Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 32 (11.8.1916)
- Date
- 1916-08-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3022195-3022228--25321-3050617- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 534 Dr. Bloch's Wochenschrift innerhalb dieses Zeitraumes wieder vorwiegend der Geschichte der Gegenreformation im 17. and 18. Jahrhundert zugute gekommen. Aber auch das Gebiet der brandenburgisch-preußischen Geschichte, von der Zeit des Großen Kurfürsten bis auf die Freiheitskriege, hat er in mehreren, zürn Teil umfangreichen Werken behandelt. Niel Anerkennung hat auch seine auf gründlichen Quellenstudien beruhende und von warmer Verehrung für seinen Helden eingegebene Biographie Kaiser Friedrichs gesunden. Den sozialen und geistigen Interessen des Judentums hat Philipp so n auf mannigfachste Weise 'zu dienen gewußt. Er war Mitbegründer und Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums, Vorsitzender des Berliner Vereins für jüdische Geschichte und Literatur und Ehrenvorsitzender der jüdischen Literaturvereine in Deutschland. In seiner „Geschichte des jüdischen Volkes in der neuesten Zeit", die nicht ganz zuni Abschluß gelangt ist, hat er die mannigfachen Strömungen innerhalb des Judentums im letzten Jahrhundert sachkundig und lichtvoll dargelegt. Ein schweres Herzleiden, das den verdienstvollen Gelehrten seit Jahren quälte, aber seine geistige Regsamkeit nur wenig beeinträchtigte, hat jetzt seinem arbeitsreichen Leben ein Z'el gesetzt. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, dessen Ehrenvorsitzender Philippson war, bat eine eigene Parte ausgegeben, in welcher es u. a. heißt: In der Vollkraft seines -Lebens!ist Martin P b i l i p p s o n 1894 m unsere Körperschaft eingetreten. Schon kurze' Zeit darauf ber bQS ^trauen des Gemeindetages und seiner Kollegen als Nachfolger Samuel Kristellers 'um Führer u 'se es Dundes. Seine als Vätererbe überkommene Liebe zum deutschen Judentum wurde durch hervorragende Geizes- und Gemü'sgaben, temperamentvolle Energie und eine unqewöbnliche Jcfähigunp für organisatorische Aufgaben unterstützt. So ist die Zeit von'1893 bis zum Jahre 1912. da Krankheit ihm den schweren Entschluß der Entsagung auf seine Amtsführung abrang, dank der Tätigkeit des bedeutenden Mannes eine Periode des ständigen Aufschwungs für den Deutsch-Israelitgchen Gemeindebund gewesen. Durch Schaffung zahlreicher Provinzial- und Bezirksgemeindevcrbände sowie 'von Bezirksrabbinaten hat er die Organisation des Gemeindewesens ausgebaut; die Einrichtung von Lehr- und Fortbildungskursen für jüdische Religionslebrer und Kantoren be- 3ÄenrJein werktägiges Interesse für 'Erziehungsfragen; der -Wissenschaft des Judentums dient das von ihm bis zum Tode geleitete Gesamtarchiv der deutschen Juden; die Fürsorgeerzrehungsanstalten in Nepzin und Köpenick, die Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz verkörpern sein Tin- •rc^cm Ichutzhedürftige Jugend; die jüdische Arbeiterkolonie m Wertzensee und die Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmen-Fürsorge sind Proben seines sozialen Sinnes. Seine Tinzelleistungen auf dem weitverzweigten Tätigkeitsgebiete des Gemeindebundes aufzählen, hieße einen Grundriß der Gesülchte unseres Bundes während zweier Jahrzehnte schreiben. Als unser Ehrenvorsitzender blieb Philippson seinem Werke und uns allen mit letzter Kraft bis zum letzten Augenblicke treu. Wir werden ihn immer vermissen und nie vergessen. Wahlt:rständigung in Warschau. Die Tatsache, daß das „Vereinigte jüdische Wahlkomitee" mit den beiden polnischen Komitees eine Verständigung traf, lvird von jüdischer Seite wie auch vom liberalen Teil der polnischen Gesellschaft als ein bedeutsamer Schritt zur Verständigung zwischen den beiden Warschauer Bevölkerungselementen betrachtet. Die „Hazefira" und der „Hajnt" ebenso wie die „Nowa Gazia" und der „Kurycr Polsky" betrachten die Verständigung als eine Erscheinung von weittragender Bedeutung. Dem Abkommen dieser drei Wahlkomitees zufolge wurde in beu Kurien I, II, IV und V eine Blockliste aufgestellt. Da nach dem Wahlreglement nur dann ein Wahlkampf möglich ist, tvenn mehr als eine Liste eingercicht sind, lvird in diesen Kurier! kein Wahlkampf stattfinden. Die von der Liste der vereinigten Juden und Polen aufgestellterr Kandidaten gelten als gewählt. Diese Liste besteht aus 60 Ratmännern, unter denen sich 15 Juden befinden (in der Nr. 32 ersten Kurie 3, in der zweiten 4, in der vierten 5 und in der fünften 3). Diese 15 jüdischen Kandidaten gruppieren sich nach ihrer Parteizugehörigkeit folgendermaßen: Orthodoxe: Cliezer P r i w e s, Leibusch Davidsohn und Joel Weg me ist er; Zionisten: Rabbiner S. P o s - n a n s k y, Rechtsanwalt S. S e i d e m a n n und H. F a r bste in; Neo-Assimilanten: Dr. S. Goldflamvt, Dr. Muttermilch, Rechtsanwalt Berensohn; Unparteiische: Raphael Schere sch ewsky, Wazlaw Kirschroth und Adolf Trusker; Eiger-Gruppe: der dänische Konsul Boleslaw Eiger, Rechtsanwalt Etting er und Rechtsanwalt G o l d st e i n. Ein jüdischer Kongreß in Südafrika. Jetzt ernlangende Newyorker Blätter berichten von einem jüdischen Kongreß, lvelcher vor einigen Wochen in Johannesburg (Südafrika) abgehalten tvurde. An dem Kongreß haben Delegierte aus ganz Südafrika, Rhodesien und den Kongostaaten teilgenommen. Der Kongreß hat u. a. auckf eine Resolution angenommen, in welcher gefordert wird, daß bei dem kommenden Friedensschluß den Juden in allen Ländern die volle Gleichberechtigung nicf>t nur zugesagt, sondern auch sichergestellt werde. Die Juden in den Knrorten des Kaukasus. Nach einem Beschlüsse des Kongresses zur Förderung des Kurortwesens in Rußland, wurde den Juden der Aufenthalt in den Kurorten des Kaukasus zu Erholungszwecken gestattet. Jeder Jude aber, der dieses Recht genießen will, Muß zuvor eine behördliche Be-l scheinigung vorzeigen, daß er wirklich krank und der Erholung im betreffenden Kurorte bedürftig sei. Zu diesem Zwecke wurde eine spezielle Regierungskommission in Pjatigorsk eingesetzt, die die jüdischen, nach dem Kaukasus kommenden Kranken zu-untersuchen und Hie Bescheinigung gen auszustellen hat. Wie Dr. I. Natansohn in der „Rjetsch" und Dr. N. Sirkin in „Jewreskaia Shisn" mitteilen, wurde diese Untersuchungsrommission zu einer Art Ellis Island, wo die jüdischen Emigranten bei ihrer Ankunft in Amerika auf Herz und Nieren geprüft werden. Die Kommission hat nur einmal in zwei Wochen Sitzung. An diesem Tage kommen alle jüdischen Kranken, Greise, Kinder und Frauen, von allen Kurorten des Kaukasus, um ihre Fehler und Gebrechen, die ihnen das Aufenthaltsrecht auf dem heiligen Boden geben, vorzuzeigen. Dabei behandelt die Untersuchungspolizei die kranken Gäste wie Sträflinge, und die nichtjüdische Knrortgesellschaft verbreitet unter dem Einflüsse der Behörden die Pjatigorsk-Stimmung über alle Gebiete des Kurortlebens. Der bekannte russische Schriftsteller Philosophow (der selbst diese Massenuntersuchungen in Pjatigorsk und all die Verleumdungen und Beleidigungen der jüdischen Kranken in den Kurorten miterlebte) veröffentlichte seine Beobachtungen, die eine Reihe von erschütternden Tatsachen enthalten, in der „Rjetsch". Seine traurigen Mitteilungen schloß dieser vorsichtige liberale Politiker folaendermaßen: „Gebe Gott, daß die Judenfrage in den Knrorten sich auf diese harmlosen Beleidigungen beschränke. Ich werde aber nicht überrascht fein, wenn aus dieser Atmosphäre der Willkür noch verhängnisvollere Missetaten hervorgehen werden. . . . Schon iß die Rede von der Uebervölkerung der Kurorte, von Mangel an Nahrung und Wohnung. Wie leicht kann in dieser Luit der Gedanke der Judenausweisung entstehen und wie leichter noch wird dann dieser Gedanke realisiert werden." Immerhin. meint Philosophow, wird ein solches offenherziges Verbot besser sein, als die machiavellistische Erlaubnis. ...