Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 36 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 658 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 36 keine Wirkung üben. Und wer kann sagen, welchen Eindruck es machen würde, wenn heute das jüdische Volk in allen Ländern zugleich, inmitten der Ausbrüche tollen Hasses und wüster gegenseitiger Beschimpfungen die Stimme der Gerechtigkeu vernehmen lassen, den Predigern der Wut, Gewalt und Rache die Botschaft der Nächstenliebe und Brüderlichkeit entgegensetzen, im allgemeinen Wahnsinn das Beispiel der Vernunft, in der Tobsucht das der Gelassenheit geben, die volksvergiftenden Lügen durch die objektive Wahrheit berichtigen, die menschliche Gesittung und Gemeinschaft gegen wilde ,Zerstörungsanschläge beschützen würde? Die Völker würden sich vielleicht auf sich vesinnen, wie von einem, bösen Traum erwachen, ihre Verhexung abschütteln, zur gesunden Vernunft zurückkehren. Doch das i|t ein Traum, und es hätte keinen Zweck, chn weiter zu träumen. Wir haben Dringenderes und Nützlicheres zu tun. Die Hoffnung ist wohl gestattet, daß das jüdische Volk aus seinen unsäglichen Leiden und Demütigungen im gegenwärtigen Krieg die richtige Lehre ziehen, daß es sich bemühen wird, einer Wieoerholung ähnlicher Heimsuchungen vorzubeugen. Es muß sich wieder zu einem Volke zusammenschließen, um sein Leben, seine Ehre, seine heiligsten sittlichen Güter, seine sachlichen Interessen zu verteidigen. Wenn innerer Drang es nicht zu diesem Entschluß führt, so tut das vielleicht das Beispiel aller anderen Völker, auch weit kleinerer und schwächerer als das jüdische, die schon im Schlachtengetümmel ihre Ansprüche ann.elden und sich vorbereiten, sie nach dem Abschluß des Krieges mit größtem Nachdruck zu vertreten. Bei den Friedensverhandkungen darf das jüdische Volk nicht fehlen. Es muß auch seinen Platz unter denen fordern, die um den grünen Tisch des Frieden skongresses sitzen oder hinter den Stühlen der Bevollmächtigten stehen werden. Und die jüdische Vertretung soll nicht mit krummen Rücken unterwürfig lispeln, sie soll sich stramm halten und laut sprechen. Sie soll die Spreche sprechen, die man auf einer Konferenz der Abgesandten europäischer Regierungen versteht. Keine Abstraktionen. Keine Sentimentalitäten. Keine Hinweise auf die Geschichte, auf erlittene Leiden. Keine Anrufung edler Gefühle, der Menschlichkeit usw. Nichts als harte, konkrete Tatsachen, die Hörirer und Zähne haben. Sie soll geltend machen, was wir sind und was wir können; unsere zwölf Millionen Seelen, unsere wirtschaftliche Bedeutung, unsere Geldmacht, unsere geistige Begabung, unsere Bildung, unsere Energie und Zähigkeit. All diese Machtmittel sollen die begünstigen, die uns Wohlwollen. Die uns aber feind sind, sollen sie immer und überall auf ihren Wegen finden. Unsere Vertretung muß auf ein Programm festgelegt werden, das folgende drei Punkte enthält: 1. In allen Ländern, wo wir in geringer Zahl leben, volle Rechtsgleichheit für uns, nicht auf dem Papier, sondern in der Wirklichkeit; besteht sie amtlich, so folgt sie sehr bald sozial. Minister, Generäle, hohe Richter, Botschafter werden nicht lange von Salons und Gasthöfen boykottiert, auch wenn deren Tonangeber noch so beschränkt, rückständig und aufgeblasen sind. 2. Aeberall, wo wir ein a n s e h n l i ch e s, g e g l i edertesBevölkerungselement bilden. Anerkennung unserer Nationalität, sofern sie dies wünscht, und Ausdehnung aller politischen und kulturellen Zugeständnisse auf sie, die in dem betreffenden Staate jeder anderen bewußten, differenzierten und organisierten Nationalität gemacht wird. 3. Für die Juden, die unter sich national leben und nichts als Juden sein wollen, Palästina, das Heists das Recht der ungehinderten und unbeschränkten Einwanderung, Bodenerwerbung und Ansiedlnng mit innerer Selbstverwaltung unter der Regierung, die in dem Lande die territorialen Hoheitsrechte ausüben wird. Es ist notwendig, daß die jüdische Vertretung auf der Friedenskonferenz mit ausreichenden Geldmitteln ausgerüstet wird. Ich schätze ihr Erfordernis auf mindestens öOO.OOO Franken. Sie sott das Geld nicht gebrauchen, um mit geschmacklosem Aufwand zu protzen, oder sich unter der Hand Gefälligkeiten zu sichern. Das konnten die Durchlauchten und Erlauchten auf dem Wiener Kongreß tun, als es ans Mediatisieren ging. Das Beispiel dieser Hochadligen ist für uns nicht zur Nachahmung geeignet. Unsere Vertretung soll aber stattlich austreren können, und vor allem: fte sollen der Lage sein, zu zeigen, daß sie nicht aus Liebhabern ohne Vollmacht besteht, die es sich etwas kosten lassen, um ein wenig Diplomaten zu Spielen und sich in der Umgebung vonansehnlichen Persönlichkeiten wichtig zu machen, sondern daß sie sich aus Männern zusammensetzt, -die eineu Votksauftrag ersulten und hinter denen Massen stehen, die fähig und bereit sind, alle Mittel au,zubringen, deren sie bedürfen, um ihre Interessen mir Nachoruck und Würde wahrzunehmen. Zu dieser halben Million sollen die Juden aller Länder im Verhältnis zu ihrer Zahl und zu ihrer Leistungsfähigkeit beitragen. Mit dem Sammeln muß unverweilt begonnen weroen. In dieser Zeit des Rückfalls in alte und älteste Zustände, wo die Poftverbindungen so gut wie ganz unterdrückt sind, der Verkehr kaum noch besteht, die Zensur uns den Mund verschließt und die Feder aus der Hand reißt, kann die Propaganda eigentlich nur von Person zu Person stattfinden und hängt von den Zufällen des Zusammenseins und der Begegnungen ab. Soll sie zum Ziele führen, so darf man mit ihr nicht säumen. Liefert die Sammlung mehr als die erforderliche halbe Million und wird diese von ihrer unmittelbaren Bestimmung nicht erschöpft, so geht der Ueberfchuß nicht verloren. Er soll dann nach dem Kriege der zionistischen Leitung die regelrechte Wiederaufnahme des Betriebes der Organisation erleichtern. Die aufgebrachten Beträge wären zunächst in den Händen der Landesorganisationen zu vereinigen, um später dem internationalen Ausschuß überwiesen zu werden, der die Vertretung in aller Form zu bestellen und zu entsenden hätte. Die Einzelheiten wären später festzulegen. Hier seien nur die allgemeinen Richtlinien gezogen. Die Vertretung darf nicht allzu zahlreich sein; etwa fünf Männer, die ihren Vorsitzenden selbst zu wählen hätten, und einige Hllfskräfte für die Schreibarbeit. Sie müßte namhafte Juden aus jedem der großen kriegsführenden Länder in sich schließen, deren Stimme auf der Friedenskonferenz von Gewicht sein wird. Sie zu bezeichnen, werden alle großen jüdischen Organisationen ohne Einseitigkeit einzuladen sein. Lehnen einzelne von ihnen ab, an dem Werke teilzunehmen, dann umso schlimmer für sie? Das jüdische Volk wird nicht in Verlegenheit sein, Anwälte für seine Sache in seiner Mitte zu finden. Der Zionismus muß in der Vertretung einen breiten, doch, nicht den ganzen Platz einnehmen. Das letzte Wort für deren Ernennung wird jedenfalls der Stelle bleiben, die über die Mittel ihrer Ausrüstung verfügt. Das ist meines Erachtens zu dieser Stunde die Aufgabe der Zionisten. Wir müssen um jeden Preis unsere Organisationen erhalten, weil alle künftigen Entwicklungen der Judenheit nur von ihr ausgehen können, und wir müssen mit aller Energie materiell und moralisch die Aktion vorbereiten, die dem jüdischen Volke seinen Platz inmitten der anderen Völker und die Rechte einer freien, selbstbewußten und lebenskräftigen Volksindividualität sichern soll.