Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-03-10 · 11 (10.3.1916) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
11 (10.3.1916)
Date
1916-03-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022195-3022207--24936-3050211
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 170 Tr. Bloch's Wochenschrift Nr. liebe entsprießen, entnimmt man schon nachstehender Aeuszerung des Herrn Justizmiuisters Dr. Franz Klein, obwohl ich manche seiner Anschauungen im Werke „Vier Elemente des Geistes" wissenschaftlich widerlegte: „Euer Hochwohlgeboren danke ich verbindlichst für die vor einigen Tagen freundlichst zugesendeten beiden jüngsten Werke Ihrer stets regen Schaffenskraft. Von dem einen habe ich durch Ihre Güte bereits einen Teil kennen gelernt. Ich danke Euer Hochwohlgeboren, daß Sie mir Gelegenheit gegeben haben, mich auch in die neuen Darlegungen und Gesichtspunkte zu vertiefen, die den Inhalt der Geisteselemente bilden." So sehr die Aneiserungen solcher Geistesfürsten und König Davids göttliche Religionslchre „Suche den Frieden und jage ihm nach" mich drängen, solange die Gewichte meiner Lebensühr lausen, auch im Kriegstaumel den Völkerhaß zu bekämpfen, so sehr zwingen mich die derzeitigen Preßzustände, die rastlose Gewissensfedcr bis zum Friedensschlüsse ruhen zu lassen. Ta ich aber inzwischen abberusen tverden könnte, erfolgt schon heute der Hinweis auf eine im Buche „Friedensministerium" gesonnte Kontrolle, deren Beachtung zuverlässig vor verkehrtem Denken und falschen: Nationalgefühl schützen und die Wiederholung eines so grausamen Weltgeschehens verhüten würde. Einen unüberwindlichen Damm gegen den krankhaften Nationalismus, welcher einige feindliche Kabinettsleute zu betören vermochte, unwissentlich 20 Mil-i lionen Menschen in einem Netze wie Fische ein-' zufangen, bildet die allgemeine Beherzigung nach-, stehender Wahrheit: „Jeder rechtschaffene Mensch würde gleich dem Verfasser den Antrag, die Vernichtung seines Kindes mit der Weltherrschaft einzutauschen, entrüstend zurückweisen." Möge die lebenspendende Schlußfolgerung dieser göttlichen Gedankenläuterung sich den Regierenden und Regierten offenbaren und die mit Herzblut niedergeschriebenen unvergänglichen Menschlichkeitsprobleme und praktischen Ideale werden lebende Gestalt annehmen! Und der Verfasser hat nicht vergeblich gelebt und gelitten. Elias Lehr. M®in neuer ©berrabbtner der Wiener Gemeinde?" Die „Sonn- und Montagszeitung" meldet telegraphisch aus Frankfurt am Main: „Der Rabbiner der hiesigen israelitischen Gemeinde Dr. Nobel erhielt den Ruf als Ober-l rabbiner der 'Wiener Gemeinde." In der „Frankfurter Zeitung" vorn Sonntag, den 5. März 1916, liest man dieselbe Meldung: „Der hiesige Gemeinderabbiner Dr. N o b e l hat einen Ruf als Oberrabbiner der Wiener Gemeinde erhalten." Aus Leserkreisen kommen uns zahlreiche Anfragen zu, welche Bewandtnis es mit dieser Nachricht habe. Wir können bloß vermuten, daß es sich zunächst um eine Berufung des Herrn Dr. Nobel zu einem Probevortrage handelt. Soviel ist uns bekannt, daß der Präsident der israel. Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, die festeste Absicht hat, die Berufung des Herrn Dr. Nobel für die Kanzel im israel. Tempel der Seitenstettengasse durchzusetzen. Wie weit die Verhandlungen gediehen sind, darüber wird auch offiziös nichts verlautbart. Um unseren Lesern einen objektiven und erschöpfenden Situationsbericht zu bieteu, wandten wir uns au den Herrn Kultusvorsteher Dr. Heinrich Schreiber um- Informationen, und seiner Liebenswürdigkeit danken wir die nachstehenden interessanten Mitteilungen. „Schon vor längerer Zeit, als die Oeffentlichkeit sich mit der nötig gewordenen Besetzung der Kanzel in: Stadttempel näher zu beschäftigen begann, tauchte plötzlich der Name Nobel empor und begegnete sofort vieli fachem Widerspruch. Ein reger Austausch von Flugblättern folgte, in denen ein „freisinniger Steuerzahler" vor allem die Kandidatur Nobels bekämpfte, und zwar aus Rücksichten, die in seiner Orthodoxie und seiner reaktionären Gesinnung ihren Grund hatten. Ich bin dazumal mit offenem Visier dem anonymen Steuerzahler entgegengetreten, nicht so sehr wegen der Frage Nobel, dessen Kandidatur mir unwahrscheinlich schien, als vielmehr, mit auf die Bedenken aufmerksam zu machen, die sich gegen die andere, vom Freisinn propagierte Belverbung regten. Ich säumte aber nicht, jene Richtlinien anzudeuten, von denen sich die zweckbewußte Repräsen-, tanz der Wiener Kultusgemeinde bei der Besetzung dieser hohen Würde leiten lassen möchte. Die öffentliche Dis-' kufsion^nötigte solcherart das Präsidium, das geheimnisvolle Schweigen zu brechen; die Rabbinerfrage wurde auf die Tagesordnung gesetzt und nun zeigte sich in der Tat: für das Präsidium war die Oberrabbineri frage einfach die Kandidatur Dr. Nobels. Wer ist dieser Erkorene? Niemand kannte ihn, niemand nannte ihn, niemand hat ihn je gesehen noch ge-, hört, und doch wurde sein Lob von seinen wenige:: Schrittmachern in allen Zungen und in allen Tonarten gesungen und gepriesen. Man pries seine wissenschaftliche Bedeutung und seine Gottesgelahrtheit, doch man belegte sie nicht. Man rühmte seine Redekunst, doch man scheute sich, sie an geweihter Stätte vernehmen zu lassen. Man verhimmelte seine Frömmigkeit, als ob sich dies für einen Rabbiner nicht als Gemeinplatz verstünde, und man verherrlichte allzumal seine Selbstlosigkeit und seinen Idealismus, der allerdings durch hellklingenden Sold ausgewogen werden soll. Der Vorschlag fand im Kreise der Kultusvorsteher eine sehr kühle Aufnahme, nicht eine Stimme, aber auch nicht eine erhob sich für diese exotische Kandidatur und alle Ueberredungskünste, die vom Präsidenten und zweien seiner Nothelfer in den Kommissionen, im Bethausvor-4 stanhe, ist: Plenum;usw. aufgeboten wurden, blieben fruchtlos. Sie prallten an der kalten Schulter der Ablehnung ab. Nun wurde statt einer regelrechten Plenarsitzung eine „vertrauliche Besprechung" veranstaltet, und auch Hier war das Resultat für die Pläne des Präsidiums nicht günstiger. Die einen fanden, es sei die jetzige Zeit nicht darnach angetan, eine solche Frage zu lösen; die anderen wollten erst sehen und hören, und zwar im Angesichte der ganzen Gemeinde, nicht in der „Ghoam und in der Still"; die dritten fanden die finanziellen Bedingungen zu hoch gespannt; den vierten und fünften imponierte die Sache überhaupt nicht, weder der Name noch sein Ruf, und viele schließlich sträubten sich gegen jeden Import, da sie nicht mit Unrecht fanden, daß wir genug heimische Rabbinen hätten, die als berufene Anwärter auf die Kanzel zu werten sind. Schließlich überwog die Ermüdung, sie führte zu einer Flucht aus dem geheimen Ko uv entikel auf den Weg ins Freie, und die meisten Zurückgebliebenen gaben unter Ach und Krach eine schwachmütige Ermächtigung für den Präsidenten, daß er Herrn Rabbiner Nobel gelegentlich nach Wien lade und so seinen Vertrauensmännern die von ihM so vielumworbene Persönlichkeit vorführe. Mehr aber nicht, keine Silbe mehr, und insbesondere darf nicht der Glaube auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.