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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-07-09 · 28 (9.7.1915) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
28 (9.7.1915)
Date
1915-07-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bkoch's Wochenschrift Seite 52b anlaßte mich, sofort nach der ersten Evakuierung im September v. I. einen Zentralkataster der nach Ungarn, Mähren und Böhmen geflüchteten und in den Provinzgemeinden weilenden Glaubensbrüder anzulegen. Der Zweck wurde zum großen Teile e-reicht. Biele Tränen konnten getrocknet und so manche Verzweifelte aufgerichtet werden. In 4218 Fällen haben Eltern ihre Kinder, in 524 Fällen die Gattinen ihre Gatten und in 297 Fällen verwundete Soldaten ihre Familien gesunden. Da die günstige Kriegslage die Heimreise eines großen Teiles der Flüchtlinge gestattet, wurde der bisher fortlaufend geführte Kataster — 130.269 Menschen zählend — geschlossen. Die Nachfragen haben jetzt kurz vor der Abreise wieder begonnen und zum Zwecke der raschen Erledigung werden in den allernächsten Tagen je ein Exemplar dem k. k. Ministerium des Innern — Sektion für galizische Flüchtlinge —, der Zentrale vom „Roten Kreuz", der k. k. mährischen Statthalterei, der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und der keäeration ok the Galiz. u. Bukov. Jews in Newyork in Maschinschrift übersendet werden. Die Verwirklichung dieses Zieles verdanke ich dem liebenswürdigen Entgegenkommen der Kultusvorstände der Provinzgemeinden, den Obmännern der verschiedenen Hilfskomitees und den Verwaltern der .Flüchtlingslager. Außerstande jedem Einzelnen für die zahlreichen Nachträge zu danken, tue ich es auf diesem Wege durch das Wort. Das Bewußtsein jedoch, an edlen Zielen teilgenommen zu haben, biete ihnen den höchsten Dank. Gleichzeitig danke ich allen Herren Kollegen in Böhmen, Mähren und Steiermark herzlich für ihre freundliche Uebersendung der mit großen Mühen zusammengestellten Verzeichnisse der in ihrem Rabbinatssprengel weilenden Flüchtlingswaisen. Ihre Mühewaltung bildet die Fortsetzung meiner neuen, vor vier Monaten begonnenen Aktion, welche die wichtig st e unter allen Aktionen der Flüchtlingsfürsorge bedeutet. Dieser Hinweis wird meine geschätzten Kollegen mit Genugtuung erfüllen und sie wie bisher in selbstlosester Weise auch in diesem Falle anspornen, ihre unentbehrliche Mithilfe in der angedeuteten, von bekannten Männern der Judenheit unterstützten Aktion zur Verfügung zu stellen. N i k o l s b u r g, am 4. Juli. Dr. Mor. L e w i n, Rabbiner. Pohrlitz. Aus Anlaß der Wiedereroberung von Lemberg sandte der Vorstand der Israel. Knltusgemeinde in Pohrlitz an die 'Kabinettskanzlei Sr. Majestät des Kaisers, an den Thronfolger Se. k. u. k. Hoheit Herrn Erzherzog Karl Franz Josef und an den Oberkommcmidierenden der heldenhaften siegreichen Armee, Se. k. n. k. Hoheit Herrn Feldmarschall Erzherzog Friedrich, Loyalitäts- und Glückwunschtelegramme. An den Vorstand liefen nachstehende Telegramme ein: „Kultusvorsteher Hermann Schnabl, Pohrlitz. Seine k. u. k. Hoheit Herr Erzherzog Karl Franz Josef danken herzlichst für die loyalen Glückwünsche. Im höchsten Aufträge: Kammervorstehung." „Kultusvorsteher Hermann Schnabl, Pohrlitz. Seine k. u. k. Hoheit der durchlauchtigste Herr Feldmarschall Erzherzog Friedrich danken herzlichst für die patriotischen Glückwünsche. Im höchsten Aufträge: Flügeladjutank Obstlt. v. .Lorx." Am 23. Juni 1915 fand im israelitischen Tempel §u Pohrlitz anläßlich der Wiedereroberung von Lemberg ein Dank- und Festgottesdienst statt. Der Herr Oberrabbiner aus Sambor, kais. Rat Aron Lew in, hielt die Festrede, welche auf das zahlreich versammelte Public kum von nachhaltigster Wirkung war. Unter den Anp wesenden bemerkte man den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Herrn Hermann Schnabl, den Bürgermeister der zweiten Stadtgemeinde Herrn H. Ellinger, Beamte des k. k. Bezirksgerichtes, die k. k. Gendarmerie, den Direktor der Bürgerschule Tichy mit dem Lehr^- körper, den Lehrkörper der Volksschule (II. Stadtgemeinde) und den Lehrkörper der Beschäftigungsschule für galhzische Flüchtlingskinder in Ssadt Pohrlitz. Ein vielbesprochener Neberlriltsfall. In Ungarn wird jetzt ein Uebertrittsfall viel besprochen. Wie nämlich „Egyenlöseg" meldet, ist vor kurzer Zeit im Szatmarer Komitate ein Gutsverwalter mit seiner Frau zum - katholischen Glauben übertreten und es hiebei nicht verabsäumt, sich einen vornehmen Taufpaten zu wählen. Der Taufpate hat jedoch auch den Sohn des Ehepaares, einen Gymnasiasten, welcher noch nicht das tauffähige gesetzliche Alter erreicht hatte, gleichfalls der Taufe unterzogen. Wegen dieser Wegtaufe hat nun der kompetente jüdische Seelsorger bei der Szatmarer königl. Staatsanwaltschaft die Anzeige erstattet. Aber dem getauften Gutsverwalter, der sich den vornehmen Taufpaten genommen hatte, traf außer der Unannehmlichkeit auch ein anderes Unheil, das ihn gleichfalls zur Staatsanwaltschaft in unangenehme Beziehungen gebracht hat. Er wurde nämlich nach seinem Uebertritt wegen Militärpferdelieferungsschwindcl verhaftet. Wer weiß? Der Soldat Schneider Jsak aus Klebovza bei Tisminica, vom Feldkanonen-Regiment 33, derzeit k. u. k. Reservespital Nr. 1, II. chirurg. Abteilung, Zimmer 142, Stistskaserne in Wien, sucht seine Frau SaHa Schneider ged. Krum und seine Kinder Klara, Jakob, Lisa und Hansi Schneider. Ciwje Pratz aus Radymno (Galizien), zuletzt in Lemberg, wird gesucht. Zuschriften an: G. Sojfer, Rabbiner in Szucsüny (Ungarn). Juda Roßdeutscher aus Lisko, bei der 3. Komp, des 45. Juft.-Reg., derzeit in Sopron, sucht seinen Vater Leiser Roßdeutscher, seine Frymet Balbierer (in Böhmen?), sowie seine Schwester F e i g e R o ß d e u t s ch e r (in Brünn>. Feuilleton. ,.A« fetten Peffach AdenK' (Historische Untersuchungen). Vortrag, gehalten am . 31. März 1915 (am zweiten Pessach-Tage) im Festsaale des „Hotel Post" in Wien, über Einladung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus. Von Prof. Dr. Majer Balaban. VIII. Die Prozesse inSandomierz, 1698 u. 1710—13. Wenn wir von dem Einfluß eines einzelnen Mannes auf die Instandsetzung und den Abschluß eines Prozesses sprechen wollen, fo geben uns die nacheinanderfolgenden zwei Prozesse in Sandomierz hiefür den besten Beleg. Es steht vor uns ein Mann: Pater Zuch o w s k.i, Kanonikus der Kollegialkirche in S a n d o - mierz, der von einem Blutrituale bei den Juden überzeugt ist, und um jeden Preis ein derartiges Geständnis bei den Juden erpressen will. Da es ihm aber nicht gelingt, wird er wütend und schickt seine Opfer auf den Scheiterhaufen. Zwei dicke Bände schrieb der Mann — einen in Versen, den anderen in Prosa — und in ihnen beschreibt er haarklein mit naiver Dummheit seine Mühe, „die Wahrheit", so nennt er das Ritualmärchen, herauszubringen und den Sieg des Teufels über frommen Eifer zu unterdrücken. Sogar die Jnquisitionsszene und die Urteilsvollstreckung gibt der gute Mann in Versen zum besten und lacht über die Schmerzen der Opfer und über ihr Wehgeschrei. Doch wollen wir den Sachverhalt chronologisch erzählen: Am Ostersonntag des Jahres 1698 ward in der Totenkammer der Kollegialkirche in Sandomierz ein totes Kind gefunden, welches durch das Fenster hineingeworfen wurde. .Die Mutter des Kindes wurde eruiert, es war ein armes Weib, Malgorzata Mroczko^ wicowa. Sie hatte kein Geld für die Beerdigung des Kindes — die Geistlichen wollten es nicht umsonst tun — und da sie bemerkte, daß es bei ihr im Hause von den Ratten gefressen werde, entschloß sie sich, den Le:ch nam in die Totenkammer hineinzuwerfen. Das Weib wurde zu 24 Stunden Arrest verurteilt.

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