Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ölt. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 587 Wir liefen hinaus zum Bahnhof, wir waren unserer etwa fünfzehn Jungen, wir waren erregt, durch die Gassen ging ein Summen, wie in einem ausgescheuchten Bienenkorb. Schon weit vom Bahnhof konnte man ein beunruhigendes, verworrenes Murren hören, die Gassen und Plätze waren schwarz von Menschen. Mit den Fäusten und Ellenbogen bahnten wir uns einen Weg durch die Menschenmassen — überall aufgeregte Gesichter, wütende Ausrufe ' schwirrten durcheinander: „. Schweine, Halunken — sie wollen "alle dem Hungertode ausliesern — man kann es nicht mit ansehen — die Kinder winseln und jammern — man mutz ihnen helfen, helft ihnen; — kommt, hinein, alle, wir werden ihnen zeigen, — Schufte".... und wild wälzte sich, drängte, brüllte die Menge. Wir schlugen uns auf den Bahnsleg durch — dort stand auf dem dritten Geleise die endlose Wagenreihe, die kleinen, vergitterten Fenster voll mit furchtbar verzerrten, heulenden Gesichtern, krampfhaft in die Lust greifenden, flehenden Händen, und wie eine Höllenpsalmei dröhnte, heulte, brüllte und krächzte es aus tausend Stimmen: -Brot, Brot, Wasser — im Namen -es barmherzigen Gottes — — helfet, — ich sterbe, — — Brot" — — und die Kosaken gingen die Wagen entlang und hieben mit knallender Knute auf die in den Fenstern sich drängenden, stoßenden, verdammten Gesichter.... Die auf dem Bahnsieg wimmelnde Menschenmenge war von diesem wahnwitzigen Schauspiel schon ganz wild geworden, Frauen und Männer brüllten, mit beiden Händen streckten sie Brote, mit Wasser gefüllte Eimer den Unglücklichen entgegen, jene wieder schlugen, wie besessen heulend, die Wände der Viehwagen und streckten ihre blutigen Hände zitternd zu uns aus. Die Gendarmen, welche eine Kette bildeten, drückten mit geballter Faust und mit ihren Gewehrkolben zurück, die Frauen kreischten meinend, die Männer brüllten mit schäumendem Mund.... — Nicht davon sprich — unterbrach heftig Sascha, der kaum mehr imstande war, an sich zu halten, — sondern dort gegenüber in einem Wagenfenster stand eine Frau mit wirrem Haar und hob, streckte mit beiden Händen ihr Kind, einen kleinen Buben, hinaus, das Kind öffnete entkräftet sein verdorrtes Mäulchen, seine kleinen Händchen flatterten dem Wasser entgegen, welches ein Gendarm einer Frau aus der Hand schlug, daß es auf der Erde zerrann. Das Kind wird dort vor unseren Augen sterben und seine Mutter schreit vom Wahnsinn befallen aus heiserer Kehle — ich sah sie, eben sah sie mich an, richtete auf mich ihre blutunterlaufenen, eingefallenen Augen, das Kind reckte gegen mich seine Hand — — das Blut schoß durch mein Gehirn, Ich brüllte auf, stieß den Gendarm mit -er Kraft eines Wilden zur Seite und dann, vorwärts!! Hinter mir stürmte Mischa — ist's nicht wahr, wie —> — und Mazin und Jephim. Binnen einer Minute war die Eendarmenkette in Verwirrung gebracht, mit wildem Lärm wälzte sich die Menge auf die Schienen. Ich sah nichts und hörte nichts, lief auf jenes Fenster zu.... — Furchtbar war dieses zum Himmel emporsteigende Wutgeschrei, — wir, — die Volksmenge, r— und jene dort in den Fenstern, — — Männer, Frauen wurden niedergetreten, — ^Kosaken, Gendarmen wurden niedergeschlagen, wild tobte das Handgemenge . An der Wagentür hing eine Bleiplombe, hören Sie, mein Herr, eine Bleiplombe, damit die Türe nicht geöffnet werden könne, ich weiß nicht mehr, seit wievielen Tagen sie schon da war — und jene dort drinnen. Ich riß sie herunter, wir schoben die Tür zur Seite.... es ging schwer, es entstand bloß eine kleine Oeffnung, und in meine Arme fiel jener kleine Knabe und auch die Frau wollte hinausspringen und hinter ihr drängte sich ein übelriechender, zusammengepreßter Knäuel, das waren nicht mehr Menschen, das waren verhungerte Bestien! Ich brüllte zu ihnen hinauf — — heraus! Kommt herunter! — — aber es war nicht mehr möglich, — — es war zu spät! Schüsse knallten, in einer Rauchwolke wimnielnde Massen — Sicherheitswache, Kosakentruppen waren herangekommen und warfen sich aus -das Volk! Es war ein fürchterliches Durcheinander, — .der arme Jephim fiel dort unter einem Säbelhieb, ich, wollte mit dem kleinen Kinde flüchten. . und die Frau wurde von zwei Kosaken ergriffen, — ich kann es nimmer vergessen, mit den Fäusten rissen sie ihr die wirren Haare aus, noch jetzt sehe ich die blutigen Haarbüschel vor mir, und sie stampften sie «mit den Sporen, sie stieß röchelnde Schreie aus, — wahrscheinlich haben sie sie ermordet. Und ich begann sodann mit einem Gendarm zu ringen, packle ihn an der Gurgel, daß es nur so krachte, seine blaugewordene Fratze stierte mich an. Dann wurde ich vow etwa Vieren gepackt, unter Eebrülle zu Boden geworfen und geprügelt, geprügelt, geprügelt, die Nagajka heulte, klatschte, und mein ganzer Körper brannte, ich brüllte auf. Und unausgesetzt knatterten die Schüsse, wurde die Luft von Flüchen und Schmerzensschreien erfüllt, und mir floß das Blut, meine Hand ward klebrig davon, und es rann mir in die Augen, rann mir in den Mund, es war eins so merkwürdig süßliche, warme Flüssigkeit!. . ich bohrte mich durch, die raufende, fliehende Menge hindurch, Mazin hielt hinten in wildem Ringen drei Kosaken auf, er war sehr kräftig — ich sah, wie sie mit dem Bajonett aui ihn losgingen. In das Fenster eines Wagens stießen die Kosaken mit der Pike hinein — atemlos lief ich hinaus,, dem Geleise entlang, in jenem Augenblick war es mir wichtiger als mein Leben, jenes in Ohnmacht stöhnende kleine Kind zu retten. Und ich lief geradenwegs in die Kosakenbereitschaft hinein, welche auf den großen Lärm, von der Eisenbahnbrücke her, dem Bahnhöfe zustürmte. Unter furchtbarem Geheul hatten sie mich ergriffen, die Knutenhiebe prasselten aus mich nieder, an Händen und Füßen zerrten sie das Kind aus meiner Hand, ich wollte es nicht hergeben, sogar mit meinen Nägeln krallte ich in den schwachen, kleinen Leib, der unglückliche Junge klammerte sich krampfhaft mit seinen winzigen Armen an mich, ich heulte wie ein Schakal, stampfte und biß, sie schlugen auf mich ein, das Blut floß mir aus Nase und Mund, ich scherte mich nicht darum, auf dem Boden wälzend, hielt ich noch immer das kleine Kind.... . Schließlich entrissen sie es mir — an einem Fuße schleiften sie es auf der Erde, daß der Kies von dem bluttriefenden Eesichtchen rot gescheuert wurde, die Händchen zappelten in der Luft •— — ein Tritt von einem benagelten Stiefel, Nagaikenhiebe ins Eeficht.. Halb tokgeschlagen ließen sie mich in meinem Blute auf den Schienen liegen —. — eine halbe Stunde später rollte dieser fürchterliche Eisenbahnzug an mir vorbei und zum Himmel empor stieg das Weinen der Juden. Die beiden Studenten saßen enganeinandergepreßt, mit unbewußter Kraft einander die Hände drückend — so saßen sie dort, mit verzerrten, geröteten, wilden Gesichtern, schnitten keuchend einander das Wort ab, aus ihren Augen quollen die Tränen, ihr Mund schäumte, furchtbare Leidenschaft, Wut und Hatz zuckten in ihren Gesichtern, bebten in ihren Worten, zerrten san ihren Fäusten. Die Wache mit aufgepslanztem Bajonett näherte sich, die Gefangenen ziehen ab! Die beiden Studenten gingen Hand in Hand gesenkten Hauptes — beklommenen Herzens blickte ich ihnen nach, sie traten in die Reihe, auch dort blieben sie Hand in Hand. („Pesti Hirlap".) Uebers. von Jakob K r a u s z.?rieskak§rr. Auf die Anfrage des Herrn Prof. I. Frank in seiner interessanten Notiz „Jntinctos Judaeos" in der jüngsten Nummer 34 der „Oesterr. Wochenschrift", bezüglich der historischen Quelle des von La Beaumelle angeführten Projektes des Marquis de Langallerie zur Gründung eines jüdischen Staates, verweist Herr Dr. Oppenheim in Brünn auf eine diesbezügliche erschöpfende Arbeit des verewigten David Kaufmann, erschienen in der „Revue des Ltudes Juives", Paris 1914, Band 28, vag. 193—211; ferner: „Die Beziehungen des Marquis de Langallerie zu den Juden" in der j,,AIlg. Zeitung des Judentums"» Berlin 1895, Jahrgang 59, Nr. 17, 18. 19. vergl. Brann, Verzeichnis der Schriften und Abhandlungen David Kaufmanns, Nr. 357 und 376. Notiz. Jüdische Bühne. Direktion S. Podzamcze, 2. Bez.. Taborstraße 12 (Hotel Stefanie). Wochen-Programm: Samstag, den 2. September: „Mischte Moschke", komische Operette. Sonntag, den 3. September, nachmittags halb 4 Uhr, halbe Preise: „Kronprinz Alexander"; abend 8 Uhr: „Haman II.", komische Operette. Dienstag, den 5. September: „Vizekönig" (Wohltätigkeitsvorstellung). Mittwoch, den 6. September: „Tochter Jerusalems". Donnerstag, den 7. «September: „Die weiße Sklavin".