Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 27 (7.7.1916)
- Date
- 1916-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'Jtr. 27 Tr. Bloch'S Wochenschrift Seite 453 ereignisse zu verspüren bekommen, iitbeni Massen von Flüchtlingen aus den östlichen Gebieten die Stadt durchzogen. Namentlich waren es Juden aus den Städten Sassow, Bialy, Kamien und Ol es ko. Diese Massen von Juden beunruhigten auch die jüdische Bevölkerung von Zloezow, und zwar lag der Grund darin, daß die im Borjahre aus diesen Gegenden vertriebenen Russen gedroht hatten, daß sie, wenn sie wieder nach Zloezow zurückkämen, nicht einen einzigen I u d e n am Leben lassen würden. Die Folge war, daß die Stadt sich rasch zu entvölkern begann. Für Wagen nach Lemberg wurden bis zu 200 und mehr Kronen bezahlt. Als endlich die Abreise noch größere Dilltensionen annahm, wurden die Flüchtlinge partienweise abtransportiert. Mehr als 70 Prozent der Geschäfte sind geschlossen. Die Lebensmittelpreise siird gesunken. Jll der Stadt herrscht Ruhe und alle Acmter amtieren normal weiter. Aus B u d a p e st schreibt die „Allgemeine jüdische Zeitung": Gesternist hier ein Flüchtlingszug durchgefahren; er kam nicht über Rumänien, sondern direkt über Siebenbürgen, Die bedauernswerten Flüchtlinge sind in einem solch jämmerlichen Zustande, daß man sich bei ihrem Anblick der Tränen nicht erwehren kann. Abgesehen davon, daß sie lvie die Heringe zusammengepreßt in den Waggons kauern, leiden sie entsetzlich unter der Hitze, aber auch nicht weniger unter Hunger uird Durst. Nach kurzen! Aufenthalte hat der traurige Zug die Fahrt nach Untg.-Hradisch fortgesetzt. —- Für heute nachmittag ist ein ähnlicher großer Flüchtlingszug avisiert. Ein Berichterstatter meldet aus U n g. -Hradisch: Als ich auf der Station Ung.-Hradisch anlangte, standen daselbst drei endlose Flüchtlingszüge; zlvei waren mit Juden, der dritte mit Eisenbahnbeamten gefüllt. Ein höherer Czernowitzer Eisenbahnbeamter berichtet: Der größere Teil Czernowitzer Flüchtlinge ging anfangs nur bis Suczawa, in der Hoffnung, die. Russen würden baldigst zurückgeworfen werden. Indessen zeigte sich, daß man weiter flüchten müsse. Man wanderte zu Fuß bis in die benachbarten Ortschaften Rumäniens; von dort wurde, die Schar Per Bahn weitertransportiert. Hier in Ung.-Hradisch werden die Flüchtlinge verteilt. Bemittelte erhalten Passierscheine iriach den Verschiedenen Städten des österreichischen Staates. So haben bereits gegen 1.000 Flüchtlinge in Gaha, Ung.-Brod, Prerau, Reichenberg und Gänserndorf Wohnungserlaubnis erhalten. Wien, Brünn und Prag jedoch bleiben ihnen verschlossen. Unbemittelte werden nach Böhmen weitertransportiert. Ein Teil derselben wird hier in Baracken untergebracht, bis der Abtransport möglich ist; die übrigen müssen noch weiterhin in den Waggons verbleiben. Es ist ein äußerst betrübendes Bild, welches die hiesige Station bietet.Bisher haben Ung.-Hradisch etwa 70.000 Flüchtlinge passiert. Aus M a r m a r o s ch - B o r s a berichtet die Budapester „Allgemeine jüd. Zeitung": Vorige Woche Donnerstag haben sich hier etwa hundert Wagen mit jüdischen Flüchtlingen aus der Bukowina auf der Fahrt zur Station befunden. Zirka zehn Kilometer vor unserer Station wurden sie jedoch, da die Straße für militärische Zwecke freigehalten ' werden mußte, aufgehalten und sie mußten zwei Tage auf offenem Felde lagern. Unter den hiesigem 600 Juden wollten zlvei Gemeindemitglieder eine Spendensammlung veranstalten, um den unglücklichen Flüchtlingen Labungs- und Lebensmittel hinausführen zu können. Obgleich hier an zwanzig reiche Juden wohnen, von denen jeder mehrere Hunderttausende im Vermögen hat, hat bloß ein einziger 20 Kronen gespendet; von allen übrigen reichen Leuten wollte keiner auch nur einen Heller geben! Die Flüchtlinge wurden von Gendarmen Samstag mittag zur Station gebracht. Ans Kunowitz in Mähren wird gemeldet: Seit dem Beginn der neuen russischen Offensive ist die hiesige Station Schauplatz furchtbaren Elends. Hierher werden nämlich die aus den galizifchen Städten Brody, Buczacz und Stanislau sowie aus deren Umgebung geflüchteten Einwohner gebracht, um desinfiziert zu werden. Die fünf Tage hindurch müssen sie in Baracken zubringen. Sie sind nur äußerst notdürftig gekleidet und kommen vor Hunger um: sie lverden nach Böhmen weiterrtansportiert und an ihrer Stelle kommeil dann neue Flüchtlinge. Aus Oroz-Borgoj in Siebenbürgen meldet man der Budapester „Allgemeinen jüd. Zeitung": Mittwoch nachmittag wurden 2000 jüdische Flächt lingsfamilien hier vorübergefahren. Erst aus der Station Jaad konnten sie den für sie bestimmten Flüchtlingszng besteigen. Die unübersehbare Flüchtlingscarawane bot ein herzzerreißendes Bild. Acht bis zehn Personell in je einem Wagen znsammengekauert, alte, kranke Leute, zarte Kinder, vor: Gendarmen begleitet, die darauf achteten, daß keiner der Flüchtlinge unterwegs Aufenthalt nehme. Die Unglücklichen erzählen, daß sie scholl acht Tage ans der Reise sind und unter Hunger und Durst viel gelitten haben. Etwa zlvanzig Wagen blieben vor einem Straßen Wirtshaus stehen, lvo aber selbst für Geld außer Bier nur Zlviebel llnd etlvas Knkurnzbrot erhältlich waren. Familien, die rohe Zlviebel noch nie gegessen iuifc> Sin turuzbrot noch nie gesehen hatten, waren glücklich, ihren heißen Hnnger all diesen Speisen ein wenig stillen zu können. Bieten wir den Kindern der schuldlos Gemordete» ein Asyl in unserem Hause! Wer hätte rlicht den Mahnruf Felip Saltens in der „Neuen Freien Presse" vom 1. Juli gelesen naib beschlossen tief erschüttert von dem Elend, das die Kriegssurie über schuldlose Menschen verhängt hat nach Kräften beizusteuern, ilm wenigstens dell hungern dell, obdachlosen Waisenkindern hilfreich zu sein. Zweifellos lvird viel Geld eingehen, aber >vo ist die Organisation, 8000 entkräftete Kinder unterzubringen, sie gut zu nähren, sie seelisch wieder aufzurichten,- sie ihr Unglück vergessen zu machen? Hier muß die Familie eingreifen! Sollte es in unserem großen, schönen Vaterlande nicht wenigstens 400 Familien oder einzelnstehende Personen geben, die in der Lage sind, einem heimatlosen Waisenkinde ein Heim zu bieten? Wieviele alleinstehende Frauen gibt es, die nie mand haben, dem sie das Uebermaß von Liebe, das jedes weibliche Herz erfüllt, znwenden können? Ein Hund, den sie an Kindesstatt angenommen haben, hat es gut bei ihnen und scherzweise sagt wohl der Volksinnndf: „Da ist die Liebe auf den Hund gekommen." Andererseits sind kinderreiche Familien, in denen man ein Herz für das Unglück der armen Flüchtlingskinder hat, wohl überall in der Lage, solch ein heimatlos gewordenes Kind mitzuernähren, mit den eigenen Kindern zu er ziehen. Man wird allgemach von dem Vorurteil zurück kommen, daß die Kinder der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina schlecht erzogen und weniger bil dungsfähig sind als die unseren. Wer in den letzten Kriegsjahren Verkehr mit den Frauen der Flüchtlinge hatte, war erstaunt, zu hören, wieviele Matura gemach, an deutschen Universitäten studiert haben, wieviele ihre