Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 35 (27.8.1915)
- Date
- 1915-08-27
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 654 Dr. Bloch's Wochenschrift Mi. 35 Olmütz. Besten Dank den Herren Offizieren und Einjährig-Freiwill-igen der Traindivision 1 in HatWrin Pur die ioisederum in liebenswürdiger Weife zur Verfügung gestellten Geldmittel zur Anschaffung religiöser Gebrauchsgegenstände für die israel. Mannschaft, insbefonders Herrn Oberleutnant Rf. Schulz, ferner Frau Oberleutnant Rf. Böhmer für die Anfertigung von Arba Kaufos für Soldaten, sowie Herrn Benjamin Herz in Wien für 10 neue Paar Gebetriemen. Dr. Sicher, Feldrabbiner für das Militärkommando Krakau in Olmütz. Wer weiß? Jungbunzlau, <den 24. August 1915. Löbliche Redaktion! Bei Ihrem auch in jüdisch-militärischen Kreisen stark verbreiteten Blatte dürste es Ihnen möglich sein, durch gütige Bekanntmachung dieser Zeilen mir über den Aufenthalt resp. über die Existenz meines Sohnes Erwin Singer, der anfangs März zum zweiten Male beim 54. Infanterieregiment (Olmütz), 3. Marschkompaznie, ins Feld gerückt ist und seit dieser Zeit, trotz allem Nachfragens meinerseits, keine Nachricht mir zukommen ließ, Anhaltspunkte über den Vermißten zu geben. Mit bestem Dank im vorhinein für erstattete Mühe, zeichne hochachtend Bened. Singer, Oberkantor in Iungbunzlau. Feuilleton. J« Lemberg unter der Rulsenherrschaft. Ich soll etwas von meinen Erlebnissen unter der zehnmonatlichen Russenherrschaft mitteilen, meinte der Redakteur, und nun sitze ich sinnend vor meinem Schreibpulte. Womit soll ich beginnen? Die bewegten Bilder dieser schweren Zeit gleiten an meinem geistigen Auge vorüber und in meiner Erinnerung taucht der 3. September des Jahres 1914 auf. Dunkle Gerüchte durchschwirren schon zwei Tage vorher die Stadt. Man ivollte es nicht glauben das Gräßliche, Unfaßbare, daß die Stadt genommen, daß man den Einmarsch der Russen tu Lemberg stündlich zu erwarten habe. Es ist ein heller, klarer Morgen, ich öffne das Fenster und sehe, wie die Leute mit verstörten Mienen einander in raschem Flüstertöne etlvas mitteilen und sich schnell entferneit. Nichts Gutes ahnend, beeile ich mich, hinunter zu komnren, was ich sehe, macht mein Blut zu Eis erstarren. Wie ein Strom, der den Damm durchbricht, in breiten Wogen Fahrstraße und Bürgersteige überflutend, voll Siegesfrende in den trotzigen, wetterharten Gesichtern, ziehen die Russen mit klingendem Spiel in die Stadt ein. Ab und zu zeigt sich das erschreckte Gesicht eines Bürgers am Fenster, um bald wieder zu verschwinden. Frauen irren wie verloren ^mit verstörten, verweinten Gesichtern in den verödeten Straßen umher, Kinder, mit ängstlich-fragenden Blicken das ungewohnte Schauspiel betrachtend, schmiegen sich zitternd an ihre Mütter. 'Man hat das Gefühl, daß. eine Horde Barbaren die Stadt überschwemme, um jede Kultur unter Ihren ehernen Tritten zu zermalmen. Me Folge hat gezeigt, daß diese Ahnung nicht trog. 'Schon in den nächsten Tagen wunderten s7ch die Russen über die vielen Schulen und die geringe Zahl der Gefängnisse. Es soll anders werden, sagten sie, und es wurde anders. Die Schulen wurden in Kasernen und teilweise in Gefängnisse verwandelt. Ein Teil der Sträflinge wurde befreit, um den „politischen Verbrechern" Raum zu schaffen. Die Massenverhaftungen nahmen ihren Anfang. Hunderte von Polizeiagenten aus Kiew bezogen, und auch teilweise unter den Hausbesorgern angeworbene, spionierten und denunzierten die Bevölkerung. Am meisten hatten die Juden zu leiden. Sie wurden ihrer österreichisch-freundlichen Gesinnung wegen zu Tausenden in die Kerker geworfen, wo sie hungernd und frierend eng in den Zellen zusammengepfercht, monatelang ohne Verhör festgehalten wurden. Ein Teil fiel den ausbrechenden Krankheiten zum Opfer. Manche, die sich für Geld loskaufen konnten, wurden in Freiheit gesetzt, dann wieder verhaftet, ltm von ihnen noch größere Summen zu erpressen, der Rest nach Sibirien verschickt. Oft sah man diese Unglücklichen von Kosaken eskortiert, durch die Straßen wandern. In Lumpen gehüllt, den Ausdruck hoffnungslosen Leides in den zum Skelett abgeinagerten Gesichtern, zogen sie von dannen, gelegentlich durch Knutenhiebe der Kosaken zur größeren Eile angetrieben. Als ich einmal einein solchen Zuge begegnend, einen russischen Offizier, der zusehend dastand, fragte, was wohl die Unglücklichen verbrochen haben mögen, antwortete er mir in hartem Tone, daß es lauter österreichische Spione seien. Ich zeigte auf einen halberblindeten, gebrochenen Greis, der von einem, kaum dem Kind es alter entwachsenen Knaben geführt wurde. „Sind diese beiden ebenfalls Spione?" fragte ich. Die entleerten Gefängnisse füllten sich vom neuen, Hunger und Kälte nahmen zu. Da stellte eine hochherzige Dame, Frau Dr. Ada Reich e n st e i n, im Verein mit anderen edlen Frauen ihre ganze Kraft und Zeit in den Dienst der Wohltätigkeit. Vereine wurden organisiert, welche die Eingekerkerten speisten, Volksküchen errichtet, wo Tausende der ans der Provinz Herbeigeschleppten ihr warmes Mittagessen fanden. Wenn man die Volksküchen besuchte, fielen unter den Anwesenden junge Leute auf, deren stramme Haltung in den Zivilkleidern den Soldaten berrieten. Das waren unsere, aus der russischen Gefangenschaft entflohenen Soldaten, welche hauptsächlich von der jüdischen Bevölkerung umgekleidet und in den Volksküchen gespeist wurden, wo sie, sicher vor Verrat, außer der Nahrung die liebevollste Fürsorge fanden. Auch die Armen in der jüdischen Bevölkerung befaßten sich, mit Gefahr ihrer Freiheit, sogar ihres Lebens, damit, unsere Soldaten umzukleiden, zu verstecken und zu erhalten. Trotzdem viele Familien, bei denen die russische Polizei umgekleidete Soldaten fand, mit ihnen zusammen nach Sibirien verschickt wurden, von denen manche während des Transportes den Entbehrungen und Anstrengungen erlagen, hinderte das die anderen nicht, dem patriotischen, aber so gefährlichen Beispiele ihrer Glaubensgenossen M folgen. Als ich eines Tages die Stadt passierte, wurde von zwei Vorübergehenden in reinem Deutsch nach dem Weg ins Judenviertel gefragt. Ich schaute auf und sah zwei schlanke, blonde Männer mich forschend ansehen, in denen ich unschwer preußische Soldaten erkannte. „Leise, meine Herren," bat ich, „Ihre Aussprache könnte Sie verraten." Durch diese Warnung gewann ich ihr Vertrauen und sie teilten mir mit, daß sie sich nach einem anderen Zufluchtsort umsehen müssen, da sie in ihrem Verstecke nicht mehr sicher seien. Ich dachte nach und erinnerte mich an meine Bekanntschaft mit einer alten jüdischen Oebstlerin, der ich einmal einen Dienst erweisen konnte, und die damals von Dankesworten überfloß. Da es an einem Samstagmorgen war, konnte ich sicher sein, die fromme Frau, über ein Gebetbuch gebeugt, in ihrer Wohnung zu finden. Vorangehend, bat ich die beiden Soldaten, mir zu folgen. Wie ich vorausgesehen, traf ich die alte Frau in ihrem Stübchen, welche über meinen unerwarteten Besuch sehr erfreut zu sein schien. Ich teilte ihr mein Anliegen mit und fügte hinzu, je mehr Soldaten wir haben, desto leichter werden wir die Russen von hier vertreiben. „Dann kommt unser Kaiser zu uns zurück?" fragte sie atemlos. „O, so will-