Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 49 (10.12.1915)
- Date
- 1915-12-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 894 Dr. Moch's Wochenschrift Nr. 49 deutenden -jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten in London, Berlin, Wien, Paris, Petersburg und Rom versehen. Man erwartet in Amerika, daß es ihrem Abgesandten gelingen werde, in Europa eine Kooperation der jüdischen Organisationen herbeizusühren, welche das von ihm initiierte Werk weitersühren soll. Mr. Hershsield ist bereits am 21. Oktober mit dem Dampfer Ryndam von Newyork abgereist und dürfte in kürzester Zeit in Wien eintreffen. Tic amerikanischen ,,B'nai B'ritls'-Logen und der Krieg. Aus Cincinnati wird gemeldet, daß die dortige „B'nai B'rith"-Loge beschlossen har, die Aufmerksamkeit des amerikanischen Volkes auf die Lage der Juden in den kriegführenden Staaten zu lenken. Durch Vorträge mir Lichtbildern und durch illustriertes Agitationsmaterial soll das amerikanische Publikum über die Lage der Juden und beit überall von ihnen an den Tag gelegten Patriotismus aufgeklärt werden. Bei der Gründungsfeier des Ordens „B'nai B'rith" in Baltimore fand eine Massenversammlung statt, in der der jüdische Politiker Simon Wulf aus Washington einen Brief des Präsidenten Wilson zur Kenntnis brachte, in dem dieser versichert, er werde in der Stunde des Friedens seinen ganzen Einfluß als Haupt der Vereinigten Staaten dafür einsetzen, daß die Juden Rußlands! und Rumäniens Gleichberechtigung bekommen. In einem zweiten, ebenfalls von Herrn Wulf mitgeteilten Schreiben des Präsidenten gab dieser die Erklärung ab, er werde keinem neuen Handelsvertrag mit Rußland seine Zustimmung geben, bevor die Gleichberechtigung der Juden in diesem Lande durchgeführt ist. Tie Ketreurrng und Erziehung -er FLiicht- Ungswaiseu eine der dringendsten unwichtigsten Aufgabe» der Kriegsfürsorge. Unsere unerschütterliche Siegeszuversicht, die auch nicht einen Moment schwankte, als die russischen Horden Ost- und Mittelgalizien brandschatzten, hat sich in wunderbarer Weise erfüllt und schon sehen wir die armen galizischen Flüchtlinge, die ihr Hab und Gut im Stiche ließen und in unser Land geflohen sind, wieder in ihre Heimat zurückkehren. Die Staatsverwaltung, die in der Flüchtlingsfrage so ungeheuer vielseitige Arbeit bewältigt hat, wird wohl auch jetzt diesen wieder an die heimatliche Scholle zurückgekehrten Staatsbürgern hilfreiche Hand bieten und es ihnen ermöglichen, ihre so jäh und auf so furchtbare Weife unterbrochene Existenz wieder neu aufzurichten. Leicht wird der Wiederbeginn der gewohnten Tätigkeit den Flüchtlingen aus den/ Beamtenstande werden, schon etwas schwerer dem ackerbauenden Teile der Rückgekehrten, aber diese werden doch wieder mehr oder min-, der unversehrt ihr Eigentum zurückerlangen und werden in der Lage sein, ihren Grund und Boden wieder zu bearbeiten und neue Früchte zu ernten. Am schwierigsten haben es unbedingt die Geschäftsleute, also der größte Teil der jüdischen Flüchtlinge. Die Warenvorräte, die Kapitalien und der Kredit, der Grundstock ihrer Existenz, ist dahin und Jahre werden vergehen, bis sie sich wieder ausraffen und sich einer halbwegs gesicherten Existenz werden erfreuen können. Dies gilt aber nur für diejenigen Flüchtlinge, die arbeiten und erwerben können. Was soll aber mit den armen Kindern geschehen, die auf der Flucht oder hier im! fremden Lande ihre Eltern verloren haben und nunmehr hilflos und verlassen dastehen? Es liegt vor mir ein ziemlich umfangreiches Heft, in welchem diese Waisen genau verzeichnet und bei jedem einzelnen das Alter, Geburtsort und alle näheren Umstände, unter welchen sie elternlos geworden, eingetragen sind. Der Nikolsburger Rabbiner Herr Dr. L e w i n hat eine vielmonatliche angestrengte Tätigkeit dazu verwendet, einen Kataster sämtlicher jüdischer Flüchtlinge, die in Böhmen, Mähren und Ungarn untergebracht waren, zu verfassen. Er hat durch diese schwere, aber dankbare und segensreiche Arbeit eine große Anzahl von durch die Flucht zerstreuten und auseinandergerissenen Familien wieder zusammengeführt.und viel Leid und Elend gemildert. Seine weitere Arbeit bildet das Verzeichnis der jüdischen Flüchtlings w a i f e n. Es ist mit größter Genauigkeit auf Grund a m t l i ch e r Daten verfaßt und nach Kategorien abgeteilt. Die Ueberschriften dieser einzelnen Abteilungen: „Eltern seit Eindringen der Russen verschollen", „Eltern tot, Kinder von Verwandten aus die Flucht genommen", „Eltern geschieden, beide verschollen", „Eltern geschieden, Mutter tot und vom Vater verlassen", „Vater seit Eindringen der Russen verschollen, Mutter tot", „Vater im Kriege, Mutter von den Russen ermordet", „Vatehr gestorben, Mutter lungenkrank, herzleidend rc.", „Vater als Soldat verschollen", Mutter, bettelarm", „Vater nach Rußland verschleppt, Mutter krank", „Vater tot.. Mutter verschollen", „Vater in Amerika, seit Jahren verschollen. Mutter tot", „Vater lungenkrank und arm, Mutter toUL „Vater tot, Mutter geisteskrank", „Vater im Kriege gefallen, Mutter krank", „Vater hat Familie verlassen.. Mutter tot", „Findling", lassen dem Leser das Herz im Leibe krampfen und zeigen von grenzenlosem Menschenjammer. Was soll mit diesen a r m c n W a i s e u geschehen? Der Schreiber dieser Zeilen hat von hoher Stelle vernommen, daß die Regierung sehr viel Wert darauf legt und dahin arbeitet, daß alle Flüchtlinge wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Ber diesem Entschlüsse der Regierung wurde offenbar an die Waisen nicht gedacht. Wie sollen denn diese in Galizien untergebracht werden? Ihre große Anzahl, das Verzeichnis weist 993 durch die Flucht zu Waisen gewordene Kinder im Alter von 1 bis 14 Jahren aus, und die ungewöhnlichen Verhältnisse bringen es mit sich,, daß, die von der Gesetzgebung für ruhige Zeiten geschaffenen Normen der Waisenfürsorge hier ganz versagen. Für die sogenannten Kriegswaisen, die Kinder der im Kriege Gefallenen, wird gewiß der Staat sorgen, auch für die katholischen Flüchtlingswaisen wird gesorgt sein, es sind ihrer nicht annähernd so viele, die meisten sind Kinder von Beamten, die schon durch das Pensionsgesetz teilweise gesichert sind, der übrigen werden sich die reichen Klöster und die großen christlichen Waisenhäuser annehmen, einzelne werden bei verwandten Beamtenfamilien Unterkunft finden. Wie steht es jedoch mit den jüdischen Waisenkindern? Die Kultusgemeinden in Galizien sind zum großen Teile durch den Krieg vollständig zugrunde gerichtet und es wird Jahre dauern, bis sie in der Lage sein werden» für ihre notwendigsten Bedürfnisse vorzusorgen und eine halbwegs geregelte Tätigkeit zu entwickeln. Ebenso steht es mit den politischen Gemeinden. Auch an diese wer-, den so schwerwiegende, vielfache Aufgaben herantrcten, daß es ihnen unmöglich sein wird, sich noch der jüdischen Waisen entsprechend anzunehmen. Die Kinder werden daher verkommen, eine ganze Generation sieht moralischem und geistigem Untergänge entgegen, denn wenn es schon gelingen sollte, den Hunger dieser armen Kinder zu stillen, wer wird sich uM ihre Erziehung kümmern? Die einzelnen Familien in Galizen werden mit ficf> selbst wahrlich genug zu tun haben, und es werden sich wenige finden, welche noch in der Lage sein werden, ein Waisenkind in die Familie aufzunehmen. Die meisten der jüdischen Flüchtlinge sind Geschäftsleute, die, wie ich