Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 24 (11.6.1915)
- Date
- 1915-06-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 434 Dr. Bloch's künden. Jedoch auch in anderem Sinne muß sie erfolgen. Die Tatsache, daß hier und da bereits Anstrengungen gemacht wurden, Sammlungen für die Notleidenden in Palästina einzuleiten, darf keineswegs als Vorwand Mten, um sich der großen, gemeinsamen, eigentlich erforderlichen Aktion zu entziehen- Daß die Kreise der Deutsch-Holländischen Palästina-Verwaltung mit Erfolg die sog. „Pessach-Tage" organisiert haben, ist löblich und erfreulich; sicherlich aber hat diese Veranstaltung das nötige Palästina-Budget nicht geschaffen. Was der „Jüdische Hilfsfonds 1915" in Deutschland neben seinem Hauptzweck, der Unterstützung der Opfer des Krieges in Russisch-Polen, für Palästina leisten konnte, ist angesichts der Erfordernisse verschwindend. Die Sammlungen, welche die Zionistische Organisation in manchen Ländern eingebettet hat, werden zweifellos ihre Früchte tragen; aber sie werden sich im großen und ganzen doch nur auf die Kreise der Gesinnungsgenossen erstrecken können. So drängt sich jedem Unbefangenen die Einsicht aus: was noch nicht geschehen ist und was nottut, ist eine gemeinsame jüdische Aktion in allen Ländern, deren Kooperation angesichts der Kriegslage möglich ist. Nur eine solche Aktion kann tatsächlich alle jüdischen Kreise, die das Hilfswerk zu fördern geneigt sind, heranziehen. Nur sie vermag durch Konzentration einen Fonds ins Leben zu rufen, der nicht mehr zur Stillung dex dringendsten Bedürfnisse verzettelt, sondern zum Wiederaufbau nach dem Kriege planmäßig verwendet wird. Diese einzig zum Ziele führende Aktion hat das Zentral-Hilfskomitee für Palästina unternommen. Seinem Grundgedanken, der Kooperation aller jüdischen Faktoren entsprechend, hat es gleich bei seinem Entstehen sowohl in Deutschland wie in Oesterreich die strenggläubigen und die liberalenKreise Derer n i gt. Es wird in seinem Bestreben liegen, auch in anderem Sinne die jüdischen Parteien zusammenzufassen, insoweit die Divergenz der Richtungen sich nicht als unüberwindlich erweisen wird. In den nächsten Monaten wird es sich Herausstellen, welche Länder dem Zentral- Hilfskomitee schon während des Krieges sich werden angliedern können. Mit dem Anbruch normaler Verhältnisse wird sich der Kreis der Länder jedenfalls erheblich erweitern. Es steht zu hoffen, daß sich von der großen Zukunftsarbeit der Unterbringung eines jüdischen Auswandererkontingentes im Orient keine bedeutendere jüdische Gruppe ausschließen wird. Und das wird für die Judenheit, der der Weltkrieg unverschuldete und grausamste Leiden auferlegt hat, einen Lichtpunkt bilden. Vielleicht wird die optimistische jüdische Denkweise mit ihrem Wahlspruch: „Gam su letowah" auch hier Recht behalten. Die großen Pogrome in Rußland führten zur Schaffung eines „Russenfonds" von vielen Millionen, die lange Jahre hindurch zur Unterstützung russischer Flüchtlinge verwendet werden konnten. Wenn alle klarblickenden, zielbewußten Elemente der Judenheit heute ihre Kräfte anspannen und vereinigen, wird der Weltkrieg das Entstehen eines „Palästinasonds" veranlassen, der nicht mehr der trostlosen Zersprengung der Entwurzelten, sondern ihrer Sammlung in einer aussichtsreichen Heimstätte dienert wird. In den letzten Wochen, die dem Aufbau des O e st e r r e i ch i s ch e n L a nd e s - K o m i - tees des Z. H. K. für Palästina gewidmet waren, haben maßgebende Vertreter der österreichischen Judenheit bewiesen, daß sie dem Gedanken der Zentralisierung der Palästina-Hilfsaktion volles Ver- Wochenschrift Nr. 24 stärchnis entgegenbringen und zu weitgehenden Opfern für diesen Gedanken bereit sind. Die Angliederuug der „Hilfst 0 m m i s ft 0 n 1915" an das Z. ' H '. K. soll als glückverheißender Schritt auf dem Wege zu seiner Verwirklichung begrüßt werden. Allen jenen aber, die sich um das Zustandekommen des Oesterreichischen 'Landes- . Komitees Verdienste erworben haben, sei im Namen der Initiatoren des Zetttral-Hilfskomitees wärmster Dank gesagt. ' . Aktuelle jüdische Fragest. Von Jakob H. Schiff in Newyork. Den hier wiedergegebenen Artikel hat der große jüdische Philanthrop in der amerikanischen Zeitschrift „The Menorah" veröffentlicht, er verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. „Es ist kaum möglich, die Furchtbarkeit der Lage der Juden in den Kviegsplätzen zu übertreiben — hauptsächlich per Juden in Polen. Laut den Nachrichten, die wir erhalten haben, sifld die Bedingungen in Russisch- Polen so schrecklich, daß im Vergleich zu ihnen das Unglück in Belgien eine Kleinigkeit ist. Die jüdische Bevölkerung in Pfilen ist auf das grausamste von den Polen mißhandelt worden, welche sie vor den Russen verleumdeten, Spionagedienste für die Deutschen zu tun, und die Russen Hatten auch die Juden als Spione behandelt. Nur wenn die Russen gezwungen sind, sich zurückzuziehen, finden die Juden Schutz unter deutscher Macht. Wenn ich dies behaupte, .möchte ich nicht, daß man über mich falsch urteile, da es bekannt ist, daß ich mit den Deutschen sympathisiere. Es ist aber eine Tatsache, daß sowohl die Polen als auch die Russen brutal gegen die Juden sind. Laut den letzten Berichten verbessert sich die Lage um kein Haar. Die Hilfe, die man den Leidenden gegeben hat, ist bei weitem nicht genügend gewesen. Dazu sind Millionen und Millionen Dollar nötig und die Amerikaner Juden haben bis jetzt nur eine halbe Million Dollar gegeben: Und dies ungeachtet der Tatsache, daß in diesem Hilfswerk alle jüdischen Parteien Zusammenarbeiten — mit Ausnahme nur einer Organisation, des Ordens „Bnei-Berith", der für sich allein arbeitet, da er eigene „Lodges" im Ausland hat und deshalb seine Hilfe zuerst den eigenen Mitgliedern geben will. Wir müßten einen eigenen jüdischen Hilfsfonds haben außer den Hilfsfonds für die anderen Völker vom Kriegsschauplatz, da das jüdische Problem überall ein eigenartiges ist. Es besteht kein Zweifel, daß die Juden in den Ländern, wo der Krieg waltet, ungeheuer mehr als die übrige Bevölkerung gelitten hat, und deshalb brauchen sie mehr Hilfe. Außer unmittelbarer Hilfe können wir vorläufig nichts tun. Wir dürfen von unserer Arbeit keinen einzigen Tag ruhen. So lange der Krieg dauert, müssen wir versuchen, die Leiden zu erleichtern. Was aber die Arbeit anbelangt, die nach dem Kriege nötig sein wird, kann ich jetzt, besonders was Rußland betrifft, keine richtige VorMlung haben. Es wird die Hoffnung ausgedrückt, daß nach Friedensschluß Rußland seine jüdische Bevölkerung besser behandeln wird. Aber Rußlands Versprechungen haben uns schon so oft enttäuscht, daß wir es erst dann glauben können, wenn wirklich etwas geschieht — und nicht früher. Ich glaube sehr wenig daran, daß Rußland in der Zukunft besser werden wird. Nur ein Mittel zur Lösung der Judenfrage in Rußland gibt es: die Abschaffung des „Ansiedlungsrayons". Wir müssen dies fortwährend verlangen und nns mit keiner anderen Sache zufrieden geben. Wenn der Jude reisen kann, wohin er wünscht, Handel treiben, wo er will, und wohnen, wo er will, wird die Judensrage in