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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-29 · 43 (29.10.1915) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
43 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Bloch's Wochenschrift Se . 79k) aufzusuchen, um helfend und lindernd einzugreifen. An gutem Willen wird es gewiß bei der Wiener Judenfchaft mit ihrem so oft erprobten, warmen Herzen für alles Gute und Edle auch jetzt nicht fehlen. Sie wird die erste sein, da es gilt, Hilfe und Beistand in die entlegensten verwüsteten Winkel Galiziens zu tragen. Ihr werden gewiß folgen die Fudenheit der anderen 'Gebiete unseres Staates, auch diejenige des mit uns zu einer Monarchie vereinigten Ungarns und diejenige des mit uns so innig verbundenen Deutschlands. Alle werden helfen, menschenmöglichst die Wunden zu heilen, welche dieser gemeinsam, in gemeinschaftlichem Interesse geführte Krieg, dem auch sonst armen Galizien geschlagen und zu schlagen nicht au.fgehört hat. An das jüdische Wien sei also vornehmlich dieser Weck- und Mahnruf gerichtet. Sowohl an diejenigen Kreise, welche in Wien heimisch sind, als auch an diejenigen, welche vorübergehend sich hier anfhalten. Es mag ja sein, daß hie und da schon manches sich zu regen beginnt und manche Ansätze zu einer Aktion sich bilden. Doch von einer großzügigen Tätigkeit, wie sie jetzt nottut, ist gar zu wenig -zu merken. Harren doch unser so viele, kaum zu lösende Aufgaben. Wie viele gibt es jetzt früher wohlhabender Familien, deren Hunger momentan gestillt werden muß. Hat doch der Krieg in vielerlei Formen und Erscheinungen geradezu verheerend gewirkt. Hat doch außer durch Plünderung und Zerstörung von Vermögens^ hat zum Beispiel der zumeist jüdische Kleinhandel durch vollständige Unterbindung infolge der von einer Staatsnotwendigkeit diktierten Monopolisierung der wichtigsten Konsumartikel gelitten. Noch viel schwieriger ist jedoch die Sorge um die Zukunft. Tausende gebrochener Existenzen müssen wieder aufgerichtet werden. Eine Unmasse solcher, denen hier keine Erwerbsmöglichkeit mehr geboten werden kann, werden zum Wanderstabe greifen müssen, um in fremden, vielleicht überseeischen Ländern ihr Brot zu suchen. Diese Auswanderung muß mit einer sicheren, zielbewußten Hand und mit entsprechenden Mitteln in richtige Bahnen geleitet werden. Wer zählt die Unzahl der einseitigen oder beiderseitigen Waisen, welche doch unbedingt versorgt werden müssen? Am besten würden sich hiezu gemeinschaftliche Waisenhäuser und Erziehungsanstalten eignen. Jedenfalls sehr wichtige und schwer zu lösende Probleme. Wohl wird der Staat, wie gesagt, den Löwenanteil an diesen Leistungen zu nehmen haben. Doch haben auch wir die Pflicht, in dem ausgeführten Sinne miczuwirken. Sowohl in materieller, wie in moralischer Beziehung. Wenn auch die Absicht fern liegen mag, uns stiefmütterlich zu behandeln, so kommt es doch auch bei einer leiblichen Mutter vor, daß diejenigen Kinder übergangen werden, welche beiseite stehend, nicht laut genug ihren Anteil fordern. Wollen wir, daß die fragliche Fürsorge auch für uns Früchte abwirft, so müssen wir bei der hohen k. k. Regierung auch unsere Ansprüche nachdrücklichste geltend machen. Wir erfüllen hiemit auch eine patriotische Pflicht gegen Kaiser und Staat, dessen ergebene und treue Untertanen und Bürger wir sind. Wir können uns auch nicht verhehlen, daß neben der staatlichen Fürsorge in vielen Fällen private Nachhilfe wird dringend und notwendig sein. Daß wir nicht das Ganze iuit können, entbindet uns nicht der Pflicht, dasjenige zu leisten, das in unserer Macht steht. rCtfSön ruött ‘itasrA pmn p rrna Es darf nicht übersehen werden, daß neben der Sorge für die astöster reichischen Provinzen Galizien und die Bukowina auch die für die von unserer siegreichen Armee okkupierten bisher russischen Gebiete in Betracht kommen und uns ebensosehr am Herzen liegen muß. Die Größe der Aufgabe erfordert jedoch auch große Opfer, Opfer materieller, als auch - vielleicht noch mehr — psychischer Natur. Wir müssen, um es gleich zu sagen, uns überwinden und manche Voreingenommenheit zurückstellen können. Zur Ueberwindung aller Schwierigkeiten, die sich der Lösung dieses weitverzweigten, aus verschiedenen, jeden für sich bedeutenden, Einzelelementen zusammengesetzten Problems entgegen stellen können, reicht die Kraft eines Einzelnen, sei es auch einer einzelnen, wenn auch hervorragenden und bedeutenden Körperschaft oder auch eines ganzen Kreises von solchen bei weitem nicht aus. An einem solchen Werke muß das ganze Volk Mitarbeiten, Alle Kreise des Judentums müssen — vorläufig zu diesem Zwecke wenigstens unbeschadet der dankbar anerkannten Leistung jedes Einzelnen - brüderlich sich die Hand reichen, das westliche und das östliche, das aristokratische und das demokratische, das alte und daS junge Judentum. Hat das eine ein Uebergewicht an Macht, Erfahrung, Einsicht und Besonnenheit, so hat das andere ein "solches an Eifer, Energie, Gewandtheit und Entschlossenheit. Hier muß jeder Unterschied in Lebensstellung und Weltanschauung, an politischer Gesinnung und Parteirichtung aufhören. Ob konservativ oder fortgeschritten, orthodox oder neolog, Zionist oder Assimilant, Nationaljude oder Konsessionsjude wenn nur nicht mit Heine Unglücksjude — alle sollen Mitarbeiten und zur Mitarbeit gerufen werden. Kein Kreis, er sei noch so vornehm, oder noch so volkstümlich, darf sich einbilden — es fei dies nach oben und u n t e n, nach rechts und links gesagt — die Beschützuug und Behütung des jüdischen Gemeinwohles im ganzen oder zum Teile in Erbpacht genommen zu haben. Kein Kreis fei in den Augen des anderen zu hochmütig, oder zu demagogisch, daß er ignoriert und übergangen werde. Tun "wir unS alle zusammen und arbeiten wir alle gemeinsam für das Wohl des jüdischen Gemeinwes'ns. Jeder wird etwas mitbringen, das er vor den anderen voraus hat. Lernen wir von den anderen Völkern. Wie schön haben sich bei ihnen entgegengesetzte, sonst einander aufs heftigste bekämpfende Elemente zur Wahrung ihrer gemeinsamen Staats- und Volksinteressen jetzt vereinigt und, gleichsam alle Klüfte überbrückend, einander brüderlich die Hand gereicht. Und wir? DaS Volk der berühmten — und berüchtigten — jüdischen Solidarität? Söll sie, die alte und altbewährte, leider nunmehr gelockerte, auch jetzt noch nur in den Augen unserer Gegner zu unserem Schaden vorhanden sein? Laßt sie uns in dieser Zeit höchster historischer Wichtigkeit wieder verjüngen und zur vollen Wahrheit werden zu unserem Wo'hle und zu unserem Segen. Laßt uns bedenken, daß wir die Wahrung unserer .Interessen selber in die Hand nehmen müssen, daß jeder einzelne für sich nicht in der Lage ist. diese schwierige Aufgabe zu lösen, und daß der gegenwärtige Moment einer der bedeutendsten und folgenreichsten ist auch in der jüdischen Geschichte. Halten wir uns den Ausspruch HillelZ vor Augen: px 28 T£\s' 1 rry Xst 281 •;>* rre '22^ 'b '2 'b Daß der gegenwärtige Zeitpunkt nicht ungenützt, unwiedereinbringlich uns verloren geht, laßt uns selbst sorgen und uns vereinigen zu gemeinsamer, mit Gottes Hilfe fruchtbringender Arbeit. Dies der eigentliche essentielle Zweck gegenwärtiger Auseinandersetzung. Zum Schlüsse möchte ich mir noch, ohne undankbar jede Leistung, jede Tätigten uno jede Arbeit zu verkennen, erlauben, eine kleine Bemerkung zu machet!, die ich nicht unterdrücken kann. piZTiX a^pTÖ Lernen

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