Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 37 (10.9.1915)
- Date
- 1915-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 690 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 37 nicht. Auch sie, unsere Armen, sahen vor sich das heißersehnte Land, aber wie sollten sie hinüber? Die Sonne senkte sich schon, als der kommandierende Offizier ihnen erklärte, sie seien hinter der russischen Front. Ein kurzer militärischer Abschiedsgruß, und er war nicht mehr. Russische Gendarmen und Kosaken blieben zur Bewachung mit ihnen zurück; vor ihnen aber lag das so nahe, so heißersehnte Kaiserland, ihr Land., Die Aeltesten hielten kurzen Rat und beschlossen, die Nacht durchzuwarten, mit Ankunft des Morgens aber Parlamentäre zu den Unseren zu schicken. De r Moskowitern wars so recht. Bald sollte auch der Grund des Verhaltens der Kosaken und Gendarmen klar werden. Als sich die Ahendschatten niedersenkten, begännet: die Hüter der Ordnung und des Rechtes ihr Werk. Wer die Moral und Disziplin dieser Truppen auch nur flüchtig erkannt hat, wird wohl erraten, worin es bestand. Sie begannen zu rauben. Zuerst wurden die Bündel gründlich untersucht, was ihnen noch brauchbar war, wie Stiefeln, Wäsche oder sonstiges Zeug, wurde abgenommen. Ja selbst Gebetriemen und Gebettücher wurden nicht verschmäht, dann begann die Suche nach Bargeld. Die Kleider wurden aufgerissen, die Hüte zerschnitten, die Schuhe und Pantoffeln, welche ohnehin durchlöchert waren, zerstochen und manchen wurden sogar die letzten Hemden vom Leibe gerissen. Als die Jüngeren aus der Gruppe der Deportierten zu protestieren begannen, beschwichtigten sie die Kosaken mit folgenden Worten: „Schreit nicht, die Oesterreicher werden glauben, daß wir einen Nachtangriff planen und werden euch alle niederschießen." Das Argument war gut gewählt und verfehlte auch nicht seine Wirkung; übrigens war angesichts der scharf geladenen, wenn auch sonst schlecht zielenden Rusfengewehre jeder Protest nutzlos. So blieb denn den Unglücklichen nichts anderes übrig, als sich ruhig die letzten Habseligkeiten abnehmen zu lassen. Nach getaner Arbeit zogen sich die Kosaken und Soldaten zurück. Es war Mitternacht. Ein heller, heiterer Himmel von Sterilen dicht besät, ringsum herrschte Stille, nur Zurufe der fernen Patrouillen und leise Seufzer der müden und beraubten Flüchtlinge zitterten durch diese heilige Nacht der Hoffnung. Doch auf einmal da begann es von allen Seiten zu knistern und zu prasseln, von vorne und rückwärts. Ein Kugelregen. Man kann sich die Verzweiflung der ohnehin zu Tode gehetzten Deportierten denken. Nein, es ist kein Roman, keine Phantasie, was wir hier erzählen; 80 jährige Greise erzählten es unter Tränen dem Generalstabshauptmann, der nicht ohne Grauen dieser schauervollen Erzählung zuhören konnte. „Aber Gott wachte über uns," fügte der Rabbiner Ziff hinzu. In der Nähe waren Schützengräben, noch im August vergangenen Jahres von den Unsrigen errichtet, dorthin flüchteten sie sich also vor dem Heuer. Soviel haben sie schon vom Kriege gelernt, daß sie die Bedeutung der Schützengräben erkannten. Ernstliche Wunden trug keiner davon. Wie lange das Schießen dauerte, weiß keiner zu sagen. In Angst und Not entging ihnen das Bewußtsein der Zeit. Als der Morgen graute, eilten zwei junge Parlamentäre den Unsrigen entgegen. Die Verständigung war bald erzielt, und noch am selben Frühmorgen betraten die schwergeprüften Männer den heißersehnten österreichischen Boden. Nach einer längeren Ruhepause, die ihnen von den Unsrigen gegönnt wurde, und nach Entgegennahme von zureichenden Labsalen, wurden sie hierher mit der Bahn befördert. Die Militärbehörden kommen ihnen tunlichst entgegen, aber angesichts der im Lande herrschenden sanitären Verhältnisse müssen sie Quarantäne durchmachen, aber was bedeuten die Unbequemlichkeiten einer Quarantäne gegenüber jener schrecklichen Qual und Marter, an welche sie sich während der vielmonatigen Gefangenschaft gewöhnen mußten. Nach wenigen Tagen werden sie alle im Kreise ihrer Familie ihre Erlebnisse erzählen, Erlebnisse, welche fürs ganze Leben ihnen in Erinnerung bleiben werden, und in ihren täglichen Gebeten werden sie sicherlich mit besonderer Innigkeit jenes Gebet sagen, welches in die bedeutungsvollen Worte ausklingt: „Gelobt seiest Du Ewiger unser Gott, welcher die Toten belebt." Denn in der Tat sind all die Deportierten, welche wir sprachen und sahen, von dem Eindrücke beherrscht, daß sie nicht nur aus dem Jenseits, sondern aus der Hölle zurückgekehrt sind, aus der russischen Hölle, gegenüber welcher all die schrecklichen Bilder der danteischen Unterwelt verblassen müssen. Was Grottger auf Leinwand hat beschrieben und was Kenan in seinen Büchern erzählt, verspüren zu Hunderttausenden unsere Glaubensgenossen unter der Knute der russischen Peiniger. Wer's hören und sehen will, komme in die Baracken am Janowerplatz und höre nur zu den Juden aus Tlumacz und Behorodczany, ihren Erzählungen aus der Leidenszeit in der russischen Hölle. Dr. Berard Hausner. gftttwitt*. Ungarisch-Jüdisches Museum und Kriegsarchiv. In den nächsten Tagen wird das Ungarisch-Jüdische Museum, welches von dem Ungarischen Israelitischen Literaturverein gestiftet wurde, der Oeffentlichkeit übergeben. Welch wertvolles Material das Museum während eingen Jahren zusammengebracht hat, zeigt uns die neueste Nummer der von Dr. Josef Patai redigierten Zeitschrift „Mult es Jöv ö", welche ihre jüngste Nummer ganz dem Ungarisch-Jüdischen Museum und Kriegsarchio gewidmet hat. Der Gründer des Museums, kgl. Tat Dr. F. M e z e y, der Kustos des Museums Dr. B. Fab o, ferner die Mitglieder des Museumrates, die Professoren Dr. KohIbach, Dr. .Mar Weiß und Dr. Mandel würdigen in je einem Artikel die verschiedenen Sammlungen des neuen Museums, aus welchem die wertvollsten Gegenstände in zirka 50 künstlerischen Reproduktionen des „Mult es Jövö" dem Publikum vorgeführt werden. Eine sehr wertvolle Abteilung des Museums ist das Ungarisch-Jüdische Kriegsarchiv, welches durch die lebhafte Agitation des „Mult es Jövö" hervorgerufen worden ist und an dessen Spitze der Generaldirektor Ludwig Polnay von Tiszasüly und Redakteur Dr. Josef Patai stehen. An der Stiftung des Kriegsarchivs haben sich die Vornehmsten der ungarisch-jüdischen Gesellschaft, unter ihnen der Staatssekretär Dr. V a d a s z, Feldmarfchalleutnant Ritter von Schweizer, die Barone K o h n e r, D i r st a y und Kornfeld, Kurialrichter Dr. F o d o r, die llniversitätsprofessoren Dr. M arczali, Dr. Alexander und Dr. Banoczy, der Ministerialrat Dr. F e h e r usw. beteiligt. Das Material des jüdischen Kriegsarchivs wird durch die Redaktion des „Mult es Jövö" (Budapest, Podmaniczky-utca 6) gesammelt und bearbeitet, wohin alle diesbezüglichen Sendungen zu richten sind. Jung-Judä. — Prag. Nr. 14. 1915. Ein teures Familienmitglied wird zu Grabe getragen. Der „Chasan" tritt an den Sarg und trägt die Trauergebete vor, in der ergreifenden Melodie, die der Altmeister Sulzer geschaffen. Der Herausgeber unseres genannten Andachlsbuches, der fast drei Dezennien unter den hervorragendsten Oberkantoren, als Mitglied des Tempelchores wirkt, hat mit kluger Fachkenntnis alle einschlägigen Gebete, aber auch die dazugehörigen Melodien genau nach dem „Schir-Zion" von Sulzer in schöner Notenschrift mit einem wohlgetroffenen Bilde des Altmeisters und dessen faksimilierter Unterschrift übersichtlich und in geordneter Reihenfolge gebracht. Jede „Chewra Kadischa" und deren Mitglieder, aber auch jeder Kantor soll sich in den Besitz dieser schön ausgestatteten Agende setzen. Druck und Ausführung sind tadellos und verbürgen diesem . Buche eine allgemeine Verbreitung. S. Samuel, Bibel und Heldentum. Berlin 1915, Louis Lamm. Mk. 1.—. Fünf Kriegsvorlesungen, die der Verfasser in den Akademischen Kursen zu Essen im verflossenen Wintersemester gehalten hat und die bekannte Gegenstände in neuer lehrreicher Beleuchtung bieten. 149, 6 u. a. bemerkenswert die „Erinnerung", S. 51, datz Psalm 149,6 der Lieblingsvers Bismarcks war.