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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-10 · 37 (10.9.1915) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
37 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 689 Feuilleton. Aus der russischen Hölle. Lemberg, 27. August 1915. Am 23. August d. I. wurde dem hiesigen Rettungskomitee mitgeteilt, daß einige Hundert Juden, welche von den Russen verschleppt worden waren, nach Lemberg zurückkamen und sich gegenwärtig in den Baracken anl Janowerplatz aufhalten. Dank der Liebenswürdigkeit und besonderen Zuvorkommenheit Des 'hiesigen Stadtkommandos erhielt ich sofort eine schriftliche Erlaubnis, mich in die Baracken zu begeben. Ein zur Verfügung gestelltes militärisches Auto führte mich direkt auf den Sammelplatz „der unglücklichen jüdischen Familien". Ich traf .sie in zwei Gruppen eingeteilt, die in zwei benachbarten Baracken untergebracht wurden. Die erste aus 227, die zweite aus 200 Personen bestehend. Unter den Anwesenden bemerkte ich viele Bekannte, Männer von Stellung, so den Rabbiner Ziff, Direktor Uhrmann, den Advokaten Dr. Salat, den Lehrer Sternberg, Falik und mehrere andere. Die Deportierten sind größtenteils aus der Umgebung von Stall islau, und zwar aus Tlumacz, Bohordczauy, Lysiec und Zwiniacz. Der Eindruck, welchen die Bejammernswerten machen, ist ein schrecklicher, jedoch erfaßt einen erst das rechte Grauen, wenn man zuhört, was diese Unglücklichen erzählen. Hören wir! Am 21. März d. I. ließ der russische Kommandant in Lysiec ankündigen, daß er den Juden eine wichtige Mitteilung zu machen habe; binnen einer Stunde hätten sich alle Männer vom 15. bis zum 80. Lebensjahre vor feinem Hause zu versammeln. Als sie vor dem Allgewaltigen erschienen, hielt er an sie folgende wortgetreue Ansprache: „An dem Kriege seid ihr schuldig, ihr (ausgerechnet die Juden aus Lysiec!) habet eurem und dem deutschen Kaiser Geld zur Führung des Krieges geliehen. Ueberdies seid ihr alle österreichische Spione, die Stellungen unserer Artillerie habt ihr nach Aussagen unserer glaubwürdigen Zeugen den Oesterreichern verraten, russische Deserteure finden bei euch Schutz, ihr habet verborgene Telephone, um die Oesterreicher von allen unseren Bewegungen zu verständigen, was habt ihr zu eurer Verteidigung?" Nach einer kurzen Auseinandersetzung übergab er alle Versammelten den paratstehenden Kosaken zur weiteren Amtshandlung. Frauen und Kinder drängten sich an den Haufen heran, um ihre Väter, Männer und Brüder noch einmal zu sehen, zu sprechen, um Abschied zu nehmen. Doch die Weiber wurden mit.Nagaikahieben und Kolbenstößen zurückgedrängt, Knaben hingegen wurden in den Kreis hineingelassen und behalten. Sogleich ging es in den Kerker. Alle Männer aus Lysiec blieben da vier Tage ohne Verhör, ohne Brot. Durch die Gitter warfen ihnen einzelne Soldaten für teures Geld einige Laib Brot hinein. Nach vier Tagen wurden alle Verhafteten — es waren dieses alle Männlichen aus Lysiec von 8 bis 80 Jahren — unter Kosakenbedeckung nach Haliez abgeschickt. Sie mußten den Weg unter den denkbarsten Beschwerden und Entbehrungen zu Fuß machen. Als sie sich darob beim russischen Etappenkommandanten beschwerten, gab er ihnen eine Antwort, in welcher sich ganz klar der Geist der „Pioniere der Freiheit" gegen die deutsche Barbarei wiederspiegelt: ..Klo nie moze ity neliaj zdechaje. sobaki ho zaharijnt“ ( ,Wer nicht gehen kann, kreviere. die Hunde werden ihn schon verscharren"). Wessen sollte man sich von einfachen Soldaten und Kosaken versehen, wenn der Kommandant selbst eine solche Antwort gab? In Halicz angelangt, wurden die Deportierten in einem Stall eingesperrt, eine Woche bei Brot und Wasser gehalten, um nachher nach Brzezany gebracht zu werden und von dannen ging es nach einer kurzen Ruhepause nach Zloczow. Dort fanden sie schon mehrere Hundert Leidensgenossen aus anderen Städten vor, und Ende April wurde die gesamte jüdische Bevölkerung, welche aus Tlumacz verschleppt wurde, nach Zloczow gebracht, so daß sich zu Beginn des Monates Mai in Zloczow allein gegen 2000 deportierte Juden befanden. Das jüdische Rettungskomitee in Lemberg unterhielt in Zloczow für die Deportierten eine eigene Volksküche und Teeanstalt, und zu Ehren der jüdischen Bevölkerung )in Zloczow sei gesagt, daß dieselbe nach Tunlichkeit helfend mittat. Daß aber trotzdem das Los der Deportierten ein sehr bedauernswertes war, ist selbstverständlich. Sie wandten sich daher sehr oft an den russischen Kommandanten mit der Bitte, er möchte sie entweder in die Heimat zurückschicken oder in andere Städte verteilen, damit sie nicht alle in einer verarmten Stadt zusammengepfercht bleiben. Doch alles Bitten lvar vergebens. Erst am 16. August d. I. sollte der Hilferuf der zu Tode erschöpften armen Leute erhört werden. An diesem Tage ließ der Kommandant die Vertreter der „Verschleppten" zu sich rufen und eröffnete ihnen, daß sie noch heute im Laufe einer Stunde zu den Oesterreichern über die Feuerliuie abgeschoben würden. Was den Kommandanten von Zloczow zu dieser Lat beeinflußt haben mochte, ist nicht schwer zu erraten, wenn man bedenkt, baß die Russen fünf Millionen ihrer eigenen Flüchtlinge und Deportierte zu versorgen haben, wozu also noch frisch.' Lasten? Oder bedeutet am Ende diese Tat die Dämmerung jenes neuen Rußland, von dem man in Frankreich, besonders in sozialistischen Kreisen, so gerne faselt? Gleichviel, das Motiv war für die Armen gleichgiltig. Anfangs hielten sie das Versprechen des Kommandanten für einen Scherz. Doch bald tollte sich ihr Traum verwirklichen. In einer Stunde sollten sie mit verbundenen Augen durch die russische Position zu den „Ihrigen" abgeschoben werden. Mit verbundenen Augen. Sollte ihnen das nicht ihre Freude in Trauer verwandeln? Die Armen, sie hatten Recht genug, um den Moskowitern nicht zu trauen. Am Ende sollten sie gar statt zu den Ihrigen, nach denen sie sich so sehnten, auf den Exekutionsplatz geführt werden? Doch wie dem sei, die Entscheidung fällt, Leben, zusammen mit deuSeinigen, oder der Tod. Selbst auf diese letzte Eventualität waren sie jetzt gefaßter, denn sonst. Allerhand Leiden unter dem moskowitischen Joch, unter Erniedrigung und unausgesetzter Pein hatten dem Tode die üblichen Schrecken genommen. Sie traten nun in Reihe und Glied, ließen sich die Augen verbinden und warteten. So mancher machte kurze Rechnung mit Gott und seinem Gewissen. Ein Kommandoruf,' und die Gruppe setzte sich in Bewegung. Aus so manchem zugebundenen Auge entquoll eine Träne. War es eine Hoffnungsträne oder der letzte stumme Abschiedsgruß vom Leben. Nach langem beschwerlichen Wege wieder ein kurzer Kommandoruf, und die Gruppe hielt. Die Augenbinden wurden abgenommen und siehe da: die Hügel von G. waren vor ihnen und dort oben die Unsrigen - die zierlichen Grau-blauen waren mit dem bloßen Auge zu erkennen. Mochten da die bibelfesten Bürger — und solche sind sie alle — nicht sogleich an Moses und das gelobte Land denken? Di? Analogie lag zu nahe. Vom kahlen Berge Nebo sah der große Führer das in Grün getauchte Land, doch betreten sollte er das

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