Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 15 (7.4.1916)
- Date
- 1916-04-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 244 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. 15 Ich verschaffte mir auch, die Ueberzeugung, daß die Mädchen alle gesungenen Texte vorzüglich übersetzten und fast alle Gebete verstanden; wunderbar aber war es, wie die Kinder ohne jede Anregung bei den eEsp rechenden Stellen mit dem Gesang und dem Gebet richtig einsetzten. Ich fand, daß die Kinder in allen Gebeten' sich so vorzüglich auskennen, wie leider kaum viel Erwachsene es vermögen. Von dem Lehrer der Klasse erfuhr ich Näheres über sein neues methodisches Verfahren und seinen Lehrplan. Der ausschließlich auf die Befähigung zur Teilnahme am Gottesdienst gerichtete hebräische Unterricht nach der vorgeschlagenen und seit zwei Jahren in der Bibelschule geprobten Methode soll mit der vierten Volksschulklasse beginnen und sieht in den einzelnen Klassen statt der b i s n u n üblichen, ausgewählten, u n z u s a mmen hänge »den Gebete ein liturgisch Ganzes vor — ein zufammengehöriges Pensum —, nicht, wie bisher, Seite soundso im Gebetbuch, sondern M u s s a f, M a a r i v usw. Der Lehrplan ist: IV. und V. Volksschulklasse: der Sabbat; I. Bürgerschulklasse: Scholausch-R'golim > im II. Bürgerschulklasse: Rosch-Haschono Mannheimer III. Bürgerschulklasse: Jom-Kippur I Machsor Von der Erreichung des Zieles, in der Sabbat- und Jomtof-Liturgie hatte ich mich im Vorjahre persönlich überzeugt. Nach einem einjährigen Intervall habe ich nach wiederholtem Besuche der Bibelschule konstatiert, daß die Kinder von dem vorjährigen Pensum nichts verlernt haben, und des ferneren, daß sie den Uebergang zum Jom-Kip pur-Machsor mit vorzüglichem Erfolge vollzogen. Ich ließ das Mussaf von Jom-Kippur mir vorbeten, und es grenzt ans Uniglaubliche, daß Wiener Kinder das ganze Gebiet so beherrschen, daß sie selbst den slLID von NIN^O singen und die unpunktiertcn Anmerkungen, wie fHxrr j*rn*i£ Ünp usw. lesen und erklären. Selbstverständlich erscheint es bei diesen Kindern, daß sie die Einteilung des Stoffes genau kennen. Mit einem Worte, sie sind in unseren Gebeten, in den traditionellen und Sulzerschen Melodien so bewandert, daß sie an jedem öffentlichen Gottesdienste mit Verständnis aktiv teilnehmen können. Der Erfolg der neuen Unterrichtsmethode ist ein solcher, daß k l e i n e U e b e r g a n g s s ch w i e r i g k e i t e n uns nicht abhalten dürfen, den jahrzehntelangen Beschwerden über die Fruchtlosigkeit des Unterrichtes endlich ein Ende zu bereiten. R esu me: Tie Vorzüge der neuen Lehrmethode fasse ich in folgenden drei Punkten zusammen: 1. Der Unterricht interessiert die Kinder durch die Form des Zusammenhanges zu einem G o t t e s d i e n st und namentlich durchs den belebenden Synagogengesang. 2. Die Schwierigkeit und Eintönigkeit der Lese Übung wird leicht überwunden, da der Synagogengesang nur eine angenehmere Form der Leseübung ist, die ein rasches Lesen unnötig macht. 3. Die Kinder verlassen die Schule nicht, wie bisher, mit der Kenntnis von einem Stückchen Schmone-Eßre, oder der Uebersetzung auf Seite Nr. soundso — ein Wissen, das für den Gottesdienst vollkommen zwecklos ist —, vielmehr kennen dieKinder im S i d d u r und Machsor sich gut aus, haben die erhebenden Ge sänge sich angeeignet und werden dann gerne als Erwachsene ins Gotteshaus kommen, wenn sie wissen, daß sie dort nicht fremd sind und daselbst jene heiligen Melodien wieder hören, die sie als Kinder in der Schule erlernt und geübt haben. D a d u r ch bringen wir die Kinder ins Gotteshaus. Damit ist aber das Hauptziel, das uns allen seit Jahren vorschwebt: unsere Jugend so zu erziehen, daß sie mit Verständnis, mit wahrem Interesse an unserem Kech tus, unserem Gottesdienst teilnehme, vollständig erreicht! Aus diesen Gründen trete ich für die Einführung dieser L e hx m e t h o d e an den Volks- und Bürgerschulen entschieden ein, ersuche um ehebaldige Abhaltung der beschlossenen Lehrprobe und um Beratung der für das kommende Schuljahr notwendigen UebergangsbestiMmungen. Unberührt hievon bleibt der Lehrplan in bezug auf den Pentateuch im Urtext aufrecht. * * * Auf Grund dieses Referates hat der Vorstand der israel. Kultusgemeinde eine Prüfung der betreffenden Mädchengruppen angeordnet. Zu dieser am Sonntag, den.2. März d. I., in der Religionsschule abgehaltenen interessanten und überaus glänzend gelungenen Prüfung hatten sich u. a. eingefunden die Herren: Präsident Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Dr. Leopold Kohn, Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, die Vertreter Salo C o h n, käis. Rat K a u d e r s, Kommerzialrat S i m o n, die Kultusvorsteher Dr. Engel und Ho ff mann, Obmannstellvertreter Beck, Seminarprosefsor Dr. K r a u s, die Inspektoren Prof. Kamitz, Rabbiner Dr. Feuchtw a n g, Tr. Täglich t, Dr. R o s e n m a lt n, die Sekretäre käis. Rat Dr. L ie'b e n, Dr. Ä d l e r, Emil E n g e l, die Amtsleiter Rudolf und Jakob K r a u s. Schriftliche Zustimmungsschreiben an den Referenten langten ein von den Herren: Seinet Chrwürden, €berrabbiner Dr.'Güde mann, Rabbiner Dr.' Ziegker aus Karlsbad, Vorsteher Dr. Münz, Regierungsrat Dr. Frankfurter, Dr. Kapralik, kais. Rat All in a, kais. Rat L ich t e n st a d t, Schuldirektor Mautner und Direktor Fischer u. a. m. Die Prüfung der 50 Mädchen aus der 2. und 3. Bürgerschulklasse erstreckte sich auf alle Gebiete der Lh turgie, des Sabbates, der Scholausch-R'golim, Roschtz, Haschono und Jom-Kippur. Auf Wunsch der anwesenden Herren wurden ganze Gebetgruppen oder einzelne Gebete vollständig nach dem Vorbilde der öffentlichen Gottesdienste vorgetragen und alle dazugehörigen Synagogengesänge in herzerhebender Weise von den Kindern gesungen. Der Erfolg war ein geradezu frappierender. Es brauchte bloß ein Gebet genannt zu werden, und sofort hatten die Kinder es iM Gebetbuche aufgeschlagen, und schon erklang die dazugehörige Melodie in solch exakter und tadelloser Form, daß es ein wahrer Kunstgenuß genannt werden konnte. Da gab es kein Gebet, keine Melodie, keinen Synagogenbrauch, den die Mädchen nicht gekannt hätten — sie beherrschten in gleicher Weise das Siddur und das Machsor. Einstimmig und begeistert von dem eben Gehörten, wurde dem Initiator dieser praktischen Lehrmethode, Herrn Oehler, und seinen fleißigen Schülerinnen ungeteiltes Lob gespendet, dem insbesondere Herr Vertreter Salo Cohn in rüh- . renden Worten Ausdruck verlieh, der auch meinen bescheidenen Bemühungen als Referent dieser Angelegenheit dankend gedachte. Ich hoffe, daß meine Anregung umso eher auf fruchtbaren Boden fallen wird, als auch in einzelnen Bibelschulen, wie ich gerne höre, recht gute Erfolge auf ähnlichem Wege erzielt wurden.