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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-04-14 · 16 (14.4.1916) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
16 (14.4.1916)
Date
1916-04-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 256 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr 16 unglücklicher „lebender Kriegsopfer" fick) nach der Hauptstadl wälzten: die einen nur ausgeplüudert, die anderen verprügelr, verwundet, verkrüppelt, alle Zu Bettlern geworden und jeder hilfesuchend im Zentrum des Landes und seiner Judercheit. Im Gefolge dieser Familien befanden sich auch die Bedauernswertesten: die Kriegs w a i s e n. Tic arnren Leute, in schwerster Sorge um ihre eigenen Kinder, hatten weder die materielle Rioglichteit, noch auch Zeit und Geduld, um ihre Schützlinge zu betreuen. So fand buchstäblich das jüdische Hilfskomitee für Galizien — das während^ der Russeninvasion uitd bis auf den heutigen Tag ein Ltück sozial-humanitärer Arbeit geleistet hat, das gar nicht genug gewürdigt werden kann -, es fand, sage ich, eines Tages und an vielen folgenden Tagen auf den Stufen der Treppe zu seinem Bureau hockende Häuflein halbverhungerter, in Lumpen gehüllter, verwahrloster Kinder, auf den Gesichtern Angst und Verwunderung! Wo waren sie und was würde weiter mit ihnen geschehen? Nun, das „Komitee", wie es von seinen „Klienten" kurzweg genannt wird, sah sofort ein, daß es ohne Rücksicht auf die fehlenden Mittel etwas tun müsse. Bor-f läufig das billigste: Ueberstellung der Waisen irr Privatpflege. 1 , Man war sich der Unzulänglichkeit dieses Auskunftsmittels wohl bewußt. Und schon begannen auch die tätigsteil Komiteemitglieder von einem — freilich vorläufig nur provisorischen — Kriegswaisenhause zu sprechen. Den erfolgreichen Bemühungen des Herrn Doktor Hausner und dem großherzigen Entgegenkommen der Wiener Repräsentanten der „Jsr. Allianz" verdanken ja die jüdischen Kriegsgeschädigten Galiziens fast alles, was an Hilfeleistung bisher für sie geschehen ist; so auch das Zustandekommen des ersten jüdischen Kriegswaisenhauscs, das am 29. November 1915 -— wie oben er-- wähnt — in den Räumen des jüd.iakad. Hauses in Lemberg, Theresienstraße 26, eröffnet wurde. Das Hilfskomitee versteht zu wirtschaften und lveiß hauszuhalten mit den ihm zur Verfügung gestellten, an und für sich gewiß ansehnlichen, aber im Verhältnisse zu den dringendsten Anforderungen leider zu bescheidenen Mitteln. Mit dem Betrage von 10.000 Kronen monatlich (für die Lemberger Aktionen) werden erhalten: 1. das KriegswaiseNhaus mit 104 Kindern; 2. eilt Kinderhort mit 200 Kleinen; 3. Werkstätten für jüdische Mädchen, und Frauen, die während der ganzen Kriegszeit Ge-, legenheil zur Erlernung eines Handwerkes sowie zur Arbeit und Verdienst geben; 4. eine unentgeltliche Küche für Flüchtlinge und einheimische, brotlos gewordene Familien, lvo täglich zirka 2000 Personen eine kräftige Suppe und Brot erhalten; 5. eine Küche für infolge der Kriegscreignisse subsistenzlos gewordene Angehörige der Intelligenz; 6. ein unentgeltliches Rechtsschutzbureau, dessen Notlvendigkeit und Bedeutung man ermessen wird, sobald man an die zahllosen „rituellen" Ehen der hie-- sigen Judenheit denkt nnd an die Verwicklungen Ultd fatalen Folgen, die sich daraus mit bezug auf die staatlichen Sustentationsbeiträge an die Familien der im Felde stehenden Väter ergeben; 7. eine Bekleidungsstelle. Außerdem werden in besonders dringenden Fällen Geldunterstützungen verteilt. Dieser Etat beinhaltet zugleichdie große Arbeitssumme des Lemberger Hilfskomitees. Sein Schmerzenskind bleibt aber das Kriegswaisenhaus, dessen Erhaltung überdies'jetzt im „Kriegsgebiete" sich auch nicht ganz billig stellen kann. Im Januar l. I. erhielt die Anstalt von der hohen k. k. Statthalterei einen Beitrag in der Höhe von 20.000 Kronen, und zwar nach einem auf Augenschein beruhenden, sehr anerkennenden Berichte des behördlichen Djelegierteu, Herrn Statthaltereirates Brückner, auf den Kinder und Leiter des Waisenhauses den besten Eindruck gemacht hatten. Menschlicher Jammer hat — besonders irr unserer Zeit — keine Grenzen. Wie tief beklagenswert die armen, so plötzlich des Teuersten, der Hut des Elternhauses, be-> raubten Kinder auch sind — es gibt noch, unglücklichere Geschöpfe: diejenigen, die nicht mehr ausgenommen werden können und, wörtlich in den Straßen der Städtchen und Flecken sowie auch hier in Lemberg herumirren, irrfolge von Schmutz, Hunger und Kälte in Abzehrung oder Seuchen verfallen und scharenweise h i n st e r b e n. Hätte man auch kein Herz im Leibe, das Erbarmen fühlt, lediglich ein Gehirn, das über „Bevölkerungs-« Politik" grübelt, man dürfte an dieser grausigen Erschein nurrg nicht achtlos vorübergehen. Die Zöglinge des Lemberger Kriegswaisenhauses sind gut aufgehoben. Fast jeder hat ein ergreifendes Schicksal: Der siebenjährige N. hat in einem Moment beide Elterrr verloren. Der Vater, ein Bahnbediensteter, stand vor seinem Wächterhäuschen, im Begriffe, die Strecke „abzugehen"; seine Frau begleitete ihn einige Schritte. Da. . . ein Sausen, Zischen, Donnern — und beide waren verschwunden, wie das Kind, Entsetzen im Blick, erzählt. Ein Schrapnellschuß hatte ihre zerfetzten Leiber weit fortgeschleudert, das Häuschen stürzte zur Hälfte ein — der kleine Junge aber blieb heil, gerettet von „des Kindes Engel". Hier im Waisenhause nahm dieser Engel greifbare Gestalt an, sogar mehrfache: müssen ja doch alle, die Mitarbeiten an dem besten der guten Werke, den winzigen Leidtragenden wie Engel erscheinen. Unvergeßlich bleiben wird uns allen im Waisenhause die Aufnahme der sechsjährigen Pepcia R i ng aus Sokal. Ein junges, gütiges Mädchen führte uns die „Aufgelesenen" zu, die Pepcia, ihren neunjährigen Bruder und ein vierjähriges Schwesterchen. Die Geschichte der Kinder: Der Vater, ein wohlhabender Uhrinacher in Sokal, verteidigte — natürlich! nur mit Bitten und Beschwörungen — seinen Laden vor den plündernden Kosaken. Sie erschossen ihn im Angesichte seiner Frau. Das Entsetzliche warf die Aermste aufs Krankenlager, von dem sie sich nicht mehr erhob. Fünf Kinder und eine 70 jährige Großmutter blieben als Bettler zurück. Mindergeschädigte Freunde nahmen die beiden ältesten Knaben in ihr Haus, die drei jüngsten wurden nach Lemberg verschlagen. Noch ein letzter Schlag trifft die kleine, schönäugige Pepcia: sie muß sich von dem vierjährigen heißgeliebten Schwesterchen trennen, das sie zärtlich! bemuttert. Für dieses Kleinste ist kein Platz mehr in dem an Raum und Mitteln so arg beschränkten 'Kriegswaisenhause. Pepcia konnte sich wochenlang nicht beruhigen und wir fürchteten ernstlich für ihre Gesundheit. Herzzerreißend und fürs spätere Leben der Kinder höchst nachteilig ist dieses Auseinanderzerren von Geschwistern. Gewiß wird in Zukunft, nachdem das Provisorium aller dieser aus der Not des Augenblickes hervorgegangenen Erziehungsstätten Stabilität angenommen haben wird, jener große moralische und in seinen Folgen auch praktische Uebelstand behoben werden. Den Erwachsenen unter die Arme greifen, das Waisenkind aber ans Herz nehmen muß man, wenn anders die Folgen des nie vorher dagewesenen Geschehens, dessen entsetzte Akteure Und Zeugen wir sind, nicht auf Generationen hinaus ihre verhängnisvolle Wirkung erstrecken sollen. Rosa Melzer.

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