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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-07-14 · 28 (14.7.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
28 (14.7.1916)
Date
1916-07-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 28 Tr. Bloch'S Wochenschrift Sette 47b geistigen Energie, erhebt sich diese Frauengestalt aus oem Ghetto vor uns irr einer schlichten, echt volkstüm-: tichen Erzähtung von anmutigster Naivität. Wir geben sie in ihrem vollen Wortlaute wieder: Chane Rochel erblickte das Licht der Welt in Lu-; domir in Wolhynien um das Jahr,1815. Sie war die einzige Tochter eines wohlhabenden und nicht ungebildeten Mannes namens Monefch Werbermacher. Auch ihre Mutter war in den Crbauungsschristen für Frauen bewandert. Voll j rüyester Kindhetc an siel das Mädchen durch Schönheit und seltene Begabung ans. Scholl als Kind konnte sie die Bibel lesen und lernte auch schreiben; dann eignete sie sich vieles von der talmui dischen Hagada (Sage) an, ans dem Ai io rasch (Komtnentar) und aus frommen Büchern aller Art. Das Kind betete dreimal täglich wie ein Mann und geriet da< bei ill eine Verzückung, die ihre Umgebung itt Staunen versetzte; die Leute meinten, sie wäre würdig, eilt Zaddik (Heiliger) zu werden. Chane Rochels ungewöhnliche Geistesgaben und die Wohlhabenheit ihres Vaters wurden bald allen Schadchoninl (Heiratsvermittlern) bekannt, die sich mit sie sehr bemühten. Man trug ihr die bestell Partien an. Aber der alte Monesch wollte keine große Mitgift geben, und er zögerte deshalb immer wieder mit der Verheiratung seiner Tochter. Endlich wurde Chane Röchet mit einem Jüngling aus ihrer Vaterstadt verlobt. Sie halte ihren Bräutigam seit ihrer Kindheit gelaunt und gewann ihll null mit ihrer ganzen fcurlgen Seele lieb. Sie sehnte sich darnach, allein mit ihm zu feilt und ihr Herz vor ihm auszuschütten. Aber gemäß der Sitte jener Zeit durften Brautleute vor der Hochzeit nicht zufammenkommen. Und vor Sehnsucht nach dein geliebcen Jüngling wurde das Mädchen krank. Niemand beachtete dies. Der Vater lvar stets beschäftigt, die Mutter, die ihre Tochter sehr lieb hatte, starb gerade um diese Zeit. Und das Mädchen beganll sich voll den Menscheil zurückzuziehen. Ganze Tage verbrachte sie einsam auf ihrenl Zinllller und verließ es nur, um das Grab der Mutter aufzusuchen und dort ihr Leid anszuweinen. Einmal, als Chane Rochel aln Grabe ihrer Mutier weilte, soll sie wie in einem Traum gewesen'sein, und als sie erwachte, war es dunkel um sie herum und auf dem Friedhof war kein Mensch mehr zu sehen. Voll Allgst erfaßt, lief sie rasch nach Hause. Der Weg führte sie über beit alten Friedhof, wo die heiligen Männer aus alten Zeiten ruhten. Sie stolperte und fiel auf eines der heiligen Gräber. Sie schrie auf und verlor die Besinnung. Der Friedhofswächter hörte beit Schrei, kam ihr zu Hilfe und brachte fie ins Elternhaus. Chane Rochel lvar lvochenlang schwer krank. Sie sprach kein Wort und die Aerzte gaben sie verloren. Da rief Chane Rochel eines Tages den Vater zu 'sich und erzählte ihm folgendes: „Ich bin soeben im Himmel gewesen und lvar dort bei der Sitzung des großen Bes-Din ^himmlischer Richter) zugegen. Dort wurde mir eine neue, erhabene Seele verliehen." Nach einigen Tagen genas sie von der Krankheit. Seitdem führte sie sich lvie ein Mann: sie trug einen Tales-Koton (kleiner Gebetmantel) und Zizis (Schaufäden), betete im Tales und legte Tefilin (Gebetriemen) an. Ganze Tage lvidmete sie ausschließlich dem Gebet und der Thora (heilige Schrift). Ihrem Bräutigam gab sie beit Verlobungsbrief zurück, denn sie hatte beschlossen, sich nicht zu vermählen. Indessen starb der Vater der heiligen Jungfrau und hinterließ ihr ein großes Vermögen. Sie ließ ein neues Beth-Hamidrasch (Bethaus) bauen mit einer besonderen Stube für sich. Dort saß sie ständig alleitt, betete und studierte die Thora. Der Ruhm der „Jungfrau von ludomir" verbreitete sich rasch über die benachbarten Städtchen und Dörfer. Von nah und fern watlsahrteten Frauen und Männer zu ihr lvie zu einer Heiligen. Sogar Gelehrte und Rabotner suchten sie aus. Sie ließ jedoch niemand an sich herautommen. Meist saß sie allein ut ihrer Stube bet offenen Türen, während int großen Saale des Beth- Hamidrasch die Leute zusammentamen, um von dort. tyre Reden zu hören. Sie kam iu^eu Ruf einer Wuudertäteriu. Mau sagte, laß sie die Geheimnis fe des Himmels und der Erde kenne und Kranke zu Heilert vermöge. Und in der Tat heilte sie diejenigen, die bei ihr Hilfe suchten, mit Kräu tern. Alllnäßlich hatte sich um Chane Rochel eine Ge-, meinde von Chasjidim (Anhängern) gebildet. Die man die Chasjidim der Jungfrau von Ludomir nannte. Sie beteten ut ihrem Beth-Hamidrasch, und an den Sabbaten zur „dritten Mahlzeit" pflegten sie sich zu versammeln, um ihre Predigt anzuhören. Die damaligert Zaddikim staunten über das Aufstreten eines rveibtichert Zaddik. Manche von ihnen suchten 'sie auf, um sich die wunderbare Erscheinung anzusehen. Chane Rochel nannte jeden Ankömmting, auch die ihr unbekannten, beim Namen. Doch waren manche unter den Radditim darüber in Zweifel, ob sich nicht eine unreine Macht durch den Mund dteses sonderbaren Mädchens kundgebe. Man suchte ihr zuzureden, sie solle ihre Lebensweise ändern uj»tl» stch vermählen. Sie tvollte zultüchst davon nichts hören. Endlich gab sie dem Drängen des berühmten Zaddik Rabbi Mottet von Tschernobyl nach und heiratete eilten Rabbiner. Rabbi Mottet sott gesagt haben: „Wir wissen nicht, welches berühmten Zaddtk Seele in diesem Weibe wohnt, aber schwer mag cs der Seele eines Zaddik werden, im Leibe eines Weibes Ruhe zu finden." Und er tvollte durch die Verehelichung dem Gentüte dieser Frau seine angeborene Art wiedergeben. Aber das gelang ihm nicht. Dem Manne der Jungfrau von Ludomir war bange vor einer Gemeinschaft mit der Heiligen, und er ließ sich bald von ihr scheiden. Chane Rochel verheiratete sich noch einmal — und wiederum kam es zur Scheidung, lind so blieb sie jungfräulich bis au ihren Tod. Aber schon nach ihrer ersten Ehe lvar der Zauber von ihr gewichen. Tie Leute kamen nicht mehr zu ihr, um Wunder zu heischen. Man sah in ihr nur noch das fromme, gottesfürchtige Weib, das von göttlichem' Geiste beseelt war. Die letzten Jahre ihres Lebens verlebte die Jungfrau von Ludomir im Heiligen Laude. Literatur. „Vom jüdischen Mittelstand". Beiträge zur Kritik des jüdischen Handwerkers u. a. Verlag Dr. Basch & C o., «>. ni. b. H.. Berlin-Wilmersdorf. Preis: drosch. Mk. - .80. Eine außerordentlich interessante Studien-Sammlung. Neuartig, weil politische Zukunftserörterungen fast völlig ausgeschaltet sind. Der Reichstagsabgeordnete Liüdwig Haas bespricht in einem patriotischen Artikel ruhig und sachlich die Wahrscheinlichkeit des anwachsenden Antisemitismus nach dem Kriege. Das eigentliche Thema behandelt in meisterlicher Form Nachum G o l d - mann in dem Artikel „Bedeutung und Ausgabe des jüdischen Handwerks". Ein Gebot der Regeneration, einen Imperativ für die Erhaltung des Judentums sieht er in der Erhaltung und Förderung des jüdischen Handwerks, ein Bollwerk gegen übertriebene Intellektualität und gegen den Kapitalismus. Georg G o t 1 h e i n weiß den jüdischen Handarbeiter zu schätzen und tritt mit großem Eifer für ihn und seine Förderung ein. Adolf Grabowski fesselt uns mit seinen Betrachtungen über das jüdische Handwerk in Russisch-Polen, das er auf Kriegsfahrten kreuz und quer erforscht hat. Der Rabbiner Dr. F a e r b e r (Mähr.-Ostrau) bringt Wertvolles zur Geschichte des jüdischen Handwerks in Mitteleuropa. Lothar Brieger behandelt das Thema „Judentum

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