Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-12-17 · 50 (17.12.1915) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
50 (17.12.1915)
Date
1915-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022193--24709-3049972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 914 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 50 Gerechtigkeit für die Juden. Unter diesem Titel veröffentlicht das „Schweizer Hilfskomitee für die Opfer der russischen Areueltaten" einen Bericht Wer die Schicksale der Juden in Poliens und Galizien — ein grauenhaftes Bild bestialischer Untaten. verübt an unschuldigen und wehrlosen Menschen —, jedes einzelne Faktum eine schwere Anklage gegen Rußland, aber nicht bloß gegen dieses, auch gegen dessen hochzivilisierte Verbündete: England und Frankreich. Obwohl das Komitee mit seinen Sympathien auf seiten der Alliierten steht, kann es nicht umhin, auf den Widerspruch hinzuweisen, der Wischen dem von England und Frankreich stolz in die Welt hinausposaunten Programm „Schutz den Keinen Nationen" mit der Behandlung besteht, welche das kleinste Volk,, die Juden, durch dtzn Verbündeten — Rußland — erfahren hat. „Ein derartiges Verfahren eines Verbündeten entehrt die übrigen Verbündeten, und es wäre Pflicht derselben, die russische Regierung an das heilige Recht der kleinen Nationen zu erinnern." Die Rechtlosigkeit, unter welcher die Juden in Rußland schwer zu lewen haben, die Beschränkung der Freizügigkeit, die Unterdrückung, ihres Bildungsdranges — all dies mußte zu tragischen Konflikten führen, als der Staat Blut und Leben seiner jüdischen Soldaten zur Erreichung seiner Kriegsziele in Anspruch nahm. Mehr als 350.000 Juden — also mehr als die ganze Armee von Belgien oder Serbien bei Kriegsbeginn ausmachte — mußten zur Verteidigung der russischen Rasse, des orthodoxen Glaubens und des russischen Staates ins Feld ziehen. Die Blüte der jüdischen Jugend sank zu Tausenden aus den Schlachtfeldern hin; sie kämpften wie Helden — Beweis dessen die zahlreichen Auszeichnungen, welche jüdischen Soldaten verliehen wurden. Aber die jüdischen Soldaten waren trotzdem nicht sicher vor den so tief erniedrigenden Ausnahmsgesetzen. Zahlreich sind die von russischen judenfeindlichen Blättern bezeugten Fälle, wo jüdische Verwundete aus Spitälern, welche sie ausgenommen hatten, von der Polizei erbarmungslos ausgewiesen wurden, weil die Spitäler nicht im Aufenthaltsgebiet gelegen waren. Nicht besser erging es den Familien eingerückter Soldaten; auch sie wurden erbarmungslos der Willkür der Polizeiorgane preisgegeben. In der Sitzung des Stadtrates von Smolensk anr 19. Dezember 1914 sagte Stadtrat Mikhailoff: „Es handelt sich nicht bloß um die Familien der jüdischen Soldaten, die in der Armee aktiven Dienst leisten, und jene Familien, die aus Polen geflüchtet sind, sondern auch um die Soldaten selbst, welche infolge von Verwundungen kampfunfähig geworden sind, nachdem sie tapfer ihren Dienst versehen haben. So hat z. B. ein jüdischer Soldat, der an Hand und Brust verwundet war, dessen Eltern hier wohnen, mit Schwierigkeit die Bewilligung erhalten, sich drei Monate in Smolensk auszuhalten. Nach Ablauf dieser Zeit mußte er in das den Juden zugewiesene Aufenthaltsgebiet zurückkehren und dort ohne Mitte! und ohne Pflege leben. Er ist jetzt von Tuberkulose arg gefährdet. Dies ist nur ein Beispiel von ^ausenden, welches uns die Schrecken einer Situation zeigt, von welcher die jüdischen Soldaten und ihre Familien durch Entziehung der bürgerlichen Rechte bedroht sind." Die traurige Lage der Juden wurde noch durch das perfide Verhalten der Polen verschärft, die sowohl dem deutschen wie auch den russischen Heerführern gegenüber die Juden fälschlich der Spionage beschuldigten und so zahlreiche Justifizierungen veranlaßten. Als sich die deutschen Truppen aus' Rußland zurückzogen und die russische Armee die von den Deutschen geräumten Ortschaften besetzte, begann für die Juden eine Leidenszeit sondergleichen. Die russischen Zeitungen und jene der Alliierten bringen nur sehr selten und in allgemeinen Zügen Nachrichten Wer Exzesse, deren Opfer Juden sind; man mnß amerikanische Zeitungen lesen, will man sich über diese Vorgänge halbwegs' informieren. Gegenüber der Behauptung des Ministers Sasanow, der die an Juden in Rußland verübten Greueltaten rundweg ableugnete, bemerkt das amerikanische Blatt „Jewish Daily News", es besitze Hunderte von Briefen, die von Opfern selbst herrühren. „Wie ungeschickt, ja geradezu lächerlich klingen die diplomatischen Verdrehungen eines' Sasonow, der diese Briefe auf deutsche Jntriguen zurückführt — Briese, die mit Tränen und Blut geschrieben sind." Auch der englische Staatssekretär Sir Edward Grey hat die Stirne gehabt, die Wahrheit der russischen Schandtaten zu bestreiten — worauf der der Armee Hindenburg als Feldrabbiner zugeteilte Dr. Lewy durch seine im „Jewish Chronicle" veröffentlichten „Offenen Briefen" unter Anführung beglaubigter Tatsachen diese Behauptung widerlegte. Dasselbe England, das seinerzeit durch seinen Premierminister Gladstone Schmerzensrufe Wer dw den Bulgaren zuteil gewordene Behandlung in die Welt sandte, ist jetzt taub und stumm gegenüber jetten Greueltaten, welche sein Alliierter, Rußland, an den Juden verübt. Auszüge aus den amerikanischen Zeitungen „Wahrheit", „Vorwärts" u. a. geben ein entsetzliches Bild der Grausamkeiten, deren Opfer die Juden wurden. Mord, Plünderung, Brandlegung, Raub, Vergewaltigung — die ganze Skala russischer Bestialität — bilden die Leidensstationen der Juden, die sich in allen Orten mit Regelmäßigkeit wiederholten. Diese Militärpogrome erfuhren noch eine weitere Steigerung durch das Massenverbrechen der Deportation ganzer jüdischer Gemeinden, die dadurch dem Elend und der Not preisgegeben wurden. Wenn die Russen mit ihren eigenen Untertanen jüdischen Glaubens so unmenschlich'verfuhren, so kann es nicht Wunder nehmen, daß die Juden sn Galizien unter der Invasion der Russen schwer zu leiden hatten. Wohl hat Sir Edward Grey zu Kriegsbeginn auf eim Anfrage Zangwillsj,- wie es denn mit den Juden in Galizien sich verhalten werde, die sich bisher politischer Freiheit 'erfreuten» — „ob dieselben zu Sklaven und. Parias degradiert werden würden wie die russischen Juden?" — feierlich erklärt: „England werde niemals die Schmälerung der Rechte irgendeines Volkes, und wäre es noch so klein, dulden." Auch der russische Oberkommandierende Nikolajewitsch betonte in seiner Proklamation „An die Völker Oesterreich-Ungarns", daß Rußland nichts anderes beabsichtige, als die Entwicklung und die Wohlfahrt dieser Völker, unter Währung der heiligen Erbschaft ihrer Väter, ihrer Sprache und ihres Glaubens. „Der Sieg der russischen Armee bringt euch die währe Freiheit und die Erfüllung euerer nationalen Wünsche", so schließt die Proklamation vom 3. September 1914. Aber die Wirklichkeit stand im krassen Gegensatz zu diesen Erklärungen, die sich somit als hohle Phrasen erwiesen, würdig einer englischen Diplomatie und eines russischen Despotismus. Unbarmherzig wurde das harte Gesetz des Eroberers — vae victis — wie in den Zeiten Attilas in Anwendung gebracht, und man würde bei einem so untzivilisierten Volk wie die Russen sich über solche Ausschreitungen nicht einmal besonders verwundern, wenn diese Ausschreitungen nicht a u s s ch l i e ß l i ch gegen die Juden gerichtet wären. „Raz Swiet" gibt offen zu, daß in den von den Russen besetzten Orten Galiziens nur die jüdischen^ Quartiere gelitten haben. Wieder sind es' die amerikanischen Blätter, die von diesen Ereignissen in weniger diskreter Weise berichten, als die russische Presse. Da liest man von Massakern und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.