Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 23 (9.6.1916)
- Date
- 1916-06-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kielce 3× ep/1001109
- Radom 3× ep/1000823
- Dubno 1× ep/1000595
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Seite 386 Dr. Bloüi's Wochenschrift 'Jh. 23 fdjcu Bezirken zu organisieren. Die in Betracht kom inenden Gouvernements in Russisch-Polen allein haben eine jüdische Bevölkerung von ungefähr 500.000 Seeleit (ganz Russisch-Polen zählte nach einer Statistik vom/ Jahre 1909 unter 11,935.318 Einwohnern 1,747.655 Inden). Davon wohnen: im Gouvernement Lublin . . 206.180 Juden unter 948.770 Einw in der Stadt „ . 31.607 62 222 „ im Gouvernement Radom . . 158/; 82 1,979.244 „ in der Stadt . .. . 16.979 39.981 int Gouvernetncnt Kielce . . 106.5 1 973 247 „ in der Stadt 4 „ . 11.207 80.818 ff im Gouvernement Piotrkow . 2! 8.032 „ 1,901.662 in der Stadt „ . 13.960 „ „ 38.115 „ wobei zu bemerken ist, daß ein großer Teil des Gouvernements Piotrkow mit der großen Fabrikstadt Lodz (88.201 Juden unter 162.950 Einw.) nicht zum österreichisch-ungarischen, sondern zum deutschen Okkupationsigebiete gHört. Ter Sekretär der „Israelitischen Allianz" besuchte die jüdischen Gemeinden in den Hauptorten, trat mit allen Bevölkerungskreisen in Verbindung, bildete sich durch eigene Beobachtungen ein Urtell über den Umfang urtd die Art der Not, hielt mit den Gemeindevorständen und den Leitern der Wohltätigkeitsvereine eingehende Beratungen ab und organisierte vier jüdische Hauptkomitees in den größeren Städten, durch welche in Vjerbindung nrit zahlreichen Lokalkomitees irr den kleinerer^ Orten die Fürsorge für die notleidende jüdische Bevölkerung in zirka 120 Gemeinden ausgeübt wird. Auf Grund der telegraphischen Anträge des Delegierten konnten bereits Ende Januar erhebliche Monatsbeiträge zur Erhalturrg von Volksküchen, Kinderheimen und sicheren Wohlfahrtseinrrchtungen sofort planmäßig bewilligt werden. Die gegenMrtigen Mönatsbeiträge in Russisch- Polen betragen für den Fürsorgespreugel der Hilfskomitees: Lublin Radom Kielce Piotrkow zusammen Kr. 36.000.— „ 25.400.— „ 9.000.— „ 9.000.— Kr. 79.400.—. Diese Beiträge wurden jedoch! für den Monat April mit Rücksicht auf die Pessachfeiertage erhöht. Jnsgesamt haben wir bis jetzt mit Einschluß der nach eiivzelnen Orten, insbesondere in Wolhynien direkt durch die k. u. k. EtappenkoMntandos gesandte Unterstützungen für die notleidenden Juden in den okkupierten Giebieten, 305.950 Kronen verwendet, welche Summe sich wie folgt verteilt: 1. durch das Hilfskomitee in Lublin 2. durch das Hilfskomitee in Piotrkow 3. durch das Hilfskomitee in Radom 4. durch das Hilfskomitee in Kielce 5. direkt überwiesen nach Dubno, Gorodiszeze, Radziwillow, Zellow und anderen Orten in den okkupierten Gebieten Summe Kr. 147.650.— „ 21.500.— „ 82.320.— „ 37.700.— „ 16.780.— Kr. 305.950.— Die gesamten, für die verschiedenen Hilfszwecke bis jetzt verwendeten Beträge haben die stattliche Summe von 3,600.000 Kronen erreicht und monatlich gelangen in Galizien und in Russisch-Polen in zirka 300 jüdischen Gemeinden insgesamt durchschnittlich je 200.000 Kronen zur Auszahlung. Die eigenen, von der „Israelitischen Allianz" int Vorigen Jahve veranstalteten Spendensammlungen, welche rund 360.000 Kronen ergeben haben (wozu noch, eine Sammlung des Verbandes der Hiunanitütsvereine „B'nai B'rith" in der Höhe von 160.000 Kronen und ein Beh trag des Galizischen Hilfsvereines für die gemeinsame Aktion int Betrage von 50.000 Kronen österr. Rente hinzukam), hätten, wie der Bericht hervorhebt, nicht tut Entferntesten ausgereicht, um auch nur einigermaßen: die momentane Not zu lindern, wenn nicht das Hilfskomitee in Amerika in ganz hervorragender Weise mit seiner großzügigen Spendensammlung in europäischjüdischen Organisationen seinen Beistand gewährt hätte. Aus Amerika sind der „Israelitischen Allianz" zu Wien allein bis zun: Jahresschlüsse 1915 fast 1,500.000 Kronen und seither noch weitere bedeutende Beiträge zugunsten der notleidenden Juden in Galizien und Russisch-Polen, zugegangen, wofür im' Berichte den: Relief Committtze in warmen Worten der Dank ausgesprochen wird. Kegen das Tragen der jüdischen Tracht. Der „Moment" bringt in seiner Nunriner von: 12. Mai einen Aufsatz gegen das Tragen der jüdischer: Tracht, der deutlich eine immer stärker werdende „moderne" Strömung im Osten verrät. „Ich berühre eine Frage, die der Teilnahme eines großen Teiles der orthodoxen polnischen Juden sowie des jungen Geschlechtes sicher ist, soweit es sich zum orthodoxen Lager. zählt. Die Frage, die ich meine, ist die Kleiderfrage. Keinen kleineren Wunsch hatte ich, als den, daß der erste Beschluß und der erste Schritt der neuen orthodoxen Organisation der Aenderung unserer Kleidung gelten möchte, daß wir die langen Röcke und altfränkischen Hüte mit europäischer Kleidung vertauschen. Dieser Wunsch ist nicht mein besonderes Eigentum, sondern 90 °/o der^ langgekleideten Juden Polens und fast das ganze Geschlecht des" orthodoxen Lagers denken so. Ich fühle, wie sie diesen Vorschlag gerade alle mit großer Dankbarkeit aufnchmen und für sich ein jeder denkt: „Ach, wer doch damit heraustreten könnte!" - Andererseits jedoch -fühle ich, wie bei den übrigen 10 % der älteren Juden es wie das Hineinwrrfen eines glühenden Funlens in eine Pulvermasse empfunden würde, und hinter mir höre ich den stürmischen Chor: „Frechheit, Unverschämtheit, Hetzer!" Es äst keine so arge Gewaltmaßregel. Die russischen Juden (Litwali) wissen auch von der Sache, und die Frankfurter Juden (die euch doch jetzt allein als Muster gelten) find große Eiferer für den verachteten jüdischen Namen. Jeder Verständige sieht ein, daß es mit dieser Sache nicht aus eine Oberflächlichkeit hinausläuft. Was unsere heutige „geheiligte" 'Kleidung anbetrifft, so weiß jeder, daß sie ein Erbe der alten polnischen Schlachta, d. h. nichtjüdischen Ursprungs .ist. In der Tat, hundert Jahre lang haben wir uns an sie gewöhnt, sie ist uns in Fleisch und Blut übergegangen und man trennt sich schwer von alten Ueberlieferungen. Mag die alte Ueberlieferung aber noch so fest bei uns eingewurzelt sein, mag es noch so schwer sein, sie auszureißen, jetzt ist doch die Zeit gekommen un.d die Notwendigkeit eingetreten, die Operationen auszuführen, und zwar nicht bloß aus Bequemlichkeitsrücksichten, nicht bloß um des europäischen Gebahrens willen, sondern aus vielen anderen, tiefer liegenden Gründen. Damit die Jugend keinerlei Störung und keinerlei Art Abhaltung mehr habe und ihre Herzenslust befriedigen kann? Nein, Gott behüte, nicht um der Interessen der Jugend willen, von der ihr fürchtet, sie würde bald mit dem Anlegen der europäischen Kleidung aus der bösen Erziehung heraus wollen, nein, um unserer eigenen Interessen willen, um der Interessen des orthodoxen Judentums willen. .Euer Sohn ist ein Geschäftsmann und verkehrt in der Handelswelt, und er macht die Wahrnehmung, daß die langen Kleider samt dem altfränkischen Hut ihn in den Kreisen des Handels stören. Nach einer kurzen Ueberlegung beschließt er, sich europäisch zu kleiden. Zuguterletzt kommt es zu häuslichem Konflikt, der bei strengen Ellern damit endigt, daß der Sohn überhaupt von Haus fortläuft und Aufregung und Trotz ihn dann für vogelfrei erklären. Wieviel Tausende solcher erwachsenen Söhne kehren jährlich eurem orthodoxen Lager den Rücken, nur wegen des Kleiderstreites? Und wieviel Unglück, Kränkung und Kummer bringt ihr über eure Töchter, die hartnäckig nur einen Mann mit kurzen Röcken heiraten wollen. Sie hätten gar nichts gagegen, wenn diese Freier orthodore fromme Juden wären, so wie ihr wollt, nur müssen sie europäisch gekleidet sein. In eurem Interesse, im Interesse des jungen Geschlechtes, das - ihr erhalten wollt, im Interesse des Judentums, dem ihr so eifrig anhängt, liegt es, daß ihr mit euren eigenen Händen diesen gefährlichen Zaum, der euch von euren Kindern scheidet, abbrecht." %