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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-09-10 · 37 (10.9.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
37 (10.9.1915)
Date
1915-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 678 Dr. Bloch's Wochenschrift 'Jtr. 37 Wir haben solange nicht die Zeit, bis die Zeit uns hat. Sie faßt uns dann mit eiserner Faust und hält uns fest ohn' Entrinnen. So erging es uns im nunmehr verflossenen Jahre. Wer, der dieses Jahr überdauerte, vermag noch zu sagen, er habe keine Zeit, habe Wichtigeres zu tun, als über Ziel und Sinn des Daseins nachzudenken? Dieses eine Jahr war stärker als all unser kleinliches Zagen, Hasten und Treiben, das uns sonst den Atem der inneren Menschen benahm. Zusammengebrochen sind all die philiströsen Bedachtsamkecken und Berechnungen, die mit Zeit und Muße getrieben wurden, biese Engherzigkeiten der heiligen Selbstsucht. „Du bist nichts mit deinem kleinlichen Eigenwollen," donnerte es dem Individuum Mensch entgegen, „sieh, die eherne diotwendigkeit großer Ziele schreitet vernichtend über dich hinweg, du mußt Zeit haben, wenn das Geschick, das sich erfüllen soll, es will, und bist du nicht willig, so brauch, ich Gewalt." Ein Jahr bloß, doch seht, was alles da der Mensch umlernen mußte, welch ungeheuere Wertverschiebung, Umwälzung und Umgestaltung! Man hat sonst, wenn der Neujahrstag kam, sich nicht viel darüber abgehärmt, wie man der Forderung des Tages, die Tefchuwoh, Tefiloh Uzdokoh heißt. Buße. Gebet und Wohltun gerecht werde. Aber all das, das dies heute scheidende Jahr aller Jahre gebracht, was ist es im Grunde anderes als die alte Forderung der „ehrfurchtsvollen" Zeit: Schuwu bneh odom „kehret um, o Menschenkinder!"? Wer hätte noch vor kurzem gedacht, daß einmal im überausgeklärten zwanzigsten Jahrhundert ein Neujahrstag kommen könnte, der uns so handgreiflich und deutlich die Tefchuwoh, die Umkehr, vor Augen halten werde! Was wir aus uns selbst heraus nicht wollten, woran wir gar nie dachten, zurückzukehren zu den einfachen Aufgaben unseres Menschentums, die die Religion in ihrer schlichten, anschaulichen Weise uns seit jeher kündet, das zwingt uns jetzt die Zeit als selbstverständliche Verpflichtung auf. Gerne oder nicht gerne müssen wir nun ein Jahr lang schon Tefchuwoh tun. Ja, traurig aber wahr, der Krieg mußte erst kommen, um die Menschenkinder auf ihre ursprüngliche, natürliche Bestimmung hinzuweisen, sie wiederum zu Gott hinzulenken, und so wird denn vielleicht diesmal doch das heilige Fest an keinem von uns vorbeiziehen, ohne nachdenklich zu stimmen, ohne aufzurütteln. Der Schofarruf wird Heuer vielleicht doch eher als sonst so manchem Gleichgiltigen einen Ruck geben, der zur Besinnung fährt, auf die Aufgaben als Mensch; und Jude - laut aufmerksam macht. Im erhabenen Gebete „Unsfane tokef" des Gaon Rabbi Amnon, das wir am Neujahrs- und Versöhnungstage im feierlichsten Augenblicke verrichten, heißt es: „Die große Posaune wird geblasen und eine leise säuselnde Stimme wird gehört. Und die Engel erbeben, Angst und Schrecken ergreift sie und sie sprechen: Siehe da, der Tag des Gerichts!" Wenn die große Posaune, d. h. stark und viel geblasen wird, so könnte man fragen, wie kommt es, daß nur eine leise, säuselnde Stimme gehört wird. Und andererseits, wenn nur eine leise säuselnde Stimme vernehmbar ist, warum erschrecken, erbeben und erzittern die Engel? Zwar könnte es fein, daß der Dichter hier auf Könige, Kap. 19, Vers 12 anspielt, auf das Erlebnis Elias am Horeb, da die Gottheit sich ihm in der Stimme eines leisen, sanften Säuselns kundgab. Allein die GebeLstelle läßt auch noch eine andere Erklärung zu, und zwar will sie sagen: Wohl wird auf der großen Posaune stark und viel geblasen; wohl erklingt des Schofars weckender und mahnender Ruf laut und vernehmlich, aber die, denen er gilt, die Menschen. die er auftüttetn soll, verschließen sich seinem Schalle und hören nur eine leise, säuselnde Stimme, die sie kalt läßt und wenig berührt. Darüber erschrecken die Engel, die Schutzgeister und Fürsprecher der Menschheit, sie erbeben und erzittern ob 0er Dumpfen Lethargie ihrer Schutzbefohlenen und voll Entsetzen rufen sie vorwurfsvoll den Erdenkindern zu: „Seht doch da, der Tag des Gerichts!" Dieses Bild trifft jedoch nur für sonst zu. Heuer verhält es sich umgekehrt. Ubaschofar kotaun jitokah, geblasen wird nur im verkleinerten, verringerten Maße. Tausende, die sonst die gottbefohlenen Heiligen Töne erschallen ließen, sind nicht mehr, ungezählte Gotteshäuser sind zerstört, viele Gemeinden vernichtet, Millionen schmachten in oen Schützengräben und bangen in der Feuerlinie, gehetzt und gepeinigt, verjagt und vertrieben irren im grauenvollen Osten Scharen unserer Brüder wie aufgescheuchtes Wild umher. Ja verringert hat sich die lebende Zahl des Scheeris Jisroel, die Posaune ist klein geworden, des Bläsers Stimme schwach. Aber dennoch wird eine starke übermannende Stimme vernommen, die an unser jüdisches Gewissen rüttelt. Sie kommt aus den kalten Gräbern unserer gefallenen Helden, unserer unschuldigen Märtyrer, aus den bitteren Exilen der Heimatlosen, gus den entbehrungsreichen Standorten der für unsere Ehre Blutenden. Eine gewaltige Stimme, „die Berge zerreißend und die Felsen zerschmetternd", übertönt sie den ehernen Donner der Geschütze. Es ist der jüdische Schofarruf der Zeit, der nach Beachtung und Beherzigung schreck, der -ms oeichwört, dies große Gotteswalten zu erkennen, die Zeichen des großen Geschehens zu verstehen und uns endlich, endlich auf unser Judentum zu besinnen, zu erneuern 'oen Treuschwur für unseren in tausend Weltenbränden erprobten Väterglauben. ...Juden, jüdische Zeitgenossen, Brüder und Schwestern! Die Kedoschim, die heiligen Verklärten, die dieses Jahr gefordert, die brechenden Auges, mit dem Seufzer Schemah Jisroel auf den Lippen hinübergeschlummert sind oder auf dem Wege dahin sich befinden, flehen euch an, laßt, den heurigen Rosch-Haschonoh nicht unbeherzigt vorüberziehen! Soll denn die gewaltige Zeit für alle Völker und Nationen eine nutzvolle Mahn- und Lehrzeit sein, eine Läuterung und Reinigung hervorgebracht haben, und nur für uns nicht? Darf es nach den Erlebnissen dieses Jahres noch Juden geben, die schmählich ihren Väterglauben von sich werfen? Dürfen noch Brüder existieren, denen alles andere, nur nicht ihr Judentum schär: und gut erscheint? Sollen sich noch immer Abrahamskinder finden, die sich in Frevelmut über die frommen Vätersitten hinwegsetzen, noch Jakobsöhne, die in zynischer Gleichgiltigkeit verkennen, daß ihr höchster Lebenssinn und -Zweck ist, das Judentum zu bekennen und zu erhalten? Wir wären dieser Zeit nicht würdig, wenn wir nicht den Mut und die Kraft aufbrächten, unsere Glaubensstärke zu regenerieren, unsere Kultur und unser Volkstum zu stärken. Wer sich jetzt nicht stark erweist, geht erbarmungslos unter und wir dürfen, können und wollen nicht untergehen. Unsere Helden draußen auf den Schlachtfeldern sorgen ja gewissermaßen für ein kommendes, starkes, selbstgefestigtes Judentum. Wer nicht daran allein ist es gelegen. Auch daheim bedürfen wir der Helden. In der . Gemeinde, in der Politik, im Gotteshause, in der Schule, in der Familie, im Auftreten nach innen und nach außen, im 'Handel und Wandel. Das' Vaterland allein, dem wir treu und ehrlich unser Bestes gaben, kann uns, bei allem guten Willen, nicht helfen. Mlein müssen wir uns erst selbst finden. Ein schattenhaftes Judentum hat keinen Anspruch auf vollwertige Aner-

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