Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Lette 538 D«r. Bloch's Wochenschrift sJu. 32 du int Simte, [oitbent Braine, des Schuldieners Tochter. Willst du ire setzen?" Ter Poru,ch rückt erschrocken weg. „Also nicht/" lacht das Menschlein. „Heut' habe ich so wie jo teine Zeit; ich ntujj hinauf, mich m das! viegister der Neugevoreuen eiitichceiben laisen. Ich tontute aber wieder."" Mit diesen Worten verschwindet das Wesen. Der Porusch meint, es sei nur eure Sinnestäuschuttg oder ein Traum im Wachen gewesen: er hat ja lajiou ]o viele Äcächte nicht ge',L)tasen. viun nimmt er sich zusammen, macht den Besen fertig uttd geht ins Bad. Es ist roieder ein Freitagnachmittag, der Porusch ist tvieder allein im Bettzause. Er sitzt und studiert den Bibeltommentar „Targum Scheni"". Die Rede ist vont tvunderbarett Palaste, den sich» König Salomo erbaut hatte: er ist ganz aus Kristall uttd steht mittett im Meere. Der Poru,ch schließt vor Wonne die Augen und schautelt mit dem Kopse nach rechts und nachlints: tvelch ein Palast! Da bekommt er plötzlich eilten Nasenstüber. Er schlägt die Augen aus: das Menschlein geht vor ihm. Es scheint aber inzwischen etwas größer getvorden zu sein. „Mtr scheint, du bist gewachsen?"" „Du denkst, und ichwachse."" „Ich habe ja an ntchts gedacht,"" verteidigt sich der Porusch. „Ich habe den Targum Scheni studiert/" „Stimmt. Dochdabei dachtest du dir: in einem solchen Palaste, mitten int Meere, mit ihr zusammen . . ."" Der Porusch läßt den Kops sinken. Dann seufzt er: „Sie wird Braut?"" „Unsinn!"" „Die Braut Jojne Liebels . . ."" „Er hustet!"" „Was ist dabei?"" „Er wird noch stärker husten. Wird Blut husten..."" „Was geht's mich an?"" „Borläusig noch nichts: die Frucht muß erst reisen."" Der Porusch. sieht sich das Menschlein genauer an und bemerkt, daß es ganz rot geworden ist. „Du bist ja ganz rot!"" ruft er erschrocken. „Odom,"" sagt das Menschlein, „heißt: Mensch; Dom ist Blut; Blut ist rot; Odom ist rot."" - „Was sprichst du da?"" „Das wirst du später einmal verstehen. Sag' mir lieber,"" sagt das Menschlein nach einer kürzen Pause,, „willst du sie sehen? Sie wäscht sich jetzt gerade."" Der Porusch. sagt weder ja noch nein, und das rote Menschlein bläst mit dem Munde in der Richtung zur Westtvand, das Fenfterchen geht auf: Braine, des Schuldieners Tochter, steht, ihnen den Rücken kehrend, den Kops -über eine Schüssel heißen Wassers gebeugt, uttd wäscht sich zum Sabbat das Haar. „Siehst du,"" sagt das rote Menschlein, „wieviel Haar sie hat: die Schüssel ist beinahe zu klein, um es zu fassen."" Der Porusch unterbricht erschrocken: „Sie kann sich ja umdrehen und uns sehen."" „Wen?"" „Dich! Wenn sie dich, Gott behüte, erblickt, wird sie erschrecken."" „Außer dir,"" antwortet das Menschlein, ..kann mich niemand sehen."" „Sprich nicht so laut!"" „Außer dir kattn mich auch niemand hören. Sieh lieber hin: dieser Hals! Dieser Nacken! Wie Alabaster, was?"" Der Porusch beginnt zu zittern, und das Menschlein fährt fort: „Willst du sie sehen? Ich meine, so wie König Ahasveros seine Frau, die Königin Basthi, beim Feste sehen wollte. Willst du es?"" „Ich will,"" antwortet der Porusch, seine brennenden Lippen kaum bewegend. „Wirst du unterschreiben?"" „Was unterschreiben?"" „Einen Pakt. Mit dem Blute von deinem kleinen Finger."" „Gut, gib den Pakt her!"" „Ich werde ihn sofort holen."" Mit diesen Wortett verschwand das Menschlein. Das Fenfterchen schloß sich und der Porusch schleppte sich mit wankenden Knien zur nächsten Bank. Es ist die Nacht von Hojschano Rabo, die siebente Nacht des Laubhüttensestes. Aus dem Vorbeterpulte brennen zwei Iahrzeitoerzen.*) Der Porusch sitzt aus der Bant nebett dem Ofen. Da Erscheint vor ihm das Menschlein, das eigentlich nicht mehr klein izu nennen ist, uttd will ihm etwas in die Hand drücken. „Was ist das?" fragt der Porusch. „Du weißt es nicht tnehr?^ Es ist dein eigenes Taschenmesser, das du mir zum Schleifen gegeben hast."" „Wann Hab' ich's dir gegeben?"" „Einmal um Mitternacht, ttach einer Erscheinung."" „Nach was für einer Erscheinung?" „Odom heißt Mensch, Dom — Blut, Odom — rot." „Schweig!"' ruft der Porusch erschrocken aus. Der Rote lächelt und lenkt ab: „Aber sieh doch, tvie 'schön es geschliffen ist."" Er klappt das Messer aus, die Klinge ist wie ein Blitz. ""Schars wie ein Schächtmesser. Prowers nur aus dem Nagel!" Der Porusch nimmt ganz mechanisch das Messer, probiert seis aber nicht. „Aber setzen will -sch," sagt ier voller Sehnsucht. „Sobald du unterschrieben Haft — gerne,"" antwortet der Rote und ruft: „Wand, Wattd, öffne oich!"1 Die Westtvand gehorcht und gleitet Hinab: Braine schläft in ihrer Kammer. Der Porusch sitzt da, in Schweiß gebadet, tveiß wie Kalk, mit bebenden Gliedern und brennenden Augen und starrt. Der Rote sitzt neben ihm und raunt thm ins Ohr: „Das sind Arme, was? Wie gedrechselt. Und die Ellenbogen! Wie Elfenbein, nicht wahr?"" „Mehr, mehr!"" flüstert der Porusch mit brennenden Lippen. Es geschieht. „Meinst du nicht, sagt er lächelnd, „daß sie schöner ist als Königin Vasthi?" „Wie die Sulamith!"" ruft der Porusch, mit Schaunt att den Lippen. „Und der Palast, der Palast aus Kristall, mitten im Meere?"" „Wird npch kommen,"" versichert der Rote. „Die Frucht ist ausgereist. Heut' oder morgen wirst du's haben. Es fehlt ttur noch eine Kleinigkeit.'" In diesem Augenblick verschwindet die Erscheitlung. Die Wand tritt wieder an ihren Ort. „Was ist das? Was hast du getan?"" „Nicht ich"" antwortet der Rote. „Es ist Jojne Liebels."" „Jojne Liebels: Wieso?"" „Ist hergekommen, Thora zu lesen. Sitzt bei der Ostwand. Solange er hier ist, Hab' ich feine Gewalt. Du mußt tvartett oder sehen, daß du ihn loswirst!"" Der Porusch tut so, als hätte er die letzten Worte nicht gehört. Er reckt den Hals und sieht, daß Jojne Liebels toirklich an der Ostwand sitzt und lieft. Er hatte während der Erscheinung fein Kommen gar nicht bemerkt. „Und er hustet gar nicht,"" flüstert er wütend; und drückt unwillkürlich den Griff des Messers fester zu- *) Lange Wachskerzen, die von den Angehörigen eines Verstorbenen an jedem Jahrestage seines Todes der Synagoge gestiftet werden.