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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-03-10 · 11 (10.3.1916) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
11 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Tr. Bloch's Wochenschrift Seite 171 kommen, als wäre diese Ermächtigung so zu deuten, daß die Einladung zu einem Debüt mit unterlegtem Kontrakte führen dürfte. Davon kann keine Rede sein. Indessen Herr Dr. Nobel scheint dies alles nicht zu wissen. Sonst würde er schon aus Klugheit es sich wohl und reiflich überlegen, die Fahrt nach Wien anzutreten. Der Empfang, der ihn erwartet, wird . ziemlich frostig sein. Mit feinen Orthodoxen hat er es sich gründlich verdorben; denn diese können es ihm nicht verzeihen, daß er seine orthodoxe Vergangenheit verleugnet, um auf die Bahn jener Neuerungen überzutreten, die Mannheimer und Jellinek uns geebnet haben. Wie der Freisinn über ihn denkt, hat schon der anonyme „Steuerzahler" erörtert und mit Nachdruck erklärt, daß mit Dr. Nobel kein Noän8 vivendi zu finden ist. Die Jüdischnationalen bekämpfen ihn nicht minder heftig. Solche gewichtige Widerstände könnte nicht einmal ein Mann von höchster Kapazität und hervorragender Autorität brechen. Wie soll dann Dr. N o b e l sie überwinden können? Wie soll er jene Geschmeidigkeit aufbringen, die notwendig ist, einen solchen Frontwechsel vorzunehmen, um diese Phalanx feindlicher Widerstände zu durchstoßen? Hat er sie aber und ist er zu diesem Opfer des Intellekts chereit, das ihm jene zumuten, die ihn promovieren wollen, was ist es dann lUit seiner Charakterfestigkeit? - Ich habe kein Recht, Herrn Dr. Nobel Ratschläge zu erteilen; wäre ich einer seiner Freunde, würde ich an ihn den aus ehrlichem, gut jüdischem Herzen quellenden Appell richten: Bleiben Sie treu Ihrer Gemeinde, wirken Sie dort zu Ehren und Ruhm derselben in jenen Grenzest, in die Sie sich durch den von Ihnen gezogenen Eruw selbst eingesponnen haben. Gönnen Sie aber uns Wiener Juden jene Entwicklung und jene Ziele, die weit darüber 'hinausgehen in jene Marken, in welchen allein die historische Stellung und Geltung unserer jüdischen Weltgemeinde, an der Scheide zwischen Ost und West gelegen, sich auszuleben und auszuschöpfen vermögen." Soweit die Mitteilungen des Kultusoorstehers Herrn Dr. Heinrich Schreiber. Von besonderer Seite erhalten wir folgende Darstellung : „Herr Redakteur! Ueber den Streit um Nobel hat die „Oesterr. Wochenschrift" sich bis heute jeder Mitteilung enthalten und damit eine publizistische Pflicht vernachlässigt. Nunmehr, da bereits die Tagesblätter die bezüglichen Nachrichten der Oeffentlichkeit vermitteln, werden auch Sie wohl sich herbeilassen, die Vorgänge und Geschehnisse, die offiziellen und inoffiziellen, Ihren Lesern mitzuteilen. Vielleicht sind Sie bei dieser Gelegenheit in der Lage, mir folgendes Rätsel zu lösen: Der Herr Präsident Dr. Alfred Stern betont die Notwendigkeit der Wahl eines hochorthodoxen Rabbiners, um die Einheit der Gemeinde gegenüber den drohenden separatistischen Bestrebungen der Wiener Orthodoxie aufrechtzuerhalten. Nun erinnere ich mich, daß derselbe Herr- Präsident vor wenigen Monaten erst mit den Herren Rabbinen Dr. Hevesi und Dr. Venetianer, beide aus Budapest, wegen Uebernahme der Kanzel im israel. Tempel der Seitenstettengasse mit der Aussicht, später einmal Oberrabbiner von Wien zu werden, unterhandelt hat. Beide haben Wer Einladung des Präsidiums in Wien Vorträge gehalten und für einen dieser beiden Rabbinen hat sich Herr Präsident Doktor Stern recht stark eingesetzt; sein Projekt scheiterte lediglich an dem Widerstande des Plenums, welches in dem Beschlüsse sich einigte, daß die schwere Zeit des Weltkrieges mit seinen Nöten und Erschütterungen zur Vornahme solcher Wahlen kaum geeignet sei. Nun sind die Herren Dr. Hevesi und Dr. Veil etianrr nichts weniger als hochorthodoxe Rabbinen; sie amtieren vielmehr in neologen Gemeinden, bei einem modernen Gottesdienste mit Orgel und Gebeten in ungarischer Sprache. Hevesi, Venetianer und Nobel: wie reimt sich das zusammen? Ein kluger Mann, ein fernstehender, aber feiner Beobachter der Gemeindevorgänge, bemerkte jüngsthin: „Man kann sich kaum des Eindrucks erwehren, daß bei Zusammenstellung und Protektion dieser Kandidatell trotz der scheinbar unverständlichen und seltsamen Aneinanderreihung doch ein einheitlicher Gedanke hindurchschimmert." Es wird nämlich „diesmal bei der Rabbinerwahl nicht nach irgendwelchem Prinzip der Theologie, sondern lediglich der Geographie vorgegangen, um nur einen engeren Landsmann des Herrn Sigmund Kauders zu gewinnen", desselben Herrn, der der Wiener Gemeinde bereits die unauslöschliche Blamage mit der verunglückten Wahl des Oberrabbiners Dr. L ö w aus Szegedin beschert hat? Nahezu möchte ich glauben, daß der Asfaire Nobel der gleiche Ausgang beschieden sein dürfte. Rabbiner Tr. 'Nobel wird vom Präsidenten Dr. Stern immer als das Vorbild eines charakterfesten Mannes hingestellt, der nur aus ideellen Gründen eine ruhige, friedliche Stellung mit dem mit 30.000 Kronen dotierten Oberrabbinerposten von Wien vertauschen will. Wir wollen diese Darstellung, wie sie dem Präsidenten von Herrn Siegm. K a u d e r s geboten wird, als zutressend hinnehmen. Dann müssen wir aber zur Ehrenrettung des Herrn Rabbiners Dr. Nobel annehmen, daß ihm über die Stimmung und die Ansichten in allen für die Besetzung des Oberrabbinerpostens in Betracht kommenden Körperschaften und Bevölkerungskreisen unserer Gemeinde ein falsches, den tatsächlichen Verhältnissen widersprechendes Bild entworfen wurde. Weil es anders unglaublich erscheinen muß, daß ein Mann von Charakter, ein frommer Mann, dessen Beruf es sein sollte, den Frieden in den Gemeinden zu fördern, nicht aber zu stören, auf einen Posten reflektiere, für welchen ihn außer einem Häuflein Menschen mit starrem Sinn, aber vollständig isoliert, niemand wünscht. Es ist nicht anders denkbar, als daß dem Herrn Dr. Nobel erzählt wurde, daß die Wiener Gemeinde einhellig oder doch in ihrer überwiegenden Mehrheit in dieser schweren Zeit der Not nur von dem einzigen Gedanken beseelt sei, ihn so rasch als möglich writ einem Jahresgehalte von 30.000 Kronen als ihren geistigen Führer zu sichern. Wie stehen aber die Tinge in Wahrheit? Es gibt keinen einzigen numerisch namhaften Kreis, keine ein-» zige bedeutungsvolle Körperschaft innerhalb unserer Gemeinde, welche mit der auf so seltsame Weise forcierten Wahl des Rabbiners Dr. Nobel einverstanden wäre. Die Orthodoxen, deren Opposition durch diese Berufung angeblich gebrochen werden soll, erklären, daß Dr. Nobel durch die Uebernahme der Kanzel Mann j heimers und Jellineks in dem Tempel der Seitenstettengasse den Beweis erbringe, daß er es mit seinem Konservatismus niemals ernst gemeint habe, werfen ihm klipp und klar Ueberzeugungsschwäche und Wankelmütigkeit vor. Sie werden, so erklären sie, nach wie vor in ihrer separatistischen Opposition verharren. Die Freisinnigen erblicken in der Berufung Dr. Nobels einen Affront gegen den fteuerfähigsten, gemeindeerhaltenden Teil des Wiener Judentums und leiten aus diesem Vorgehen des Präsidiums schon heute das Recht für sich ab, die geistliche Vertretung ihrer Richtung anzustreben, und drohen mit einer separatistischen Organisation.

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