Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 44 (5.11.1915)
- Date
- 1915-11-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 822 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 44 Korrespondenzen. , Kultusvertreter kuis. Rat Mols Schrämet s. A. Die Wiener israel. Kultusgemeinde und der Wiener Ktlltusvorstund wurden neuerlich von einer schweren Heimsuchung betroffen. Dienstag, am 2. d. M, starb plötzlich der in Wien bekannte Hoflieferant kaiserlicher Rat Adolf Schramek. Er war durch 35 Jahre Präsident des israelitischen Bethausvereines „Am Volkert", dem es infolge der zielbcwußten Leitung des Verblichenen gelungen ist, anläßlich des achtzigsten Geburtsfestes des Kaisers ein großes Gotteshaus, den Kaiser Franz Josef I- Huldigungstempcl, zu erbauen. Ebenso war der Verblichene Mitglied des Vertreterkollegiums und des Tempelvorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, in welchen Körperschaften kaiserlicher Rat Adolf S ch r a m e k ob der Lauterkeit seines Charakters und seiner überaus großen Leutseligkeit hochgeachtet war. Besonders hervorragend war sein philanthropisches Wirken in unzähligen Wiener Wohltätigkeitsvereinen. Kein Armer verließ sein Haus unbeschenkt imfr sie kamen zu ihm recht zahlreich. Auch seiner Vaterstadt Leipnik hat er viele Wohltaten erwiesen. Als Kassier des Zweigvereines für das Rote Kreuz im zweiten Bezirke entfaltete der Verblichene eine überaus rührige Tätigkeit und trug zur Gründung und Errichtung des Spitals werktätig bei. Jahrelang wirkte er als Nasi für das Heilige Land und allen Thorainstituten war er ein warmherziger Förderer. Er war auch Verwaltungsrat der k. k. priv. Versicherungsgesellschaft „Oesterreichischer Phönix". Das Leichen-» begängnis fand Donnerstag, am 4. d. M., vormittags 10 Uhr, vom Trauerhause, 2. Bezirk, Novaragasse 21, zum Kaiser Franz Josef I.-Huldigungstempel und zum großen Leopoldstädter Gemeindetemvel statt, über welches wir in nächster Nummer berichten werden. Unberechtigter Vorwurf der Intoleranz. Vereheliche Redaktion! In den volkstümlichen Universitätskursen, welche die Universität für weitere Kreise veranstaltet, in denen also jekkes Wort als von autoritativer Seite für Hörer mit nicht genügender Vorbildung gesprochen einer besonderen Erwägung bedürfte, entglitt diese Woche dem Vortragenden, Dr. Diez, folgender Ausspruch, der beweist, wie sehr sich die Gelehrtenwelt dem Volke entfremdet hat und wie wenig sie die bei aller versuchten Verrohung und Verbildung noch immer schöne Wiener Volksseele kennt. Der Vortragende sprach davon, wie wenig! fanatisch der Islam sei, und führte als Beispiel an, daß in den Tagen Harun ar Raschids in Bagdad, dem Paris der damaligen Welt, sehr viele reiche Christen lebten, wo es gang und gäbe war, daß mitten durch die Straßen christliche Begräbnisse zogen, „während heute doch in Wien, geschweige denn in der Provinz, die Veranstaltung eines mohammedanischen öffentlichen Begräbnisses ganz unmöglich wäre". Der geehrte Vortragende scheint also nicht zu wissen, daß der Islam, die Religion von 750.000 Oesterreichern, die mit wildester Tapferkeit ihr Blut für Oesterreich vergießen, zu den staatlich anerkannten Religionen gehört, daß es also niemandem! einfallen würde, in Wien ein mohammedanisches Begräbnis zu verbieten, daß bei Todesfällen in der türkischen Botschaft — ich erinnere an das wunderschöne türkische Grabmal einer Attachssfrau am Zentralfriedhofe — solche schon oft vorgekommen sind, daß sich das Wiener Publikum dabei vermutlich mit der ihm eigenen Neugierde. aber mit derselben Würde, mit derselben Gemütsinnigkeit benehmen würde, wie wir es vor vierzehn Tagen beim Begräbnisse unseres unvergeßlichen Vizepräsidenten erlebt haben. Im Zuge schreitend, den ein (ganz christliches Neugierigenpublikum als Spalier umsäumte, habe ich vielfach gesehen, daß das Publikum auf seine Art den Hut entblößte, daß man laut sagte, das muß aber ein guter und seltener Mensch gewesen sein, wo soviele Hunderte weinen, ich habe aber, mit einem krankhaften feinen Ohre begabt, nicht eine unwürdige Bemerkung gehört. Der gelehrte Vortragende möge sich trösten. Ich habe vor etlichen zwanzig Jahren, als eine Scharlachepidemie wütete, meine Brüder im Garnisonsspital am Rcnnweg besucht, als gerade sechs oder sieben bosnische, am Scharlach verstorbene Mohammedaner begraben wurden. Ich habe die katholischen Soldaten, echte Oberösterreicher, dabei laut schluchzen gehört, daß die armen Kameraden weit von der Heimat sterben mußten, und gesehen, wie die unverstandenen arabischen Totengebete des Jman auf jüdische und christliche Soldaten einen tiefen Eindruck machten. Ich kann dem gelehrten Herrn Arabisten noch mehr sagen: daß vor zwei Jahrzehnten in einem! kleinen oberösterreichischen Ort das, ich darf wohl sagen, ganz heidnische und mit mehr als merkwürdigen Zeremonien ausgestattete Begräbnis eines Zigeunerhauptmannes stattfand, bei dem sich die streng katholische Bevölkerung musterhaft benahm, obwohl man dort beim Biertisch noch heute darüber oft sich unterhält. Also, der gelehrte Herr gehe ein wenig unter unser österreichisches Volk und ev wird sehen, daß wir doch nicht ganz so rückständig sind, wie er es sich vorzustellen scheint. Ich. war mehr als überrascht, daß keiner der Zuhörer eine Entgegnung wagte, und möchte wirklich diese Kathederblüte mitten mr Burgfrieden nicht unbesprochen durchgehen lassen, da sie geeignet erscheint, den religiösen Frieden unter djev Bevölkerung, wenn auch ganz unabsichtlich, zu stören. In vorzüglicher Hochachtung Ein überraschter Zuhörer. Die Vrockenfammlung für jüdische Arme ist jetzt stark von Bedürftigen, die um warme Kleidung bitten, in Anspruch genommen. Infolge unseres Aufrufes konnten mehr als 50 Personen beteilt werden. Gaben sandten: Frau Markbreiter, Frau Kaufmann, Löwit, Jg. Zander, Frau Jg. Klein, Frl. A. R u b i n e r, kaisrrl. Rat Jg. G e w i t f ch, Frau Tauber, L. W a n t o ch, Karl Bauer, Lemberger, Heinrich Schifter, Marianne R o s e n b a u m, Rosa Breiter, Lotte Nechel e s, Edith Blau, Fr. O l o p, Herr Em. Mautner, Frau Olga V a r s i c, H o r o w i tz, Frl. W e i n r e b. Fr. Wiener. Fr. Regine Jungfrau, Eduard Schilder. Die Verteilungen finden im Vereinslokal: 8. B e z., Alse rst r a tz e 42, Dienstag von 2—3 Uhr statt. Fünfzig Arme sind vorgemerkt, dir um warme Kleider, Schuhe, Wäsche bitten. Zur Verteilung kommen Mütter mit halbnackten Säuglingen, Schulkinder, die in ihren dünnen Sommerkleidern vor Frost zittern, müde Greise, die obdachlos sind, um eine Decke, einen Polster bitten. Am bedaurenswertesten sind die Flüchtlinge aus dem S ü d e n. Schnelle Hilfe tut not. Wir bitten das gute Wiener Herz sprechen zu lassen und uns, was irgend entbehrlich, zur nächsten Verteilung zu senden. Jda B a r b e r. Baden. (Zur galizischen Hilfsakt ion.) Die ausführliche und vom Herzen kommende Publikation des gelehrten Rabbiners Gedalje S ch m e l k e s hat gewiß in allen Lesern Ihres gesch. Blattes einen Widerhall ge-! funden und das Bestreben ausgelöst, helfend einzugreifen. Unsere Gemeinde hat hiezu sofort Stellung genommen. Gelegenheit hiezu wurde ihr bald geboten? Herr Dr. Hausner war in Angelegenheit einer diesbezüglichen Mission in Wien und kam auch. nach Baden. Er hatte die russische Invasion in Lemberg persönlich mit allen Schrecken mitgemacht. Der Vorstand improvisierte nun im Sitzungssaale der Kultusgemeinde für Montag abends (am 1. November) einen Vortrag des Herrn Dr. Hausner mit einer Schilderung seiner Erlebnisse. Der Eindruck auf die große Versammlung war ein tiefgehender. Herr