Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 37 (14.9.1916)
- Date
- 1916-09-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 618 Dr. Bloch's Wochenschrift 7 Nr. stützung. Gütige Frauen, unter ihnen die Vizepräsidentin Hermine B e r n f e l d, sowie Frau Eugenre Frank, insbesondere aber Frau Dr. Jenny Bnnzlan, Vorstandsmitglieder des Wiener Frauenver-. eines zum Schutze armer, verlassener Kinder, bemühen sich in aufopfernder Weise, doch ist die Hilfe wohltätiger Geber notwendig. Wer daher in diefen Zeiten harter Not eine Stunde der Erhebung verbringen will, der schaue einmal den Spielen dieser unglücklichen Jugend zu, und der Eindruck wird mächtiger sein, wird tiefer zu seinem Herzen sprechen, als Worte es vermögen. — Spenden, Zusendungen übernimmt der Frauenverein zum Schutze armer, verlassener Kinder, Wien, 13. Bez., Auhofstr. 222, der ölt das unerschöpflich gut-jüdische Herz der Wiener Bevölkerung für die Kinder der Not und des Krieges feine Bitte richtet. Thekla B l e ch - M e r w i n. Meratur. „Tie fremde Frau" von Paul Zisferer. Verlag S. Fischer, Berlin. Freudig erregt, kam ein alter literarischer Freund mit Ziffe - r e r' s neuestem Buche zu mir: Oesterreich hat nunmehr seine Buddenbrooks, aber selbst als Reichsdeutscher verhehle ich mir nicht, daß der österreichische Roman, rein künstlerisch betrachtet, turmhoch über dem so erfolgreichen deutschen steht. Der greise Schriftsteller ahnte nicht, datz ich den Autor kenne und mir schon beim Durchfliegen der ersten Seiten der „Ort der Handlung" (Biftritz am Hostein) unb bie geschilderten Familien (im Roman „Grabner's") sonnenklar vor Augen stand. Die scheinbar so spröde mährische Landschaft hat also nicht nur der Malerschule Üprka, sondern einem ganzen Dichterreigen, David und Saar, Fürst Wrede (der Fürst ist namentlich glücklich in der Schilderung der mährischen Landjuden), der Ebner-Eschenbach und belle Grazie, die hellsten Farbentöne entlockt, und jetzt zuletzt, aber nicht als letztem, Paul Z i ffer e r, der mit allen Fasern seines Herzens an der ländlichen Heimat hängt und noch immer die Wurzeln seiner zur Höhe steigenden Alraft in dem jüdischen > Großbauerntum sucht, das unter anderen so merkwürdige Menschen hervorgebracht hat, wie den Dichter des „Ahasver", Seligmann Heller, und den kürzlich Heimgegangenen Hofrat Eduard Lang. Nicht mit den Buddenbrooks, sondern mit einem viel größeren, mit Zola in seiner „Nougeons", möchte ich den ersten Band dieser Ahneyreihe vergleichen. Aber die mährische Welt gibt durch das Zusammenstößen zweier Sprachen und Rassen, dreier Konfessionen, der feudalen Adelswelt, des Beamtentums, des Groß- und Kleinbürgertums, der Bauern und Arbeiter, die alle, vom Grafen Ossendorfs und vom typischen, aus dem Handwerkerstand hervorgegangenen mährischen Großindustriellen Lüttenhill bis zum Ochsentreiber Kostruha und der schon fast der Satyrwelt und Halbmenschenheit angehörigen Brennerarbeiterschaft, mit gleicher Gestaltungskraft und vornehmer Ueberleaenheit gezeichnet sind, einen viel interessanteren, durch den sprachen streit fast welthistorischen Hintergrund, als Zola seine französische Provinz. Hätte ich nicht die Familie „Grabner" gekannt, würde man es für Dichterphantasie halten, daß^ in völliger Isoliertheit von den Glaubensgenossen, in einem mährischen Wallfahrtsorte, von dessen Pilgern und Wunderwasser ein Teil des Reichtums der Familie stammt, sich jüdischer Glaube, jüdische Sittlichkeit, Sitte und Unsitte, über ein Jahrhundert erhalten konnte, und daß es erst modernem Sprachenstreit Vorbehalten war, diesen Ortspatriziern, an derem Erbbegräbnis im durchaus christlichen Friedhof ich gestanden bin, das Judentum vorzuwsrfen. Uebrigens hat es Ziffer er kaum berührt, daß sich die Familie bei völliger Unvermischtheit durch Generationen langer Freiluftarbeit „zu germanischem, blondem Reckentum und Hünengestalt emporgearbeitet hat, während in ihr genug orientalische geistige Versalität verborgen blieb, um in einer Generation wieder geistige Arbeiter zu werden, so daß ich in einem spanischen Renaissance-Arbeitszimmer eines Wiener Politikers mit leisem Spott und leiser Wehmut die im Roman künstlerisch gestalteten Familienanekdolen hörte, eine Wehmut, welche die bange Frage in sich schloß, ob nicht der Kampf mit der harten mährischen Erde ersprießlicher und fördernder war, als modernes Wiener Parteigezänke. Ich sprach von jüdischen Sitten und Unsitten, denn in seltener Unparteilichkeit hat Z i s f e r e r geschildert, wie das in mährische Erde versenkte orientalische . Menschenkorn die Eigenschaften des Nährbodens annahm. Bäuerlicher Stolz, Geldprotzentum, Hoffart, Unduldsamkeit, Argwohn, Verschlagenheit, kleinlicher Neid, aber auch uns fast unfaßbare Anspruchslosigkeit und Arbeitsfreude, Ehrfurcht vor den Eltern und Liebe zur Heimatscholle haben sich in der Familie vereinigt, in die nur der eingeheiratete Arzt sympathisch hereinragt, in dem, warum es verschweigen, der einer älteren Generation noch wohlbekannte, hochverdiente Dr. Tosf geschildert ist, der sich eine zeitlang bemühte, aus Bistritz einen Brustkrankenkurort zu schaffen, mit dem traurigen Erfolg jo vieler derartiger Kurorte, daß die einheimische Bevölkerung angesteckt wurde. Dem landschaftlichen Hintergrund sich anschmiegend, hat Z i f f e r e r seine Gestalten mit einer gewissen herben Rauheit gezeichnet, sogar die .„fremde Frau", in der K>ir uns gerne eine Dichtermutter vorstellen. Auf das kunstvollste ist das Geschick der jüdischen Familie mit den zwei interessantesten Gestalten des Romanes, der blinden Pastorstochter und dem Vagantenkindc Zdenko, das sich zum Maler und Demagogen „aufschwingt", verwoben, die beide, trotz der von den Juden empfangenen Wohltaten, bewußt und unbewußt,, das Verderben derselben herbeiführen würden, stände nicht die gewaltige „fremde Frau", die arme jüdische Hausiererstochter, als Schutzengel der Familie auf. Diese Blinde und ihr Sehendwerden, sowie die Feuersbruüst, in der der ganze gegen die Grabner's aufgejpeichrrte Haß auflodert, aber sich läutertsind mit einer Wahrheilskunst geschildert, die z. B. an Dickens' rührseligen Blindengestalten oder selbst an Schiller's grandioser Feuersbrunst gemessen, den Weg anzeigen, den moderne Kunst von der Phrase zur Wahrheit und Innigkeit durchlaufen hat. Ohne Predigt und Tendenz geht aus dem Roman die heilsame Lehre hervor, daß die Großstadt, namentlich die jüdische, den Zustrom der Provinz braucht, das jüdische und christliche Wien aber kaum einen kräftigeren, gesünderen erhält, als aus den Sudettenländern; daß aber jede Patrizierfamilie, namentlich die jüdische, wieder die Auffrischung aus sogenannten niedrigeren Schichten benötigt. Der Nichtjude Rolland hat behauptet, daß seiner Erfahrung nach, der jüdische Patrizierjüngling öfters ein Mädchen aus dem jüdischen Volke, das jüdische Patriziermüdchen öfters einen „Prinzen aus Genieland", auch niedriger Herkunft, heiratet, als die christliche Jugend aus gleicher Schichte (namentlich letztere Behauptung dürste stimmen). Aus dieser ungewollten Eugenetik, die, wie Rolland richtig sagt, sehr gegen die Berechnung und zu Ehren der Juden spricht, will Rolland die Stärke der jüdischen Gesellschaft, die größere Dauerhaftigkeit ihrer Familien in der Großstadt herleiten. Wie dem auch sei, „Die fremde Frau" hat den Boden geschildert, auf den: das Landjudentum aufwuchs, wie es sich mit der Umwelt vom Hochadel bis zum Proletariat auseinandersetzt und wie es durchhält. Das Werk, dessen meisterhafter Technik man die französische Schule, durch die der Autor gegangen, anmerkt, ist künstlerisch so vollendet/ daß es als ein ganzes empfunden wird; es soll aber der Beginn einer Folge sein, in der die Verpflanzung, der Aufstieg dieses Landjudentums in Wien geschildert wird, wohl auch seine Verbrauchung und Verflachung- Wie auch immer der Dichter die Lebensschicksale der Grabner's zu schildern gewillt ist, ob auf- oder absteigend, ihm selbst, der mit diesem Werke der Heimatkunst seine früheren Dichtungen weit überragt, braucht man nach der „fremden Frau" einen Weg zur Höhe nicht mehr zu wünschen, wohl aber der „fremden Frau" selbst jüdische und nichtjüdische Bewunderer, die/ ihr deswegen nicht fehlen sollen, weit sie für Wiener Leser /-nur einen Geburtsfehler hat, den man sonst gerade nur' schönen Frauen verzeiht: daß sie nämlich voll und ganz Wienerin ist. C. Benedikt. „Mult 6s Jövö". Die zwei jüngsten Nummern der vornehmen ungarisch-jüdischen Zeitschrift „Mult 6s Jövö sind mit hervorragend reichem Inhalt und prachtvollen künstlerischen Illustrationen erschienen. Das Augustheft kann fast als Bialik-Sonder- Nummer betrachtet werden. Der Redakteur Dr. Josef Patai, der durch seine Uebersetzungen und Studien den Nanien Bialik in ganz Ungarn bekannt gemacht hat, widmet einen ausführlichen Artikel der Dichtung Bialik's, von der er in seiner Uebersetzung viele Proben in der ganzen Nummer zerstreut veröffentlicht. In einem anderen Artikel erzählt Dr. Patai über Bialik's Aufenthalt in Budapest, als der Dichter am Anfang des Krieges unter großen Schwierigkeiten vom Franzensbader Kuraufenthalt nach Odessa heimgereist ist. Die , Illustrationen, wie auch der übrige Inhalt des Heftes haben den Stoff aus der Zeit der Zerstörung Jerusalems entnommen. Im Septemberheft veröffentlicht Rgbbiner Dr. Mar G r u n - wald, Wien, eine vorzügliche Studie über Ferdinand Lassalle, mit besonderer Rücksicht auf seine interessanten Beziehungen zum Judentum. Der Artikel ist mit 12 prächtigen, aktuellen Bildern illustriert. Ferner finden wir in der Nummer Artikel, Gedichte und Novellen von den besten Schriftstellern. Dr. Patai schreibt einen packenden „Brief an eine jüdische Antisemitin". Ein Artikel berichtet über die ungarische „Pro Causa Judaica", die unter Leitung des Rabbiners Dr. H e v e s ides Barons B6la von D i r s z t a y und des Redakteurs Dr. Adolf Patai ihre Tätigkeit entfaltet. Tine Serie von Kriegsbildern des jungen ungarisch-jüdischen Malers Rudolf B a l i n t (im Felde) schmückt das Septemberheft der Zeitschrift „Mult 6s Jövö", die wahrlich alle Aufmerksamkeit in den weitesten Kreisen des Judentums verdient. Abonnementspreis: ganzjährig Kr. 20.—. Redaktion und .Administration: Budapest, VI., Podmaniczkygasse 6. -