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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-07-28 · 30 (28.7.1916) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
30 (28.7.1916)
Date
1916-07-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 503 Aus einer russisch-jüdischen Kolonie. „Egyenlöseg" erhielt vom Kriegsschauplatz die folgende interessante Beschreibung: Als Verwalter der Gärtneranlage der ungarisch-jüdischen Handwerker- und landtvirtschaftlichen Gesellschaft, deren Zweck die Heranbildung jüdischer Handwerker und Landwirte ist, habe ich gerade bei Beobachtung der segensreichen Tätigkeit unseres Verbandes reichliche Gelegenheit gehabt, mich von der Befähigung der Inden für landwirtschaftliche Arbeiten zu überzeugen. Jetzt bot sich mir hier auf dem Kriegsschauplätze gleichfalls die Gelegenheit, die Fähigkeiten der Juden auf landwirtschaftlichem Gebiete ans der Nähe zu würdigeil. Denn die leider verbreitete Allsicht, daß der Jude für systematische Landwirtschaft sich nicht eignet, lvird auch hier in Rußland durch die schon seit Jahrzehnten bestehenden jüdischen Kolonien ividerlegt. Ans feindlichem Gebiete Militärdieilst leistend, war ich in der Lage, die inl Grodnoer Gouvernement gelegene jüdische Kolonie Paivlowo zu besuchen. Ocstlich, der Urwälder von Bielowisch, umgeben von sanft aufsteigenden Hügeln, befinden sich iit der Nähe der Stadt Ruzana zwei jüdische Kolonien, Konstantillowo und Pawlowo. Jll der erstereil wohnen auch Russen, die Gemeinde Paivlowo wird jedoch nur voll Juden bewohnt. Zwei Kilometer vonl Städtchen Ruzana liegt Pawloivo. Eine etwas salldige Straße führt zu den Hügeln hinauf, auf welchen die jüdische Kolonie sich befindet. Selbst im Kriegsjahre ist das Gelände schön kultiviert. Korn-, Gerste- und Haferhalme iviegen sich in der sommerlichen Brise, die Kartoffel ist überall sorgfältig gehaneir und aufgefüllt. Auf weit in sich erstreckenden Weiden können wir auch jetzt noch eine Kuhherde sehen. Langbärtige Juden mit Pajes, Judenweiber mit dem Tuche auf bcm Kopse, stäm'mige Judenburschen bearbeiten die Felder. Wir nähern uns der Gemeinde, erblicken eine mächtige Windmühle: die Gemeindemühle. In zwei Reihen stehell die gteichförnligen, aus Holz gebauten Häuser mit Strohdächern. Das eine und das andere Dach ist bereits angefault, brüchig mtb von Moos bedeckt. Die Dorfstraße ist breit. Vor den Häusern kleine Blnmenaärtchen, Lindenmtb Obstbänme: um die Häuser herum Gemüsegärten. Zu jedem Haus gehört eilte große Scheune utld ein Wirtschaftsgebäude. Die Gemeinde wurde von den Stüruten des Krieges so ziemlich verschont, wenn auch das Beth-Hamidrasch lind die Synagoge von einer Granate getroffen wurden. Auch einige Gebätrdc wurden zerstört, aber die Bewohner der Dorfgemeinde blieben doch zurück. Keine einzige Familie ist abgezogen. Ich begebe mich zutn Dorfrichter, der jetzt Bürger tneister genannt lvird. In der saubereti, eittfach eingerichteten Wohnllllg elllpfüllgt lnich die Frau des Bürgerllleisters. Sie bedauert, daß ihr Mattn tticht zu Hause ist. Er ist auf den: Felde. Schon sendet sie einen ihrer Knaben aus, ihn'zu holen. Ich nehtne Platz im Zimmer, bis der Bürgermeister heimkehrt, und habe Muße, mich in der Wohnung ein wenig umzuschauen. Die Einrichtung ist gemischt, der Tisch nrit einem Teppichtischtuch bedeckt, im Glaskastetl - stehen silberne Leuchter, feines Porzellangeschirr, an der Wand hängen Photographien und jüdische Genrebilder. Der Bürgermeister ist ein kräftiger, von der Sonne gebräunter Mann mit kurzgeschorenem Bart. Ueber die Entstehung dieser jüdischen Bauerngemeinde erzählt er mir folgendes: Zar Nikolaus I. hatte nach Niederwerfung des polnischen Ausstandes die sämtlichett Güter des in Ruzana residierenden Führers der Aufständischen Grasen Savieha konfisziert. Hm diese groß"n Güter weiter kultivieren zu lassen, kolonisierte er in Pawlowo zarentreue Juden. Um die Juden mehr an die Scholle zu fesseln, verfügte Zar Nikolaus I., daß die Kolonisten 25 Jahre hindurch keine Zahlung zu leistell halten, und selbst vom Militärdienst wurden die Gemeindemitglieder befreit. 25 Familien ließen sich hier nieder, von denen jede 27 Morgen Boden und die ganze Kolonie eine gemeinsame Weidewiese erhielt. Bedingung war, daß die Inden selbst das Gut bearbeiten mußten. Sie durften auch nicht fortziehen, lveit sie in diesem Falle ihre Militärdienstfreiheit einbüßten. Die einzelnen Parzellen durften nur an Bewohnern von Pawlowo weiterverkauft werden, andererseits durfte eine Familie während 25 Jahren nicht mehr als 27 Morgen Land besitzen. Nach Ablauf der 25 Jahre hatte die Genreillde bis zum Jahre 1907 für je 20 Morgen Land jährlich 40 Rubel an Bodenablösungsgebühr zu bezahlen. Seit 4907 zahlten sie die gewöhnliche Grundsteuer. Die Bewohner der Gemeinde genossen sämtliche Rechte des Landes. Sie konnten ihre Kindeir ohne jede Ein schränkung ill die Mittelschule, selbst^ auf die Universi täten schicken, während die in den Städten wohnenden Inden dieses Recht nicht besaßen. So genossen die Bewohner dieser jüdischen Bauerngemeinden wahrhafte Privilegien. ' Die Gemeinde Pawlowo hat sich schöll entwickelt. Bei ihrer Gründung gab es 25 Familien, heute versehen schon 66 Familien landwirtschaftliche Arbeiten. Selbstverständlich sind von der neuen Generation mehrere ill größere Städte gekotnmen, da ihnen ja beinahe alle Laufbahnen offen standen. Unter den ersten Kolonisten der palästinensischen Siedlungen figurieren die Juden voll Pawlowo. Elf Familien zogetl hin, um im Heiligen Lande der Beschäftigung ihrer Vorfahren nachzugehen. -Sieben Familien ließen sich in einer jüdischen Kolonie von Argentinien nieder. Auch der verewigte Baron Hirsch unterstützte die Gemeinde Paivlolvo. Aus 'einem voll ihm gewidmeten Fonds erhielten die Aermeren zum Ersatz für ihre eingegangeilen Pferde oder Kühe entsprechende Unterstützung. Es Muß beinerkt werden, daß die Bewohner der Kolonie in Friedenszeiten auch Viehzucht im Großen be trieben. Mancher Landlvirt besaß 25 90 Kühe, imb auch der minder Wohlhabende nannte S -10 Kühe sein eigen. Weideplätze waren reichlich vorhanden. Wir machten einen Rundgang durch das Dorf. Brot ist auch jetzt noch überall vorhanden. Dies beweist am besten, daß hier in Friedenszeiten allgemeiner Wohlstand geherrscht hat. Sie haben ihr selbstproduziertes Getreide gemah len. Wir machten auch deur greisen Rabbi der Genreillde einen Besuch mtb trafen ihn über den Talmud sitzend. Der im SO. Lebensjahre stehende Rabbi erzählte mir, daß die Bevölkerung der Gemeinde fromm und gottes fürchtig ist. Sie bearbeiten gewissenhaft ihr Feld, halten aber deshalb doch pünktlich ihre Feiertage. Am Sabbat ruht die Arbeit. Selbst zur Zeit der Mahd arbeiteten sie liicht auf dem Felde. Jur übrigen beschäftigen sich auch mehrere unter ihnen mit der talmndischen Wissenschaft und mehr als ein vorzüglicher Rabbi ivurde von dieser Gemeinde Rußland gegeben. Der greise Rabbi lnacbt die Bemerkung, daß er sich schon sehr nach dem Scholaum sehne, um sein Volk glücklich zu sehen. Aber seine Gläubigen sorgen auch jetzt getreulich für den Alten. Es mangelt ihm auch jetzt nicht an Kartoffeln, Mehl und Holz. Eine geregelte Schule hat die Gemeinde nicht. Hier herrscht noch das Chedersystem. Mehrere Familien batten gemeinsam einen Melamed. Sie lassen jedoch ihre Söhne auch in westlichen Gegenständen unterrichten. Von ihren ^öcht-'rn haben mehrere auch das Gymnannm abwsviert Am Ende des Dorfes hat ein alter jüdischer Schmied

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