Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 35 (1.9.1916)
- Date
- 1916-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 582 Nr. 35 ' Dr. Bloch's Länder ersucht, ihm seine Staatsangehörigen zurückzuschicken, damit sie im Heere dienen, Rußland und Italien haben weder das Bedürfnis, noch den Wunsch, ihre Leute deportiert zu sehen. Was sie statt dessen brauchen, ist Geld urrd. Munition. Es gibt hierzulande mehrere Tausend Russen, meistens Juden. : die zum größten Teile wegen der unglücklicher politischen und. wirtschaftlichen Zustände, unter denen sie in Rußland leiden, und infolge wirklicher religiöser Verfolgung hierhergekommen sind. Es gibt jetzt hier mindestens 10.000 russische Juden im militärpflichtigen Alter. Drei Deputationen verschiedener Gesellschaften siyd zu mir gekommen. Sie sind vor allem unsäglich, erstaunt, daß man sie, ohne daß nun sich ernstlich bemüht hätte, sie zum freiwilligen Heeresdienst zu bewegen, mit deß Zwangsweisen Verschickung bedroht. In den russischen Judenvierteln des Londoner Ostend, in Manchester und Leeds herrscht die größte Erbitterung. j'Jchfrage den Staatssekretär: „Wäre es wirklich richtig, heute die 'russischen Juden nach ihrem Lande Zurückzuschicken?" Erstens hat die russische Regierung 'nicht nach, ihnen verlangt. Zweitens braucht Rußland keine Leute, sondern Munition und Geld. Drittens müssen Sie sie auf einer langen Seereise nach, Archangelsk befördern, wo sie Hunderte von Meilen von jeglichen: Truppenübungsplätze entfernt sind. Die Verschickung eines Juden von hier nach irgendeinem Kriegsschauplätze wäre also ein sehr teueres und überflüssiges Vorgehen. Meine Anschauung stützt sich auf zwei Gründe. Erstens sind alle Juden heute von großem wirtschaftlichen Wert. Cs soll mindestens 20.000 bis 25.000 russische Juden geben, die im Bekleidungssach an Khakiherstellung arbeiten, und viele Geschäfte hätten ohne sie niemals ihre Kriegslieserungen aussühren können. Sie berauben keineswegs andere Leute ihres Postens, wie ein Teil der gelben ‘ Presse behauptet. Die russischen Juden sind in gewissen Handwerken, die sie selbst eingesührt haben, organisiert. Ich! höre, daß die Kisten, in denen wir unsere -Munition ins Feld schlicken, meistens von russischen Juden gemacht werden. Dem Staatssekretär scheint' das nicht bekannt zu sein. Er hätte sonst einsehen müssen, daß die russischen Juden nicht anderen Leuten ihre Posten fortnehmen, sondern für andere Leute Posten schaffen. Der Zustrom einer jüdischen Bevölkerung ist immer ein Segen für das Land, in das sie einwftnde r t. Die Juden haben ' dem Lande Reichtum gebracht, haben sich auf jedem Gebiete geistiger und künstlerischer Arbeit betätigt, haben sich in Finanzwesen und Industrie ausgezeichnet. Es wäre die größte Torheit, wenn Sie an eine Ausweisung der Juden dächten. Allerdings fühlt man in unserer Mitte, daß diese Fremdlinge, die hier Schutz und!Wohnrecht erhalten haben, irgendein großes Opfer bringen sollten, das wir zu einer solchen Zeit von ihnen verlangen dürfen. Es fragt sich! nun, welche Gelegenheit wir ihnen zu einem solchen Opfer geben können. Ich möchte den: Staatssekretär hierfür drei praktische Vorschläge machen. Vorher aber möchte ich bitten: Uebereilen Sie die Deportation nicht. Lassen Sie diese als eine Drohung im Hintergründe stehen, aber versuchen Sie es erst mit freiwilliger Meldung. Der Staatssekretär soll uns heute noch sagen, daß er die Leute nich!t sofort deportieren, sondern sie auf jede Weise zum freiwilligen Dienst bewegen wird, und daß jemwrd, der wirklich nationale Arbeit leistet und unserem Volke auf wirtschaftlichem Gebiete nützt, nicht deportiert wird. Ich schlage vor erstens: Betonen Sie die Drohung der Deportation nicht mehr als notwendig. Zweitens: Geben Sie den Leuten, sobald sie in das britische Heer Wochenschrift eintreten, die vollen Rechte britischer Staatsangehöriger. Wenn wir sie in das Heer aufnehme:: wollen, müsse:: wir ihnen auch gleiche Löhnung, gleiche Aussichten und gleiche Pension gewähren wie unseren eigenen.Leuten. Drittens bitte ich den Staatssekretär, den Gedanken eines besonderen Korps, Regiments oder Bataillons für diese Leute ernstlich! zu erwägen. Sie könnte:: dann in Gesellschaft ihrer Freunde hinausgehen, würden einander kennen und Sie würden dadurch die Sprachschwierigkeit überwinden. Tausende russischer Juden — mindestens 3000 aus Belgien — verstehen kein Englisch. In einem solchen Heereskörper wäre die Frage der Sprache, der Haltung religiöser Gebräuche und der koscheren Kost, die heute für viele orthodoxe russische Juden eine große Schwierigkeit bedeutet, gelöst." In seiner Antwortrede berichtete Mr. Herbert Samuel, es gäbe in Großbritannien 25.000 russische Staatsängehörige zwischen 18 und 41 Jahren. Das Kriegsministerium hatte beschlossen, von ihnen eine Anzahl zum Heeresdienst zuzulassen, aber nur soviele, daß sie' nicht mehr als 2 Prozent der Gesamtstärke bilden sollten. Nur weil diese Maßregel keinen Erfolg hatte, wäre man zu den erwähnten Maßregeln geschritten. Eine Ausweisung sollte erst stattfinden, wenn die Tribunale, an die die Dienstpflichtigen sich wenden könnten, festgestellt hätten, daß keine wirtschaftlichen oder sonstigen Gründe vorlägen, die Leute zu befreien. Was die Frage der Bürgerrechte beträfe, so sei Herr Samuel durchaus dafür, daß, sie durch! den Eintritt in die Armee und gute Führung ein Recht aus Einbürgerung erhalten sollten. Für die Formierung eines besonderen Korps se'en weder die Militärbehörden, noch! die Führer der jüdischen Bevölkerung. In: Oberhause plädierte Lord Sheffield dafür, daß man denjenigen, die nicht in die englische Armee eintreten wollten, gestatten solle, Lns neutrale Aus-/ lanö zu gehen. Außerdem protestierte er gegen die Terrorisierung der russischen Juden, die mit Ausweisung nach Rußland schon jetzt von der Polizei bedroht werden. Auch Lord Loreburn verlangte für die russischen Juden das Recht des Abzuges nach einem neutralen Lande. Großes Aufsehen erregte im Hause und in der Oessentlichkeit sein energisches Ausspruch: „Wenn ich ein Jude wäre oder auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes in Mir hätte, ließ ich Mir lieber die Hand ab schneiden,, als das zu tun, was Mr. SaMuel getan hat, nämj lich diesen Leuten zu sagen: Wenn ihr nicht in der englischen Armee dienen wollt, werden wir euch nach Rußland zurückschicken." Vermischtes. Zum 85. Geburtsfeste Dir. Alfred Sterns. Janosi, 25. Aug. 1916. Sehr geehrte Redaktion! Zu:n 85 jährigen Geburtstage des hochverehrten und vielverdienten Präsidenten der Wiener israel. Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern fühle ich mich, von meinem Gefühle bewegt, veranlaßt, als Präsident der isr. Kultusgemeinde zu Brody (Galizien) meine herzlichen Glückwünsche in Ihrem geschätzten Blatte vor der gesamten jüdischen Oeffentlichkeit ckund zu geben. Möge es der Wille Gottes bestimmen, daß dev geehrte Herr Dr. Alfred Stern in geistiger und physischer Gesundheit (für lange Jahre seinen Angehörigen und dem jüdischen Volke erhalten bleibe, und als ein leuchtender Sternchfür die Gesamtjndenheit, zum Wohle und Ausrechterhaltung jüdischer Ideen, für eine gesunde,