Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 33 (1916)
- Issue
- 3 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 42 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 3 Bei seiner Gemeinde erfreut sich der alte Rabbiner großer Beliebtheit. Vor der russischen Invasion wollten ihn seine Anhänger überreden, die Stadt Zu verlassen, aber er weigerte sich und sagte: „Dort wo die Herde ist, muß auch der Hirte sein." Er duldete es auch nicht, daß ein anderer an seiner Stelle sortgeführt werden sollte. Die Washingtoner Regierung wurde vom Obmann der galizischen Vereine in Amerika, Herrn B. Samuel, aus das Schicksal des alten Rabbiners aufmerksam gemacht. Mr. Samuel, der selbst aus Bolechow stammt, hat es auch verstanden, einige hervorragende Newyorker Persönlichkeiten für den verschleppten Rabbiner Zu interessieren. Wir wollen hoffen, daß der Schritt der amerikanischen Regierung von Erfolg gekrönt sein wird. IKorrespondenzen. Konstituierende Plenarsitzung des Kultusvorstandes am 6. Januar 1916, unter Vorsitz des Präsidenten Doktor Alfred Stern. Am 6. d. M. fand die in dien Statuten vorgesehene konstituierende Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Da auch das dreijährige Mandat des Präsidenten Doktor Alfred Stern abgelaufen war, mußte auch die Wahl des Präsidenten vorgenommen werden. Die mittels Stimmzettel vorgenommenen Wahlen ergaben folgendes Resultat: Zum Präsidenten wurde der bisherige Präsident Herr Dr. Alfred Stern für eine dreijährige Funktionsdauer wiedergewählt. Herr Präsident Doktor Mfred Stern dankte zunächst für das ihm neuerlich entgegengebrachte Vertrauen und behielt sich vor, am Schlüsse des gesamten Wahlaktes zur Frage der künftigen Aufgaben der Kultusgemeinde nochmals das Wort zu ergreifen. An Stelle des verstorbenen 1. Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn wurde der bisherige 2. Vize-. Präsident Herr k. k. Hofrat Dr. Benjamin R a p p a - Port zum 1. Vizepräsidenten gewählt. Hofrat Doktor Rappaport wies in seinen Dankesworten darauf hin, daß diese Wahl ihm den Beweis erbracht habe, daß der Vorstand seiner bisherigen Tätigkeit die Zustimmung erteile. Mit diesem Vertrauen ausgerüstet, wolle er auch! in Zukunft seine Wirksamkeit sortsetzen und dabei sich ausschließlich! und in erster Reihe von denjenigen Gesichtspunkten leiten lassen, durch! welche die Interessen der großen Gemeinde am besten geschützt werden. (Zustimmung.) Bei der hierauf vorgenommenen Wahl des 2. Vizepräsidenten wurde das Mitglied des Vertreter-Kollegiums Herr Dr. Leopold Kohn gewählt. Vizepräsident Dr. Leopold Kohn nahm die Wahl dankend an und faßte unter Zustimmung der Anwesenden sein Tätigkeitsprogramm in die Worte zusammen, daß er, seinem alten Leitsätze entsprechend, auch in der Kultusgemeinde bestrebt sein werde, das Gesetz mit Wohlwollen zur Geltung zu bringen. Aus der hiernach vorgenommenen Wahl von acht Mitgliedern in das Vertreter-Kollegium gingen als gewählt hervor: Salo Cohn, M. B. Eißler (neu), kais. Rat Siegmund K a u d e r s, Dr. Wilhelm Pappenheim (neu), k. k. Univ.-Prof. Dr. Josef Pollak, k. k. Kommerzialrat Leopold Simon (neu), Eduard Schwarz, Dr. Markus Spitzer. Nachdem die Gewählten erklärt hatten, die auf sie gefallene Wahl anzunehmen, sprach Herr Vertreter k. k. Kommerzialrat Leopold Simon namens der Neugewählten den Dank aus und gab die Versicherung ab, daß sowohl er, als auch seine Kollegen auch in dieser neuen Eigenschaft ihr bestes Können und Wissen in den Dienst oer Kultusgemeinde stellen werden. Nun ergriff Präsident Dr. Alfred Stern das Wort und führte unter anderem aus: „Der Wiener Kultusgemeinde harren für die nächste Zukunft große und wichtige Aufgaben. Diese sind nicht nur administrativer Natur und berühren nicht nur Fragen der inneren Verwaltung der Kultusgemeinde. Die Wiener Kultusgemeinde, als die größte des Reiches, fühle sich berufen, in allen den Fragen, welche bei der bevorstehenden Neuordnung der Verhältnisse im Osten die jüdische Gemeinschaft berühre, ihre Stimme zur Geltung zu bringen und ihr jenen Einfluß zu verschaffen, welcher ihr sowohl als die führende Gemeinde des Reiches als auch aus dem Grunde zukomMt, weil in Wien alle jene Fäden, zusammenlaufen, mit welchen die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Interessen der östlichen Juden aufs engste verknüpft sind. Indem der Vorstand diesen Standpunkt einnimmt, tut er dies — wie ich Ihnen ans meiner dreißigjährigen Tätigkeit im Vorstande und aus meiner nunmehr zwölfjährigen Wirksamkeit als Präsident dieser großen Gemeinde erklären kann — in dem vollen Bewußtsein, daß der Vorstand unserer Gemeinde auch bisher schon stets seine Stimme zur Geltung brachte und auch gehört wurde, so oft Entscheidungen in Angelegenheit auch politischer Natur in Vorbereitung standen, durch welche Interessen der Judenschaft berührt wurden. Eine zweite, dringende, unaufschiebbare Angelegenheit, welche uns in der allernächsten Zeit zu beschäftigen haben wird, ist die Besetzung der Kanzel in der Inneren Stadt. Da es uns nicht Mehr gegönnt ist, unseren verehrten, hochverdienten, über alles Lob erhabenen Doktor Güdemann, wie in den langen Jahren seiner segensreichen Tätigkeit, von der Kanzel herab zu hören, so müssen wir unverzüglich darangehen, einen seiner würdigen Nachfolger für diese Kanzel zu berufen. Unser Tempel in der Inneren Stadt gilt als repräsentative Synagoge der Kultusgemeinde von Wien und muß es uns als Richtschnur dienen, daß wir für diese Kanzel den erreichbar Besten zu erlangen bestrebt sein müssen. Und zwar baldigst! Denn die Verhältnisse, wie sie jetzt iM Tempel der Inneren Stadt herrschen, sind unhaltbar geworden und drängen nach einer raschen, wir wollen hoffen, allgemein beftiedigenden Lösung. Zu diesen beiden großen Aufgaben, der externen, wie der internen, welche ich aus der Fülle der anderen, gleichfalls wichtigen Agenden hervorgehoben habe, erbitte ich mir die Mitarbeit und Unterstützung der soeben neukonstituierten Repräsentanz unserer Kultusgemeinde." Nach Durchführung der Wahlen in die. Kommissionen schloß der Präsident die Sitzung. Der neugewichlte Vizepräsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, Hof- und Gerichtsadvokat Dir. Leopold Kohn. Der neugewählte Vizepräsident der Wiener israel. Kultus gemeinde Dr. Leopold Kohn zählt zu den vornehmsten und angesehensten Mitgliedern des Wiener Advokatenstandes und gehörte lange Jahre hindurch dem Disziplinarrat der Niederösterreichischen A d v o k a t e n k a m m e r a n. Von Geburt ein Ungar, hat er in seiner frühesten. Jugend sich der rabbinischen Laufbahn gewidmet, besuchte mehrere berühmte ungarische Jeschiwoth, maturierte in Prag, wurde Hörer der Philosophie und frequentierte die Vorträge des berühmten Prager Oberrabbiners Rappaport. Nach Absolvierung der philosophischen Studien wandte er. sich der juridischen Fa-! kultät zu, um sich der Rechtswissenschaft zu widmen,