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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1916-02-18 · 8 (18.2.1916) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
33 (1916)
Issue
8 (18.2.1916)
Date
1916-02-18
Page
– (sequence 15)
Language
German
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^Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 131 Kadtratrnelodierr. Die früher so klangvolle Tenorstimme unseres allen Chasans war brüchig und krächzend geworden, und lveim er noch so stark beim Singen die Hand an die Wange drückte, der Klang der Stimme wurde dadurch nichr angenehmer; so mußte der alte Chasan aushören, Synagogenvorsänger zu sein. Das bereitete ihm ein trauriges Gemüt, denn die Pension, die er erhielt, nannte er bcu Schlüssel zum Grabe. Er hat übrigens den Schlüssel fast ein Viertelsahrhundert lang in der Hand getragen und überlebte sogar einen neuen Chasan, der sich schon Oberkantor nannte. Der neue schaute hochmütig auf den alten Sänger, der nicht einmal Noten zu lesen verstand, der alte hegte einen Grimm auf den neuen, und dieser Ingrimm entlud sich in den Worten: „Ein Unter¬ oder Ober- oder Uiberkantor mag er sein, ein Chasan ist er nicht. Hat er denn eine Ahnung, was in unseren Ge-! sängen steckt, weiß er denn, warum man am Freitagabend einen anderen Steiger hat als am Sabbatvormittag?" Um dem alten verbitterten Manne eine Freude zu be-» reiten, las ich ihm einmal Heines „Prinzessin Sabbat" vor, wie dort der Synagogenvorsänger am Freitagabend an das Betpult tritt: „Lccho daudi likras kallo." Komm', Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht." Der Mann hörte, ein Auge zudrückend, aufmerksam zu, überlegte nach Vollendung des Gedichtes längere Zeit, dann sich seinen langen weißen Bart streichelnd, sagte er: „Ei, ei, das ist sehr schön, aber noch nicht ganz richtig. Wie hieß der Mann?" „Heine." „Der Heine hat ui i ch nicht in die Schul' singen gehört, er muß einen Ehassid gehört haben." Der alte Chasan war ein Misnagid, ein Gegner der Kabbala und des Chassidismus und hielt die Kabbala für ein Kuckucksei, das man dem Judentum ins Nest gelegt und dadurch seine geradlinige Entwicklung gestört hatte. „Ich werde euch sagen," sprach er weiter, „was wir echte Chasanim am Sabbat in der Synagoge singen. Seht, Sabbat ist wirklich lvie eine Prinzessin und wie eine Braut, und diese Prinzessin gehört uns, einem jeden guten Juden, weil Mott sie uns gegeben hat. Und weil man sie gern hat, will man sich von dieser Prinzessin eine Vorstellung, ein Bild machen. Wie soll sich aber so ein einfacher Jude, der noch nie mit einer wirklichen Prinzessin gesprochen hat, diese vorstellen? Doch nur wieder wie eine Prinzessin, die er gern hat und die sein ist, sein eigenes Weib. Aber nicht, wie sie jetzt aussieht, sondern wie sie in der Jugend als Mädchen und Braut ausgesehen hat, und dann, wie sie sein Weib geworden ist, und dann, wie sie mit ihm zusammen älter und alt geworden ist. Freitagabend, das ist der Anfang, da ist ein ganz fröhlicher Gesang, wie ein Mädchen hüpft und springt ohne Sorgen, ohne Leiden. Freitagabend, da trillert der Gesang wie Nachtigallen und wie andere Vöglein singen, ha hüpft und springt es, lauter Lustigkeit, lauter Freude, Kinderlust, Kinderlachen, Kinderfreude^ Jugend und Jugendlust. Samstagfrüh bei Schacharith, das ist wie gleich nach der Hochzeit. Der junge Ehemann tänzelt um die junge Frau, der Gesang der Kadenzen, wie ihr das nennt. Er neckt sich mit ihr, er bittet um ihre Gunst, er schwärmt um sie. Hört nur aufmerksam den Gesang bei Schacharith an und sagt mir, ob das nicht ein Liebhaber so singen könnte. Umsonst wird ja auch nicht im Schir haschirim, diesem Liebeslied, am Sabbat gesagt: „Küsse mich! Küsse deines Mundes! Deine Liebe ist süßer als Wein!" So muß man auch den Sabbat lieben, dann ist er ein Oneg, eine Wonne. Sabbat ist unsere Prinzessin und junge Königin. Bei Mussaph wieder wird die Melodie ernster, getragener. Aus dem jungen Ehemann ist der -besorgte Hausvater geworden. Mann und Weib tragen gemeinschaftlich Leid und Freud'. Da gilt nicht mehr Hüpfen und Springen und Tanzen, man ist ja älter und ernster geworden, dafür ist aber die Freude inniger und tiefer. Mann und Weib sind ganz eins geworden. Und die Prinzessin, die Königin? Nun, Sabbat ist die Königin, wie das Weib die Königin des Hauses ist. Um den Tisch sitzen Kinder herum, die kichern und schäkern wieder, wie die Frau früher einmal als Mädchen. Nur kurze Zeit noch, die Sabbatsonne neigt sich nach Westen, das Miuchahgebet am Nachmittag naht heran mit seinen schwermütigen Tönen. Mann und Weib haben ja nicht mehr viele Jahre auf Erden beisammen zu bleiben. Ter Abschied rückt näher: bald wird der Vorhang niedergehen und das Schauspiel auf Erden wird zu Ende sein. Noch einmal laßt uns fröhlich sein und alles in der Erinnerung durchleben. Schön war's! Und hell und dank-, erfüllt klingt's beim Ausgang des Sabbat: „Ledowid boruch adonaj zuri." „Gepriesen sei Gott, der immer hilft!" Das, mein Lieber, singen wir an jedem Sabbat. Das Leben des Juden mit seiner Gemütstiefe, seiner Familien-' innigkeit, seiner treuen Gattenliebe. Und das gibt Kraft und Frische für die ganze Woche, wenn der liebe, heilige Sabbat auf sechs Tage fortgeht. Nun antwortet mir einmal: Versteht das euer neuer Oberkantor?" llitb der alte Chasan ging fort und wartete gar nicht meine Antwort ab. Saaz. Dr. Simon Stern. Theater und Literatur. Der Schrei, den niemand Hort. Ohne die Absperrung, in der wir gegenwärtig von der feindlichen Literatur leben, wäre Elsa F e I d m a n n s beweglicher Schrei aus der ethischen und ästhetischen Not des Ghettos wohl nie zu dem Premierenpublikum der so oerdienstlich wirkenden Wiener Volksbühne gedrungen, einem Premierenpublikum, unter dem wir mit Vergnügen fast das ganze literarische Wien, mit Arthur Schnitzler an der Spitze, sahen. So wurde diesem starken Talent, dessen Begabung aber keineswegs in der dramatischen Richtung zu liegen scheint, letzten Samstag Gelegenheit geboten, mit dem Grotzstadtpublikum erste Fühlung zu nehmen. Die fast unglaublichen technischen Ungeschicklichkeiten der Verfasserin, die stark zur Parodie herausfordern, ließen dank teilweiser glänzender Besetzung und vorzüglicher Regie das Publikum nicht vergessen, was es einem Talent schuldet, das aus tiefer Ehettonacht zum Licht rang, und die Autorin wurde oft und freudig gerufen. Die jüdische Cottage und btc__ jüdische Negeclegasse, also die jüdische, sagen wir Hannooergasse, mit erschreckende: Naturwahrhrit und kinematographischer Treue gesehen, sind mit eigenem Herzblut dargestellt, jn vortrefflicher Sprache, in die sich auch nicht ein falscher Ton einschleicht, und der nur von den Kritikern als falsch empfunden werden konnte, di: nicht, wie ich, gerade todmüde von Recherchen aus diesem Milieu kamen, und dir Wahrheit der Schilderung prüfen können. Wir unbekannt die unteren Schichten unseres Volkes den sogenannten besseren sind, konnte ich trotz der Kriegsarbeit der Frauen noch immer wahrnehmen, obwohl gerade Frl. Feldmanns photographische Darstellung beweist, daß im Judentum in den Typen nur graduelle Unterschiede zu finden sind. So ist die Dachkammer der Trödlerin, bei der am Abend Jung und Alt seine Sorgen ausschüttet, eine Art Salon, wie per vornehme der Frau Wanda Wellenstein: jo finden wir für Pamela und Anna Fleck, die nicht nach alter ^-itte dem Mann zugetrieben werden wollen, „wie die Kuh dem Stier", in unseren Kreisen genug tragisch endende, hochbegabte junge Mädchen; so hat der Geck und Mitgiftjäger, der sozialistisch angehauchte Uhrmacherlehrling, dessen Verführungsszene ein technisch unglaublich, kindisch aufgefatztes Stück ist, auch in unseren Grotzindustriekreisen ihre Gegenstücke, ja selbst für die Ehekränkungen des Hauses Fleck, wo der Mann nie verzeihen kann, daß die Schwiegereltern ihn mit der Mitgift betrogen haben, können wir genug Analogien finden. Noch steht die Autorin

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