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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-10-29 · 43 (29.10.1915) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
43 (29.10.1915)
Date
1915-10-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 43 Dr. Bloch’s Jahrgang XXXII Zentralorgart für die gesamten Unteressen des Judentums. -- ——ooc- Wien. 29. Oktober 1915 Lrscdelnr jeden Freitag. Brief-Adceffe: Wien, H/i. Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. 00 - =0O Vexugspreis für Vesterrrirh: Q Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für das Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mal gespal» tenc Petitzeile 48 Heller. OP- —OÖ A. ft. Postsparftaffenamt Llearing-verkebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien ® Il/i, Praterstraße 9. Xeleplion 45.359. Inhalt: Leitartikel: Die Notlage der Juden im Osten unserer Monarchie — Kriegsdekorationen jüdischer Offiziere und Soldaten. — Eisernes A'leuz zweiter Klasse. — Goldenes Verdienstkreuz. — Der Instruktor des General von Arz. — Major Kiesler. — Sonstige Auszeichnungen. — Auszeichnung im Eisenbahnkriegsdienst. — Ernennung von Feldrabbinern. — Tie jüdische Familie im Felde. — Eine Traueranzeige. — Szökesfehervür. — Kol Nidre in der katholischen Kirche. — Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuze. — Der „Paß-Punkt" im neuen Handelsvertrag zwischen Rußland und Amerika — Der Untersuchungsrichter im Kischinewer Pogrom-Prozeß wegen Hochverrats zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. — Abraham Potocki. — Korrespon denzen: Einlauf für die Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 24. Oktober 1915. — An die jüdische Oeffentlichkeit! — Die Lupusheilstätte. — An die Judenschaft Galiziens und der Bukowina — Eine patriotisch-religiöse Pietätspslicht. — „Eiserner Baum der Nächstenliebe." — Frauen-Hilfskomitee X. — Jüdischer Verein „Einheit", Wien, 1l., Malzgasse 12. — Vermischtes. — Feuilleton: Feiertage im Felde. —Literatur. — Briefkasten. — Notiz. Die Uotlage der Juden im Ästen unserer Monarchie. Von Rabbiner Gedalje Schmelkcs aus Przempsl. ' Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie hatten, wie ich nachträglich erfuhr, vor mehreren Monaten die Güte, einigen Zeilen aus einem meiner Privatbriefe in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, wofür Sie meinen verbindlichsten Dank entgegennehmen wollen. Ihre Freundlichkeit ermuntert mich jetzt, Sie höflichst zu ersuchen, folgenden Ausführungen wieder ^)ie Spalten Ihres igesch. Organes öffnen zu wollen. Um gleich in meäms res einzutreten, sei bemerkt, es gilt die Besprechung der allzutristen Lage der Juden in Galizien und in der Bukowina. Es ist dies wohl möglicherweise ein Unterfangen, leeres Stroh zu dreschen oder offene Türen einzurennen. Doch ist es besser, Ueberflüssiges zu sagen, als ein notwendiges Wort zur Zeit zu unterdrücken. Auch in gedroschenem Stroh findet sich manch nützliches Körnchen. Wenn auch Schweigen Gold ist, so schützt manchmal auch ein Klumpen Goldes 9or Hunger nicht. Und has östliche Judentum hungert jetzt im buchstäblichen Sinne des Wortes. Es ist ein Moment allergrößter Not, eines Massenelends, wie es kaum je gesehen wurde. Cs ist aber auch ein Moment wertesttragender Bedeutung für die Zukunft und birgt in sich die größte Gefahr, wenn er vernachlässigt wird. Bei drohender Gefahr hat wohl auch der Jüngste und Unberufene das Recht und die Pflicht, das Lager zu alarmieren. In dieser Erwägung ergreife ich notgedrungen die Feder, um aus meinem bescheidenen Winkel vor der jüdischen Oeffentlichkeit das Wort zu ergreifen. ^Jst die Lage in Galizien — unter diesem Sammelnamen wolle das östliche Kriegsgebiet überhaupt verstanden werden — im a.lgemeinen eine unsagbar traurige, so ist sie am traurigsten — dies sei besonders hervorgehoben — für die jüdische Bevölkerung. Alle anderen Bewohner sind wohl mittellos, doch zum größten Teile — ohne Neid und Mißgunst sei dies konstatiert — nicht auch existenzlos geworden. Dem Landmann konnte seine Scholle, dem Gewerbetreibenden seine Konzession und dem öffentlichen Beamten seine Stellung nicht genommen werden. All dies Mittelpunkte, um welche sich von außen Krystalle des Wiederaufbaues ansetzen, oder aus welchen von innen, bei Luft, Licht und Wärme, Organe der Wiederaufrichtung sich entwickeln können. Möge dieser Heilungsprozeß raschestens vor sich gehen und zum Wohle des Landes gedeihen! Ganz anders steht der Jude an dem Grabe seiner Habe. Er hat, zumeist an kommerziellen Berufen hängend, mit seinen ohnehin oft bescheidenen Mitteln auch seine E x i st e n z verloren. Die oft geringe und winzige bewegliche Habe bildet sein ganzes Vermögen, seine Erwerbsquelle. So dem Kaufmann seine Ware, dem Landvächter sein Inventar, dem Gastwirt seine Einrichtung usw. Auch der Privatangestellte hat durch den Ruin seines, zumeist jüdischen, Arbeitgebers sein Brot verloren. siäcö ek 'lim itrnrr Es wäre wahrlich direkt zum Verzweifeln, wenn wir nicht ein Volk des Optimismus wären, das zudem in der harten Schule seiner jahrhundertelangen Leidensgeschichte gelernt hat, mit Gottvertrauen in die Zukunft zu blicken. Doch Wir dürfen nicht müßige Zuschauer sein. Träger Fatalismus ist durchaus nicht jüdisch. Wir müssen uns aufraffen zu einer von Gottvertrauen begleiteten Tat. Es kann wohl nicht die Aufgabe eines einzelnen Volksftammes sein — am wenigsten des jüdischen unter den gegebenen Verhältnissen —, eine Aktion im großen Stile, wie sie eben nottut, aus sich und für sich m Angriff zu nehmen und erfolgreich durchzuführen. Neben der, mit verhältnismäßig wenigen Mitteln erreichbaren, Fürsorge zur Whilfe der momentan dringenden Not, da Hunderte und Tausende von Hündepaaren aus bisher gutgeftellten und wohlhabenden Schichten sich uns um eine Krume Brot entgegenftrecken, steht vor uns die viel schwierigere Sorge um die nächste Zukunft, da es gilt.

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