Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 41 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zentraloraan kür die gesamten Interessen des Judentums. Dr. Bloch’s Jahrgang LXLtt Wien. 15. Oktober 1915 d LrsiDelnt jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wie«, II/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch s Wochenschrift, Wie«. 0 6- DO D^Ngspreis für Vrftrrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für da« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Dis 2mal gefpaltene Petitzeile 48 Heller. _ nP Oo O CF -rrTTrQQ p A. ü. Postsxarüalfenarnt Lieartng-Verkebr Mr. S10.976. Redaltion und Administration: Wien o ii/i, Praterstraße 9. Telephon 45.359. nP - On Inhalt: Leitartikel: Dr. Gustav Kohn. — Kriegsdekoratiolten jüdischer Offiziere und Soldaten. — Weitere Auszeichnungen. — Besondere Auszeichnung eines jüdischen Militärarztes. — Kriegsauszeichnungen jüdischer Eisenbahner. — Sonstige Auszeichnungen. — Verleihung reichsdeutscher Kriegsdekorationen. — Zugsführer Moritz Wachtel. — Michael Schönberger. Auszeichnungen gefallener Offiziere und Unteroffiziere. - Im Kriege gefallen. — Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuze. — Beförderungen. — Der neue Bürgermeister von Pinsk. — Kapellmeister Hertz und der Kaisermarsch. — Die Juden unter deutscher Herrschaft in Polen. — Der Brief eines Kriegsgefangenen aus Sibirien. — Korrespondenzen: Zeichnet die dritte Kriegsanleihe! 80 Bittgesuche armer Kinder, die wegen Mangel an Schuhen nicht zur Schule gehen können! Kaiserin Ettiabeth-Lchr- O mädchen- und Arbeiterinnenheim. Militärgottesdienste in Krakau. Hilferuf aus Gaya! Wien. — Vermischtes. — Feuilleton: Die Leiden der Juden in Sadagora unter der Russenherrschaft. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Dr. Gustav Kahn. (Naftali Herz Kohen.) Ein Großer im Reiche des Idealen und Guten, ein Hoherpriester der Menschenliebe, ein Held an Willens- und Schaffenskraft ist dahingegangen. ^Der Inhalt seines reichen Lebens, die Fülle seiner edlen .Laten können in diesem engbegrenzten Raum nicht erschöpft werden, sein Bild bloß zu skizzieren, in großen Zügen festzuhalten, soll die Aufgabe dieser Zeilen sein. Die Judenheit der Monarchie, weit hinaus über die Grenzen unseres Vaterlandes, Tausende Menschen trauern um den Mann, der uns mitten in seiner 'dem allgemeinen Wöhle gewidmeten Tätigkeit entrissen wurde. Dr. Gustav Kohn ist schon gestorben? So ging die Trauerbotschaft von Mund zu Mund. Das eine^Wörtchen sagt uns alles: „schon gestorben". Er gehört zu jenen Männern, deren Tod uns mit dem Worte „schon" gemeldet wird. ins: -imw DTiarr ns msro Ich lobe jene Toten, von denen man sagt, sie seien „schon" gestorben. Der Fremde mag wohl glauben, ein Jüngling sei zu seinen Vätern einberufen worden, nicht ein Greis von 76 Jahren. Und doch ein Jüngling! Ein Jüngling an Tatendrang, an Arbeits- und Schaffensfreude, ein Jüngling, von heißer Liebe für sein Volk entbrannt — ein Jüngling, erglüht für alles Gute und' Jveale, ein starkes Herz, das wi'c alle liebten, das aber dem Tode nicht standhalten konnte. bz$b “finj Anläßlich seines .ftebzigsten Geburtstages habe ich den Lesern dieses Blattes eine volle Würdigung des ' Mannes zu seinem achtzigsten Lebensjahre versprochen — die Vorsehung hat es anders bestimmt. Meiner Feder entfließen Worte der Klage und Trauer, des bittersten Leidest Am Montag, den 27. September, "aßen wir frohgemut zu gemeinsamer Arbeit für die Jugend in einer Talmud-Thora-Sitzung beisammen. Beim Weggehen bestimmte Dr. Gustav Kohn für einen Tag der letzten Woche seinen Besuch bei mir in Baden, um wichtige Angelegenheiten gemeinsam zu erledigen — und wir haben keiner ihn wiedergesehen. „Am Morgen lvie die Blume, die blüht, am Abend ist er blaß und welk" — das ist der Mensch! Wer von uns hätte gedacht, daß wir ihn nur wenige Tage später hinaustragen und in das von der Gemeinde ihm gewidmete Ehrengrab betten werden! Doch nur seinen Körper haben wir ins Grab gesenkt — sein goldenes Herz findet in unser aller Herzen ein Ehrengrab inap "rraca. Keiner von uns wird ihm dieses Ehrengrab verweigern. Schon im Elternhause in Prag, wo er am 30. März 1840 geboren wurde, war Herzensgüte der Grundton. Jung an Jahren, verlor er seine Mutter — ich habe sie nicht gekannt. Sein Vater Daniel zeichnete sich durch innige Frömmigkeit und Gottvertrauen aus. Geduldig und gottergeben ertrug er sein Leiden. „Mir geht es, Gott sei Dank, sehr schlecht," pflegte er zu sagen. Ich sehe ihn im Geiste vor mir, die verkörperte Herzensgüte, das runde, volle Gesicht mit der schwarzeingefaßten, großen Brille, aus der zwei kluge Augen freundlich blickten. Bis an sein Lebensende war er der Schüler meines guten, seligen Vaters und besuchte auch dessen öffentliche Vorträge jeden Samstag in der alten Schönlaternsynagoge. „Mein Zaddik", dies war der Kosename für seinen Gustav. In bezug auf Zedakah verdiente er auch voll und ganz diese Bezeichnung. Gar mancher Zaddik hätte bei Naftali Herz Kohn ein Praktikum in Hilchoth Zedakah absolvieren können. Wer kann die Reihe jener Wankenden, die er gestützt, anführen, wer zählt die „verlorenen Menschen", die er aufgerichtet, die Witwen und Waisen, denen er Berater und Vater gewesen? Daß auch mancher Unwürdige zu seinen Schützlingen zählte,^ ist wohl selbstverständlich. Konnte Gustav 'Kohn doch keinem nein sagen. Ideal in seinem Denken, Streben und Fühlen, vergaß er, daß zum Handeln Realismus nötig sei. Realist war er nie, und das Herz, die Quelle seiner guten Taten, war auch der Ursprung seiner Fehler. i i Hui die Kriegsanleihe zu zeichnen, ist heilige Pflicht jedes treuen Juden in Oesterreich!