Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-05-12 · 19 (12.5.1916) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
19 (12.5.1916)
Date
1916-05-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022215--25092-3050375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 318 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. IS laßt gesehen, auf die Präsidentenwürde unter Beibehaltung seiner Stelle im Vorstande Zu resignieren. Ebenso hat unser hochverehrter und vielverdienter Ehrenpräsident, Herr Sigmund Mayer, infolge seines hohen Alters Zu unserem großen Bedauern auf seine Stelle im Vorstande verzichtet. Der Vorstand hat hierauf an die nie versagende Opsermilligke.it seines Vizepräsidenten, Herrn kais. Rates Wilhelm An n in ge r, der schon in den Jahren 1897—1901 die Stelle eines Präsidenten bekleidet hatte, appelliert. Herr kaiserl. Rat Wilhelm Anninger hat diesenr Appell in dankenswerter Weise Folge geleistet und wurde in der Vorstandssitzung vom 18. Januar 1915 zum Präsidenten gewählt. Auf die freigewordene Stelle eines Vizepräsidenten wurde neben Herrn rDr. Jakob O r n st e i n Herr Tr? Bruno Pol lack v. Parnau berufen, und für das sreigemordene Vorstandsmandat Herr Hof- und Gerichtsadvokat Tr. Edmund Kornfeld kooptiert. In der Berichtsperiode wurden uns zahlreiche liebwerte Mitglieder durch den Tod entrissen. Voll tiefen Schinerzes gedenken wir insbesondere unseres treuen, allverehrten Freundes, des Landesschulrates und Vizepräsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Gustav K o h> n, ferner unseres langjährigen Beirates Herrn Ignaz SiMon, unseres ehemaligen Vorstandsmitgliedes kaiserl. Rat N. Schesftel, des ältesten Mitgliedes und Mitbegründers der „Union" Herrn D;r. Emil Pins, des Hofrates Dr. Adolf Lieben, unserer Vertrauensmänner D-r. Ludwig Bendiener in Prag, Adolf Pächter in Bodenbach, Leopold Fleischer in Neuhaus, 'Dr. Wilhelm Wittenberg in Aussig. Josef T a u s s i g inTrebitsch. In ruhmvoller Weise erlitt als eines der ersten Kriegsopfer Herr- Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Richard Subak, der in mehrfachen Rechtsschutzfällen intervenierte, den Heldentod fürs Vaterland. Wir werden die Namen der Verstm-benen sowie die Beileidskundgebung, welche die geehrte Versammlung durch Erheben von den Sitzen vollzogen hat, dem Protokolle einoerleiben. Diese Trauermanifestätion gilt auch dem Andenken jener Tausende tapferer Offiziere und Soldaten, die auf blutiger Walstatt ihr Leben für Kaiser und Reich dahingegeben haben. Geehrte Generalversammlung! Aus den Schlachtfeldern des Weltkrieges wird nicht nur um die künftige Neuordnung Europas gewürfelt. Auch das jüdische Problem ist in diesem gewaltigen Völkerringen in seinem vollen Umfange aufgerollt worden. Wenn nach den Worten des deutschen Kanzlers Oesterreich Ungarn und Deutschland gemeinsam darangehen, die polnische Frage zu lösen, wenn wirklich Polen, Balten, Litauer und Letten nicht mehr unter das russische Joch zurückkehren sollen, dann hat auch für einen großen Teil unserer östlichen Glaubensbrüder die Stunde der Befreiung von unsäglicher Verfolgung und Bedrückung geschlagen und die Anerkennung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Polen und Litauen wird auch nicht ohne günstige Rückwirkung auf das Schicksal unserer nach dem Kriege unter russischer Herrschaft verbleibenden Glaubensbrüder bleiben können. Die Erkenntnis von der weltgeschichtlichen Bedeutung dieses Momentes hat nach einer Reihe von Vorbesprechungen, an denen unser Vizepräsident Tr. Pollack v. Parnau mitwirkte, dazu geführt, daß sich aus Anregung des Freiherrn Louis v. Rothschild ein „Oesterreichisches Zentralkomitee zur Wahrung der staatsbürgerlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung im östlichen Kriegsgebiete" gebildet hat, dem die Herren Dr. Philipp Ritter v. G o m p e r z als Präsident, Reichsratsabgeordneter Camill Kuranda als Vizepräsident, ferner die Herren kaiserl. Rat Wilhelm A n n i n g e r, Richard B e 1 t e l h e i in, Prof. Dr. E h r - m a n n, Bergrat Max Ritter v. G u t m a n n, Direktor Dr. Paul H a m m e r s ch l a g, Dr.. Felix K a tz a u, Dr. Friedrich K a u f in a n n in Prag, Johann K r e nie - n etz ky, Moriz Edler v. K offner, Dr. Arthur K u^ rand a, Direktor Wilhelm K u x, Jonas Löw - Beer in Brünn, Dr-. Bruno P o l l a ck Edler v. P a r n a u, Doktor- Arnold Rosenbacher in Prag, Herrenhausmitglied Dr. Josef Schey Fahr. v. Koromla, Gemeinderat Dr. Rudolf S chwa r z - H i l l e r, Dr. Theodor S o n * ii e li s ch e i n in Troppan, Generalrat Dr. Sigismund Freiherr v. Springer, Dr. Alfred Stern, Ingenieur Robert Stricker, Dr. Bela Taussig und Direktor- Alexander Weiner anaehöreil. Wir haben die Bildung dieses Zentralkomitees, welches alle Richtungen der österreichischen Juden schuft umfaßt und welches sich die Sicherung der Gleichberechtigung und die kulturelle Hebung der östlichen Juden zur Aufgabe gesetzt hat, mit herzlicher Freude begrüßt. Durch eine Vereinbarung mit der „Oesterreichiisch-Jsraelitischen Union" wurden dem Zen-! tralkomitee für die Dauer eines Jahres alle jene Rechtsschutzangelegenheiten aus Galizien, welche grundsätzlichen und allgemein politischen Charakter tragen, zur Behandlung überlassen, während alle Einzelbeschwerden nach wie vor durch das Rechtsschutzbureau der „Union" erledigt werden. Der Sekretär der „Union" wurde auch zum Sekretär des Zentralkomitees bestellt und der Sitz desselben in die Bureauräume der „Union" verlegt. Als ein großer und weittragender Erfolg des Zentralkomitees darf es verzeichnet werden, idaß das- Armee-Oberkommando als oberste Behörde für die Verwaltung des polnischen Okkupationsgebietes sich bereit erklärte, in allen kulturellen und religiösen Angelegenheiten der dortigen jüdischen Bevölkerung die konsultative Mitwirkung des Komitees in Anspruch zu nehmen, daß für diese Angelegenheiten die Bestellung eines jüdischen Referenten am Sitze des Generalgouvernements zugesichert wurde und daß auch die Behandlung der galizischen Judenschaft durch einzelne amtliche. Organe, bereits eine Aenderung in günstigem Sinne erfahren hat. Die wichtigste und schwierigste Aufgabe wird das Zentralkomitee allerdings während den Friedensverhandlungen zu lösen haben, bei denen es im Einvernehmen mit anderen gleichartigen Organisationen des Deutschen Reiches die Aufnahme solcher Bestimmungen in den Friedensvertrag an streben muß, durch welche nicht nur die Gleichberechtigung der Juden in Polen dauernd gewährleistet, sondern auch die Aushebung der Ausnahmsgesetze in Rußland erreicht wird. Auf diese Aufgabe hat auch der Ehrenpräsident der „Union", Herr Sigmund Maye r, in einem beachtenswerten Memorandum hingewiesen. Indem wir die Arbeiten des Zentralkomitees mit werktätiger Sympathie begleiten, wird die „O e sterreich i s ch - I s r e l i t i s ch e Unio n" auch weiterhin in Oesterreich mit aller Energie ihre politischen Ziele persolgen, welche in der Bekämpfung des Antisemitismus und in der vollen Verwirklichung der Gleichberechtigung für die österreichischen Inden bestehen. Daß auch nach dieser Richtung unausgesetzte und scharfe Wachsamkeit notwendig ist, lehrt eine Erklärung des deutschen Nationalverbandes, daß die Lösung der Ostjudenfrage auch mit Berücksichtigung der Interessen der westeuropäischen Judenschaft erfolgen müsse. Wir haben begründete Ursache, der Fürsorge der Christlichsozialen und Deutschnationalen für die westösterreichischen Juden mit einigem Mißtrauen zu begegnen. Nach diesem Kriege, in welchem wir Juden voll und ganz unsere Pflicht für Kaiser und Reich erfüllten, wird es wohl noch immer antisemitische Parteien in Oesterreich geben, die Duldung der antisemitischen Hetze aber, die ungleichartige Auslegung und Umgehung der Gesetze wird ein Ende nehmen müssen, nicht so sehr im Interesse der Juden als im Interesse des Staates, für dessen aufrechten Bestand wir gekämpft und geblutet haben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.