Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 586 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 35 Horowitz Matte aus Sadagora, derzeit Kleinmünchen, sucht seine Mutter Cd« Horowitz aus Sadagora; Rosa Horowitz mit drei Kindern aus Czernowitz; Frau Süßer Pinkas mit zwei Kindern aus Czernowitz. SchaUnsky Adolf aus Mihova, derzeit Traun, sucht seine Frau Schaltnsky Maria aus Mihova. Weiner Venzion aus Wiznitz, derzeit Henhart, sucht Singer Eitel, Singer Salamon und Weiner Abraham aus Wiznitz; Berler Singer aus Waschkoutz. Terner Lzarna, derzeit Hagenau, sucht Terner Nathan aus Samostry. Landeshilsskomitee für jüdische Flüchtlinge in Linz. Chane Ritzer aus Tlumacz, derzeit Schwarzbach (Böhmerwald), sucht ihre Mutter GMel Morgenstern, geflüchtet aus Uscie zielone. Priwe Sauer aus Jaworow, derzeit Przemysl, ul. Slowackiego 39, sucht Jsat Weichselbaumb aus Belz. Bergmann Kalman, Infanterist im Jnf.-Rgt. Nr. 77, derzeit Insasse des k. u. k. Reserioespitales Nr. 18, 12. Bez., Ruäergasse 40, Objekt 4, sucht seine Eltern Mendel Frredmann, zirka 54 Jahre alt, und Sime Bergmann, zirka 46 ^Jahre alt, beide aus Zawadka bei Koziowa (Galizien). Petzje Wettstein aus Kolomea sucht ihre Eltern Moses und Rivka Grünberg aus Lanczyn. Debora Citron aus Jaslowice sucht ihren Mann Alter Hochjs-Ädter und Tochter Sara sowie ihre Mutter Blünre Citron. Marder Jsak aus Pvdhajce sucht seinen Sohn Elias Marder aus Podhajce. Lisa Pczenik aus Brody sucht ihren Vater Chajim Pczen'r? samt ihren beiden Schwestern Lori und Sofie aus Brody. Regina Weinstock aus Brody sucht ihren 19 jährigen Sohn Figdor aus Brody. Berta Jahr aus Brody sucht ihre Schwägerin Fanny Vaumgarten aus Brody. Eefl. Zuschriften bitte zu richten an Dr. Emil Friedmann, Rabbiner in Lobositz. Samson Hirsch aus Wiznitz (Bukowina) und Jtzic Zloczower aus Czornohusy bei Wiznitz werden von Abc. Samuel Rosner, derzeit Wien, 2. Bez., Radingerstratze 17/15, gesucht. S —4* r ff v a 4 * U B /%T* Die Mmsker Studenten Von Dr. Anton Radö jun. Sie saßen beide aus der Bank. Finstere Anarchisten-Typen, fast gleichförmige Burschen, in ihrem bleichen, knochigen Gesichte verrieten bloß die Augen in dem dichten Kranz der Brauen, in dem blauen, tiefen Hof der Leiden, einiges Leben. , ' Lebendig gewordene, sprechende Gestalten aus Eorkij's „Matjir", für Phantome schwärmende Studenten mit verbitterten Herzen. Sie zogen ihre zerfetzte Tellermütze über die Augen, antworteten sehr nervös, zögernd, matzen mich üb und zu verstohlen mit finsteren Blicken — sie wußten augenscheinlich nicht, was ich von ihnen wollte, weshalb ich mich mit ihnen beschäftige. „— — — nein — — —, ich wünsche nichts, — — — mir fehlt nichts, — — — deutsch habe ich zuhause erlernt, —- ich war Student — —: — in Minsk, — — — bin jetzt zum Herbst eingerückt — — —." „— Und — nehmen Sie es nicht übel — vom Leutnant hörte ich, daß Sie sich freiwillig ergebenhabbn, ohne Kampf, aus Ihren Magazinen hat nicht eine einzige Kugel gefehlt;- weshalb — — —." Der eine der beiden wurde rot im Gesichte, zuckte die Achseln, der andere hingegen fuhr heftig auf: — Glauben Sie nicht — nicht aus Feigheit — wenn es notwendig ist, hätten wir ebenso krepieren können, wie die übrigen erbärmlichen Menschen, die man mit dem Gewehrkolben und Spaten vorwärts geprügelt hat gegen' die Drahtverhaue — — — — Schweig' doch, Sascha, schweig', Sascha! — — — beruhigte ihn der andere, dem der heftige Ausbruch vor einem Fremden offenbar unangenehm war. — Dann hat Ihnen wohl Ihre Ueberzeugung verboten, zu kämpfen? — drang ich weiter in ihn. — Was — — Ueberzeugustg! — — wer von uns weiß denn überhaupt, für welche Ueberzeugung man kämpfen sollte, wer Recht hat, wir oder Sie! Es erschien der Maueranschlag und ich bin gegangen! Aber damals "schon lputzte ich, daß ich keinen einzigen Schutz abgeben werde — äch nicht — und auch Mischa nicht — sein Antlitz war fchon feuerrot — laß mich doch in Frieden, zerr' nicht an Mir herum — jawohl, ich werde es ihm erklären, er■: wird noch glauben, daß ich vielleicht Angst gehabt habe, daß ich mich nicht sgetraut hätte; das Bajonett dem Mann in den Leib zu stoßen, her mir das Gewehr 'weggenommen hat,-jawohl, ich wollte eben nicht,; wollte nicht, mit diesen, für diese — er wies hierbei auf den zerlumpten Gefangenenknäuel — kämpfen — — diese Wilden und Besoffenen — so sehen Sie doch her, sehen Sie her — und auch hier — hier auch-- —. \ Er zerrte die abgenützte Uniform, das schmutzige Hemd vom Leibe — auf seinem Magern, weißen Rücken zogen sich, wie eine grausige Landkarte, die Narben langer, rissiger Wunden, lilafarben und glänzend, dicht und unbarmherzig, kreuz und quer übereinander hin — eine fede 'dieser Narben entsprang einem tiefen, gerissenen Loche und zog sich bis ans Ende, runzelig; ekelerregend, die furchtbare Kaligraphie der Unbarmherzigkeit, eingeschrieben, eingemeitzelt mit nimmer schwindenden Initialen in die lebendige Haut, in das Fleisch — —. Ich kannte sie — die Spuren der N a g a i k a-. — Schön, was? — Sie wenden sich ab? — Sie können's nicht sehen, wie? — und er stieß ein heiseres Triumphgelächter aus. — Sie haben meinen Rücken blutig, zu Fetzen geschlagen, sie — diese hier — und die übrigen, — Russen, Kosaken, mit der Nagaika, — mich — auch ich —- bin doch Russe, rechtgläubiger Orthodoxe. — und konnte bloß nicht zuschauen, wie der kleine Knabe — ich wollte ihn fortbringen, er weinte und schrie und war .krank, hatte Fieber, und ich wollte ihn fortbringen. Der andere erhob sich, ergriff den Arm seines Kameraden — dieser war ganz außer sich geraten, sprach sehr hastig, überstürzt, mit glühendem Gesicht und unruhig umherrollenden Augen. — Ich bitte, mein Herr, ich werde es kurz erzählen — brüll' nicht, Sascha. 'iund zieh' deinen Rock wieder an, du bist immer wütend und redest, wie ein Tartadl-l Nun denn, mein Herr, ich spreche nicht gerne hierüber, nun hat aber Sascha schon angefangen — und es ist schließlich auch alles eins — er hat recht! Wir kamen durch den Drahtzaun herüber, übergaben unser Gewehr der Vedette, wir wollten nicht Mit' den Russen kämpfen. Ach, sie widern mich an, iW verabscheue meine Rasse — es ist schrecklich, daß ich so sprechen-! muß — und nichts dagegen tun kann! Auch Mich schlugen sie, bis Ich ohnmächtig rourde, sie begossen mich mit Wasser, damit ich ßu mir komme, um mich weiter prügeln zu können, zwei Rippen sind Mir - gebrochen und mein Rücken ist eine einzige Kruste von iWundnarben — und das ist es gar nicht, aber auch auf Aas kranke, schwache, winzige Geschöpf schlugen sie ein mit der Faust — wahrhaftig auch mich erfaßt schon die Wut, Man kann das nicht ruhig wiedergeben! Ich will es versuchen, der Reihe nach zu erzählen! Um 11 Uhr vormittags kam Mazin in den Hof gelaufen. — „Gehen wir rasch, im Bahnhof ist von Kowno ein endlos langer Zug angekommen, lauter Viehwagen und alle vollgepfropft mit Juden, sie wurden aus Kowno .vertrieben, Kosaken haben sie gebracht. Man sagt, sie seien Verräter, die Juden seien alle Verräter;, sie halten's mit den Deutschen." — Ich weiß nicht, mein Herr, was davon wahr ist, ich gestehe, auch /ich liebe die Juden nicht, wird uns doch der traditionelle Judenhaß ins Blut hineinerzogen, eingeimpft. Ich haßte sie nicht, ich liebte sie bloß nicht, ich fühlte mich fremd gegenüber diesen in schmeichlerischer Angst, in bittender Liebenswürdigkeit unter uns lebenden, eigenartigen, fremden Menschen. — Dann kam aber Väterchens Manifest: „Do moich jewreich." und ich sah dann diese Menschen neben mir schießen, stechen, sah, wie sie unter Kugeln und Gewehrsalven niedergestreckt wurden., und sah jenen langen Eisenbahnzug und hörte das Brüllen der Verhungernden und Krepierenden, und in dieses tierische Gebrülle sangen 'die Kosaken: »Lore carja, chrani«. ich schwöre es Ihnen, Herr, von dieser, die Galle und das Blut aufreizenden Szene, mußte, sich selbst Gott, von Haß erfüllt, abwendey.