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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-17 · 38 (17.9.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
38 (17.9.1915)
Date
1915-09-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Lcm 698 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 38 Wagen sind Polizisten aufgestellt, damit niemand auch nur wagt, den Wagen zu verlassen. Da erscheint an einem kleinen Fensterchen eine Mutter mit verzerrtem Gesicht, wilden tollen Augen und wirrem Haar und stößt einen herzzerreißenden Schrei aus : „Juden, mein Kind stirbt!" Ein paar Studenten haben sich an den bewachenden Polizisten herangemacht und versuchen die Herausgabe des kranken Kindes zu bewirken. Für zwei Rubel ist es ihnen gelungen, die Einwilligung des Gendarmen zu erhalten. Die halbtolle Mutter war anfangs unschlüssig. Bald jedoch, als wäre chr auf einmal klar geworden, daß alle Juden eine, einzige Familie bilden, und sie das Kind eigentlich" verwandten anvertraut, entschloß sie sich und übergab den Studenten den 6 jährigen fiebernden und erschrockenen Jungen, dessen Augen zu fragen schienen: weshalb? Die Studenten hüllten den Knaben in einen Ueberzieher ein und begaben sich in aller Eile nach dem Spital. Zum Unglück bemerkte es ein anderer Polizist und schlug Lärm. Mit dem ihnen anvertrauten Heiligtum suchten sie sich zu verbergen. Es gelang ihnen nicht zu entfliehen, das kranke Kind wurde ihren Armen gewalttätig entrissen und der Mutter in den Wagen zurückgeschleudert. . . . Wer sind denn diese Menschen, die man wie Aussätzige im Mittelalter von Stadt zu Stadt jagt und denen man nirgends erlaubt, Halt zu machen? Das sind die aus Polen, Galizien, Kurland, aus den Gouvernements Kowno, Grodno, Suwalki und Lomscha verbannten Juden, nicht weniger als f i e b e n hunderttausend Seelen! Das sind unsere Verwandten; jeder von uns hat dort einen Vater oder Mutter, Kinder oder Freund. Und hätte das gütige Schicksal uns vor. Jahren, vor fünf oder zehn Jahren nicht hierher, nach dem freien Amerika verpflanzt, wir wären selbst unter denjenigen, die die rohe Gewalt mit eisernem Besen über die Welt dahinjagt. Es wäre vielleicht unser Kind, das der russische Gendarm der Mutter zurückwarf. Wir wären .es, die jetzt auf den Feldern lagern und uns nach der Hilfe der amerikanischen Freunde umschauen, wie die Verbannten es nun tun. Undwastunwir? Die russischen Juden, über die das Unglück hereinbrach, haben sich auch, nicht für einen Augenblick der Verzweiflung hingegeben. Mit stählerner Kraft stehen sie bereit, einander zu helfen. Ueberall haben sich die Juden bereit erklärt, Heimatlose aufzunehmen und für sie zu Morgen. Sogar die kleinsten Gemeinden nehmen die ihnen Zugewiesenen und teilen sich mit ihnen in das letzte Stück Brot. Die Gemeinde Riga, welche 30.000 Juden zählt, hat 45.000 Flüchtlingen Gastfreundschaft gewährt. Das will bedeuten: jeder Jude mußte in seiner Wohnung eine ganze jüdische Familie unterbringen und aush alten. Die Petersburger Gemeinde hat einen Betrag von einer Million Rubel, die allein für die Ueberfahrt der Ausgewiesenen erforderlich war, innerhalb einiger Stunden aufgebracht. Die gewaltigen Summen, die für den Unterhalt von 700.000 Menschen nötig sind und sich auf Zehntausende pro Tag belaufen, haben vorläufig die russischen Juden allein gesammelt; sie haben am eigenen letzten Bissen gespart und gegeben. Die Tätigkeit des Petersburger Jüdischen Hilfskomitees und die Namen der Herren Gloisberg und Kreinin werden für alle Ewigkeit als Volkshelden in Erinnerung des jüdischen Volkes und seiner Geschichte bleiben. Nur wir, amerikanische Juden, denen das Schicksal so günstig war, und die wir uns schon vor Jahren von dort retten konnten, Mütter und Väter, Brüder und Schwestern jedoch zurückließen; nur wir, die wir unsere Kinder so erzogen haben, daß sie unseren jüdischen Schmerz gar nicht begreifen können, und denen das jüdische Unglück als etwas Komisches erscheint — nur wir erlaubten uns, zu verzweifeln. Wir sagten uns: das Unglück ist so groß, daß wir außerstande sind zu helfen, imd haben großmütig eine halbe Million gegeben, einen Beitrag, den die russischen Juden jeden Monat, jede Woche aufbringen, — und ließen die Hände sinken. So sieht die Hilfe des reichen amerikanischen Onkels aus. Die russischen Juden durften sich jedoch den Luxus der Verzweiflung nicht gestatten. Sie haben alle ihre Kräfte züsammengefaßt und beschlossen, sich selbst 'zu besteuern. Sie bestimmten, daß alle Juden, die sich ihrer Zugehörigkeit zu der gequälten, gber edlen, zu Stolz berechtigten Nation bewußt sind, für die die Zugehörigkeit zum Judentum nicht nur ein Unglück ist, sich verpflichten müssen, eine Kopfsteuer zu entrichten, um ihren Volksgenossen in dieser schrecklichen Zeit zu Hilfe zu kommen. Keine Steuerbeamten und Polizisten werden zum Eintreiben dieser Kopfsteuer entsandt. Für die Nichteinzahlung werden kein Bettzeug oder Messingleuchter versteigert. Wer jeder Jude, der einen Zusammenhang mit dem Judentum füchlt, fühlt sich verpflichtet, etwas zugunsten der Nation zu tun und freiwillig seine Kopfsteuer zu bringen — nur weil er Jude ist. Dem Beispiele Moskaus folgten Petersburg und Warschau und" fast alle anderen Städte sind im Begriff, dasselbe zu tun. Und warum sollen wir, die wir uns als Juden fühlen und in glücklicheren Verhältnissen leben, uns nicht auch besteuern? Warum sollen wir uns nicht mit dem ganzen jüdischen Volke solidarisch erklären,, in dieser Zeit des größten jüdischen Unglücks? Je weiter die Besetzung Polens und Rußlands durch die deutsche Armee vor sich geht, desto mehr jüdische Städte und Städtchen werden verwüstet. Denn die russische Regierung scheint die Verteidigungstaktik angenommen zu haben, welche sie Napoleon gegenüber im Jahre 1812 angewendet hat, — damit der eindringende Feind keine Siedlungen und keine Bevölkerung vorfindet. Wer diesmal vernichtet Rußland nicht seine eigenen, sondern nur polnische, litauische und jüdische Städte, und je weiter die deutschen Armeen in' /Polen und Litauen eindringen, desto größere Opfer werden von der jüdischen Bevölkerung gebracht werden müssen. Warum also sollen wir, die wir uns' unter den: ruhigen, amerikanischen Himmel aufhalten, uns nicht freiwillig besteuern, um die jüdische Not zu lindern? Aber nicht um der Unglücklichen willen allein, nein, auch unseretwegen muß es geschehen! Man möchte in den Straßen laut aufschreien; es drängt uns, etwas zu tun. Man möchte sich selbst zeigen, daß' man unruhig sei, daß man zu irgend einer Gruppe gehört, daß wir das Stöhnen des Nächsten vernehmen! Mag das Selbstbesteuern nur als Symbol gelten, wir wollen die Kopfsteuer zahlen, jeder seinen Vermögensverhältnissen entsprechend! Ich weiß, mein Ruf wird in den Kreisen der reichen amerikanischen Juden keinen Wiederhall finden. Sie lesen keine jüdischen Zeitungen. Ich Muß mich an die Armen wenden, an diejenigen, die ohnedies schon über ihre Kräfte air der Sache teilnehmen. Mögen die Armen die Reichen beschämen. Die berühmte jüdische Barmherzigkeit hat schon seit jeher auf dem Mann aus dem Volke geruht. Mögen zuerst die Armen auftreten und durch ihre Handlungen und Taten die Reichen zur Nachahmung zwingen. Schalom Asch.

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