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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-11-05 · 44 (5.11.1915) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
44 (5.11.1915)
Date
1915-11-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Bloch's Wocheuschrist Seite 821 ment Nr. 81, Licariae. Das Mecklenburgische Verdienstkreuz zweiter Klasse: Kurt Meyer, Vizeseldwebel im 90. Füsilierregiment, stud. med. Das Lippesche Kriegsoerdienstkreuz: Ludwig Vogelstein, Kriegsfreiwilliger, Unteroffizier im Reserve-Infanterieregiment Nr. 234. Das Oesterr. Goldene Verdienstkreuz mit der Krone am Bande: Dr. Arthur Münzer, Ritter des Eisernen Kreuzes, Charlottenburg. Die Silberne TapferkeitsmedaiUe: Richard Heumann, Laupheim. Das neue Wegime in Hlusstsch-Uolen. Von welchem Gerechtigkeitsgefühl sich die deutsche Regierung in den neubesetzten Gebieten Russisch-Polens gegenüber der jüdischen Bevölkerung leiten läßt, erhellt aus einer Nachricht polnischer Blätter. Die Regierung hat die Organisierung einer obersten Schulbehörde in Warschau angeordnet, die dem Polizeipräsidenten untergeordnet, den Nanren Schnldeputation führen und die Beaufsichtigung der Volks- und mittleren Lehranstalten besorgen soll. Dieselbe wird aus' fünf Mitgliedern be-, stehen, hievon zwei Katholiken, ein Protestant und zwei Juden. Diese Verfügung ist ebenso erfreulich lvie jene, kraft der in den meisten Stadtgemeinden ein Drittel der Gemeinderäte der jüdischen Bevölkerung entnommen wurde. Jakoö K. Schiff gegen Wußkand. Die „Times" gab kürzlich in einer Kabelmeldung ihres Newyorker Berichterstatters eine scheinbar wörtliche Erklärung Jacob H. Schiffs wieder. Danach habe dessen Firma Kuhn, Loeb u. Co. eine Beteiligung an der Ententeanleihe abgelehnt, weil man ihr die verlangte Zusicherung verweigert habe, daß die russische Regierung nichts von dem Gelde erhalte. Das jetzt vorliegende Original der Erklärung deckt sich wörtlich mit der „Times"-Meldung. Nur fe hll.folgcnde Einschaltung hinter den Worten die „russische Regierung": „gegen deren UnMenschlichkeiten sämtliche Mitglieder meiner Firma von jeher ihre Stimme erhoben haben". Wer hat den Satz aus zarter Rücksichtnahme aus russische Gefühle unterschlagen? Der Korrespondent, der Zensor oder die Londoner Redaktion? Jüdische Arbeiter in der Großindustrie HUtsstsch-H*otens. Entgegen in der Zeitschrift „Polen" gemachten Angaben von Dr. Zosia Daszynska-Golinska über die Beteiligung der Juden an der Großindustrie Polens, stellt ein Kenner der Verhältnisse in der „Frankfurter Zeitung" folgendes fest: „Es ist ein Irrtum, daß „der Arbeiter, sowohl der Handlanger wie der qualifizierte und die technische Hilfskraft durchweg polnisch" seien. Laut Volkszählung von 1897 waren an jüdischen Arbeitern im russischen Ansiedlungsrayon, der die westlichen Gouvernements, hauptsächlich djas ehemalige Königreich Polen, umfaßt, beschäftigt: in der Textilindustrie 33.200 Juden, in der Industrie der Nahrungsmittel 44.797 Juden, in der Metallindustrie 40.082 Juden, im Bergbau 1006 Juden, in der "Industrie der Steine und Erde 5187 Juden, in der chemischen Industrie 6514 Juden, in der Holzindustrie 41.359 Juden und in der Leder- und Papierindustrie 20.446 Juden (vergl. Ber Borochow, Zur jüdischen Arbeiterbewegung, „Freistatt", Jahrgang 1913—14, S. 508). Im ganzen beträgt der Anteil der Juden unter der berufstätigen Bevölkerung in der gesamten Industrie des Ansiedlungsrayons 34 4 Proz., er steigert sich in einzelnen Industrien (Kleidungs-, Nahrungs-, Tabak-, polygraphische Industrie) auf 60—80 Prozent, ist bei der Produktion von Halbfabrikation und bei der Urproduktion entsprechend niedriger. Auf jeden Fall ist es aber unrichtig, die Arbeiter in Polen als geschlossene polnische Masse zu betrachten. Ein Drittel von ihnen sind Juden. Iudenetend in Wußtand. Berlin. Das „Tageblatt" meldet aus Stockholm: Der Gouverneur von Poltawa hat 12.000 jüdischen Flüchtlingen den Befehl erteilt, sein Gouvernement unverzüglich zu verlassen. Das gleiche Schicksal hatten auch die jüdischen Flüchtlinge des Gouvernements Tambow, wo 30.000 Juden mit Gewalt evakuiert wurden. Sie ziehen hungernd auf den Landstraßen ins Ungewisse. Auf der Station Setschinsk wollten jüdische Einwohner den durchreisenden jüdischen Flüchtlingen Lebensmittel reichen. Die russischen Beamten verbaten dies und warfen die herbeigebrachten Lebensmittel weg oder vernichteten sie. Den jüdischen Frauen, die für ihre hungernden kleinen Kinder etwas.kaufen wollten, wurde das Aus st eigen verboten. Auch aus Kiew werden alle Juden vertrieben. In Iwan Wosnessensk, berichtet „Rjetsch". wurden unter der Bevölkerung antisemitische Flugblätter verbreitet, welche die Juden des Verrates beschuldigen. Die Geißelung aller dieser Verhältnisse in der Duma hat also nicht den geringsten Eindruck gemacht. Der Neffe von Alfred Dreyfus gefallen. Aus Paris wird über die Schweiz gemeldet, daß der Neffe von Alfred D r e y s u s, Sohn des aus der Dreyfus- Affäre bekannten Mathieu Dreyfus, auf dem Schlachtfelde den Tod gefunden hat. Der erst 24 Jahre alte Unterleutnant Emile Dreyfus hatte mit großer Tapferkeit in Flandern gekämpft, das Milirärverdienstkreuz und die Ehrenlegion erworben. Alfred Dreyfus selbst steht als Oberstleutnant auch im Felde. Die Deppetinfurchl in den Synagogen. Verspätet eingelaufene amerikanisch-jüdische Blätter bringen eine Londoner Meldung, wonach am letzten Kolnidre-Abend die Frauengalerien sämtlicher Londoner Synagogen geschlossen bleiben mußten und auch in den Männerabteilungen ganz besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen und ein strenges Uebersüllungsverbot erlassen wurde. Die Polizei hat diese Maßnahmen mit der Befürchtung begründet, daß ein eventueller Zeppelinangriff während des Kolndire-Gottesdienstes eine Panik Hervorrufen könnte, deren Folgen unabsehbar wären. Gleichzeitig wird aus London gemeldet, daß der Lord-Mayor von London in voller Ämtsuniform am Jom-Kippiur in einer Synagoge in Whitechapel erschienen sei und eine Ansprache an die Versammelten hielt. Der Lord- Mayor "erklärte, daß er Mer die schreckliche Lage der Juden in Rußland genau informiert.sei und sprach die Bereitwilligkeit aus, die Bemühungen wegen Beschaffung eines Hilfsfonds für die russischen Juden mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht zu fördern. Wichtiger wäre es allerdings gewesen, wenn der Lord-Mayor von London erklärt hätte, seine sicherlich nicht geringe Macht dafür zu verwenden, daß die russischen Greuel gegen die Juden ein Ende nehmen, daß ihnen endlich die Menschenrechte zngesichert werden, dann wäre die Beschaffung eines' Hilfsfonds überflüssig.

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