e n s ch ü tz und Dr. Sachs, Gemeinderat Medizinalrat Dr. L ö w e n st e i n, der Vizepräsident des Journalisten- und Schriftstellervereines „Concordia" Bernhard »Münz mit mehreren Mitgliedern der Verwaltung, die Schriftsteller Dr. Josef S. Bloch, Dr. Ignaz Deutsch und Siegfried L 0 ewy, die Präsidenten der Humanitären B'nai B'rith- Dercinc ,,Wien" und „Eintracht" Negierungsrat Professor Wilhelm Jerusalem und Ernst Simon mit vielen Mitgliedern der beiden Vereinigungen, der Direktor der Eskomptegesellschaft Wilhelm Kur, Notar B e rman n, die Rabbiner Dr. R 0 scnm a n n und Dr. Ta glicht, in Vertretung der „Israel. Allianz" die Herren Wilhelm Pappen heim und Sekretär Dr. K a m i n k a, der Leiter der Toynbeehalle Karlo Freund, Direktor Alexander Hecht, Domänendirektor Heinrich Glücks thal, die Industriellen Kommerzialräte Mar Schweiger und Gottlieb Kantor, sowie Ernst G ö tz I, in Vertretung der israel. Religionslehrer Religionsinspektor Professor K'anitz, kaiserl. Rat Karl Hirsch, kaiserl. Rat Dr. Arnold Ascher, kaiserl. Rat G e w i t s ch. Direktor! T ü r k I, Bankier Hugo Tugendhaft, die Jndustiellen Karl Lemberger, Jacques Karpeles, Julius Wolf, Hugo kadi sch und Gemahlin, sowie Kommerzialrat .S. Ro senzw eig, eine Abordnung des Verbandes der Krankenkassen Wiens und Niederösterreichs, bestehend aus Direktor Dr. T r u n d a, Oberrevident Steindler und Sekretären S p ö k n e r und Leitzner, die Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. -Albert Kuh, Dr. Wilhelm K n ö p f m a ch e r, Dr. Schneeberger, Dr. Mar I e r u s a - l e m, Dr. Josef Pick und Dr. Zipser, Oberbezirksarzt Dr< Friedrich Fuhrmann und Dr. Emil Fuhrmann, die Aerzte kaiserl. Rat Dr. E i s i n g e r, Medizinalrat Dr. Franz Spitzer, Dr. E i s e n st ä d t e r, Dr. Edmund K 0 h n, Dr. Ignaz W e i tz, königl. Rat Dr. Mittler, R e g n i e r, Dr. Artur Singer, Dr. Kaufmann und Revisionsarzt Dr. Schiffmann, eine Abordnung der Zöglinge der Merores'schen Waisenhausstiftung usw. Rach dem Vortrage der Trauergesänge durch Oberkantor M 0 r g e n st e r n nahmen in kurzen Trauerreden Abschied von dem Toten: Präsident Dr. Alfred Stern für die israel. Kultusgemsinde, Hofrat Prof. Dr. Pollitzer namens der Freunde und Regierungsrat Prof. Dr. Jerusalem namens des humanitären Vereines B'nai B'rith, Wien. Hierauf wurde die Leiche Professor Dr. P 0 I l a k s an der Seite der Mutter des Verewigten beigesetzt. ' S Julie Stiatzny, geborene Taussig (gestorben 9. September 1916). In Ischl, wie ihr unvergessener Gatte, Baurat Wilhelm S t i a tz n y, ist eine der gebildetsten, edelsten und aufopferungsvollsten Frauen, die ich gekannt, nach jahrzehntelangem Leiden schmerzlos dahingeschieden. Sie war in Stuhlweitzenburg als Tochter des dortigen Kultuspräsidenten geboren, verlor als Kind den Vater. Tine feinsinnige Mutter, die im Mittelpunkt eines vornehmen, selbst aristokratischen Kreises stand, vermittelte dem Mädchen eine für die damalige Zeit ganz ungewöhnliche, auch musi-4 lalische Erziehung. Das 16 jährige, anmutige Mädchen verliebte sich auf höchst romantische Art in den bildschönen jungen, ersten jüdischen Architekten, und trotz der Entfernung Paris-Ungarn war der Eindruck der ersten Begegnung ein so starker, datz S t i a tz n y nach anderthalb Jahren das junge Mädchen nach Wien 'als Gattin heimführte. Selten ist eine Frau in künstlerischer, literarischer und .gesellschaftlicher Beziehung so sehr geistig Gefährtin ihrem Gatten, den sie auf allen Berufsrcisen begleitete, gerochen, wie Baurätin Stiatzny. In schlichter, prunkloser Weise versammelte ihr Salon in der Rathausstratze Zelebritäten aller Länder und Fächer: An der .charitativen Tätigkeit ihres Gatten sowie an seiner Schöpfung des jüd. Museums hatte sie den Hauptanteil; sie förderte besonders literarische und künstlerische Talente; sie rettete eine Familie von neun Personen von den Folgen verbotener Reversion, erzog die Kinder zu achtbaren Menschen, veranlatzte Hofrat Burk Hardt zu einem berühmt gewordenen Artikel zur Aenderung des Abschiebungsgesetzes. In ihrem künstlerischen Salon tauchte einmal mit fünf Rubel, einem geschriebenen Empfehlungsschreiben an der Brust, ein 12 jähriges Judenjüngel in Samojedentracht aus dem fernsten Sibirien, der nur Hebräisch und eine sibirische Sprache kannte, auf, so weit war der Ruf dieser stillen Wohltäterin gedrungen, die in gesundheitlicher und materieller Selbstaufopferung wohl zu weit, bis zu kindischer Askese, ging. Jahrelang hat sie in der aufopfernden Pflege ihres Mannes ihn dem Tode abgerungen, wie Geheimrat Hermann Cohn beim 60. Geburtstagsbankett ihres Gatten rühmte. Rach seinem Tode lebte sie in völliger Einsamkeit nur mehr der Ehrung seines Andenkens, der Uebersiedlung des Museums, der Versorgung ihrer noch nicht untergebrachten Schützlinge und der Musik, verlor noch den einzigen Enkel und mutzte den einzigen Sohn, Dr. Sigmund Stiatzny, an die Front abgehen sehen. Trotzdem wirkte sie noch verdienstlich als Ehrendame des Wilhelm Stiatzny- (Israel. Handwerker-) Vereines, und wegen eines Ansuchens an diesen Verein, suchte ich nochmals die fast schon Sterbende auf, die sich in letzter Zeit von den ältesten Freunden zurückgezogen hatte. Obwohl sie mich nur Mühsam mehr erkannte, konnte sie mir noch eine Existenz durch ihren Einflutz retten. /Ihrem Willen gemäß wurde -sie in aller Stille im Ehrengrabe ihres Gatten, das sie mit einem höchst originellen Grabmal nach ihrer Angabe geschmückt hatte, beigeseht, und so war den Freunden und unserem Frauenhort^ dessen Vorsteherin sie gewesen, -keinerlei Art der Ehrung btr, Toten gegönnt. Doch werden mit dem Sohne, der Enkelin, dey Schwiegertochter, welche die treue Pflegerin ihrer letzten Stunden gewesen ist, dem hochverdienten Präsidenten des Handwerkervereines, ihrem einzigen Brüder, -Dr. Bela Taussig, viele Freunde von nah und fern — zu ihren intimsten gehörte der Dichter Emil Ludwig — trauern und dankbare Tränen von hunderten verschämten Armen, denen sie eine Freundin gewesen, wie fast nie eine Frau aus der Oberschichte, werden ihrem Andenken in stiller Wehmut fließen. Clotilde Benedikt.