Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 45 (12.11.1915)
- Date
- 1915-11-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 836 Dr. Bloch's Wochenschrift sJf 4 5 Die deutsche Philosophie ist Idealismus, aus dem heraus der Deutsche sich für alles Rechenschaft ablegt. Nicht die Eingebung und Erleuchtung sind die Voraussetzung seiner Wissenschaft, sondern der Versuch, „die Probe machen". Dieser Idealismus ist das Gewissen der Philosophie und der Wissenschaft und damit hängt die allgemeine Bedeutung des Gewissens für alle Richtungen des deutschen Denkens zusammen. Die Rechenschaft wird als Rechtfertigung zum Schlagwort der Reformation. Mit dieser tritt der deutsche Geist in den Mittelpunkt der Weltgeschichte. Mit der Reformation ist dem modernen Menschen die Unterscheidung lebendig geworden zwischen Gewißheit in der Erkenntnis in der exakten Wissenschaft und dm in den Glaubensfragen. Es tritt die Sittlichkeit an die Leite der Religion, sie wurde nicht als Gegnerin gedackst, welche die Religion zu ersetzen hätte, sondern als Beistand, als Bürgschaft, als die Idee der Religion. Und dadurch berühren wir die Bibel und kommen aus das Judentum. Nach jüdischer Erkenntnis ist Gott das Sein und in ihm hat die Welt ihren Grund und ihren Halt Das Denken Gottes ist nicht das Denken der Wissenschaft, sondern der Liebe. Die Erkenntnis Gottes ist die Liebe und das ist das echte biblische Wort für den Ausdruck des Glaubens in der Reformation. Cohen kommt dann auf Maimonides zu sprechen, der, ohne die Institution der Religion anzugreifen, überall ihre Gründe sucht. Die Reinheit der;Seele, für die der Jude täglich betet, ist der Grundpfeiler der jüdischen Frömmigkeit. Daher sucht er keinen Mittler zwischen Gott und Menschen; der Mittler zwischen Gott und Menschen ist des Menschen Vernunft, sagt Iben Esra. Auch Kant, der die Freiheit mit der Pflicht vereinigt, denkt die Pflicht als die Unterwerfung der Person unter die Persönlichkeit. Er bahnt die Unterscheidung zwischen Ethik und Religion an und ihre innere "Verbindung. Sie heißt in der jüdischen Religion Seele und Geist des Menschen und ist nebst Gott die Grundkraftz der Religion in den Psalmen. Mit den Psalmen berührt Cohen die tiefe Verwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum. Der ästhetische Geist bildet überall ein Zentrum des nationalen Geistes. Poesie und Musik sind hervorstechend deutsch und von aller Poesie bildet die Lyrik den Grundquell. Die deutsche Lyrik ist mit den Psalmen innig verwandt, daher vielleicht die Begeisterung Luthers für oiese jüdische Lyrik. Damit haben wir einiges in ganz armen Strichen wiederholt, was Cohen grundlegend über die Verwandtschaft der beiden Volksseelen sagt. Er kommt dann auf die Entwi-cklung des Judentums in Deutschland, auf Mendelssohn, den er als Philosoph vielleicht überschätzt, weil er ihn sehr liebt und dessen deutsche Bibelübersetzung sicherlich sehr viel dazu beigetragen hat, das Deutschtum der Juden im Osten ausrechtzuerhalten. Er erklärt die Bedeutung der deutschen Predigt für den jüdischen Knltus, den deutschen Ursprung der Wissenschaft des Judentums. Er beweist, daß der Sozialismus, wie er sich in Deutschland herausgebildet hat und von dort aus die Welt erfüllt, eine Verschwisterung deutscher und jüdischer Denkart und Ethik bildet, und schließt mit einer Apotheose des deutschen Friedenswillens, der in der messianischen Idee des israelitischen ProPhetisMus als Schwerpunkt der jüdischen Religion eine große Stütze finden muß. Man kann dieses kleine Werk nicht ohne Erschütterung beiseite legen. Die weit ausgreifenden Gedanken bauen sich auf wie mächtige Stützbogen eines überirdischen Tempels. Die Frage, ob C o hl e n Assimilant ist oder nicht, fällt gar nicht ins Gewicht. Man denkt bei Menschen, die aus solcher Höhe der Erkenntnis stehen, nicht an unsere landläufigen Begriffe. Wenn alle Juden und besonders jene von der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Höhe eines C o h e n es verstehen würden, das Deutschtum mit dem Judentum so zu vereinigen, daß eines von dem anderen unlösbar und untrennbar wäre, wenn alle Juden ein gemeinschiaftlich.es Leben von solcher Größe und von solcher Kraft lebten, dann hätten wir gar keine Veranlassung, uns mit diesen Unterscheidungen abzugeben. Denn genau so wie in diesem dünnen Werkchen das weit ausgreifende Wissen eines sehr reifen Menschenalters, größte Fähigkeiten und allumfassende Erlen ntnis sich konzentrieren, so strömt aus Cohen, wenn nran persönlich mit ihm in Berührung fomntt, das jüdische Wissen und das jüdische Empfinden. Er belegt jeden Ansspruch mit Bibel- und Talmudtext, er vereinigt mit sicheren Worten die Lehre Mosis mit der Lehre des Königsberger Gelehrten, geht freudig und sicher seinem: Weg dort, wo andere suchen und zweifeln. Es ist mir klar, daß diese Arbeit auch feicfjtcm Assimilantentum Vorschub leisten wird. Aber das ist kein Grund, das Lob dieses Werkes zu mindern. Die steigende Bedeutung, die das Deutschtum in diesem Kriege gewinnt, gebietet es jedem! Juden deutscher Kultur — und Cohen beweist, daß wir ihr alle verpflichtet sind —, dieses billige Werk „Deutschtum und Judentum"*) anzuschaffen, seinem Verständnis nahe zn kommen und sich? mit seinem Inhalt kritisch oder zustimmend auseinauderzusetzen. _ Korrespondenzen. Kaiserlicher Rat Wolf Schramek. Der plötzliche Heimgang. des Kultusvertreters kais. Rat Adolf Schramek hat in allen Kreisen der Wiener Judenheit aufrichtige Teilnahme geweckt, denn der Heimgegangene war nicht bloß ein arbeitsfreudiges Mitglied des Vorstandskollegiums, er war auch ein edler Menschenfreund, der hochherzig geholfen aus eigenen Mitteln; ein Freund und Schätzer jüdischer Gelehrter, die an ihm stets einen großmütigen Förderer gesundeil. Seine Popularität Zeigte sich in der zahlreichen Beteiligung bei dem am 4. d. M., vormittags, stattgesundenen Leichenbegängnis. Die Witwe Frau Regine S ch r a m e k, die Kinder und die übrigen Familienmitglieder des Verblicheneil umstanden schmerzerfüllt den Sarg. Vor Beginn der Tranerfeier hatten sich eingefunden: der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Ster n mit dem Vizepräsidenten Hofrat Dr. R a p p a p o r t und den Mitgliedern des Vorstandes Richard B e t t e l h e i in, Dr. Jakob Deutsch, Moritz E i ß l e r, Architekt Jakob Gärtner, Emanuel G r ü n w a l d, Ernst Hirsch, Em. Hoffmann, Dr. Felix Katzau, kais. Rat Sig. Kanders, Prof. Dr. Josef Pollak, Eduard Schwarz, S. Steiner, der Vizepräsident des Bethausvorstandes Dr. Markus Spitzer mit den Mitgliedern Anton B e ck, Direktor I. B r i ch t a, Carl F r e u n d, Doktor Kapralik, Theodor Kohn, Rudolf Kohn, kais. Rat Leopold Langer, Dr. Elias M ü n z und kaiserlicher Rat I. W i l h e l m; Oberrabbiner Dr. G ü d e - in a n n mit den Gemeinderabbinern und den Rabbinern der Vereinsbethäuser; der Präsident der „Chewra-Kadischa" Salo Cohn mit den Vorstandsmitgliedern S. G o l d m a n n, Jakob K ar - p e l e s, Kommerzialrat Philipp K o h n, C. Lem> ber - g e r, Leopold Otto, kaiserlicher Rat Leopold v o n *) Toepelmanns Verlag, Gießen.