Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 378 Dr. Moch's Feuilleton. Me Jude« in Polen Während der Kosaken-, Tataren-, Unssen- und Kchmedenkrirge (1648-1660). Vortrag, gehalten am 11. Februar 1915 im Festsaale des Ingenieur- und Architekten-Vereines in Wien über Einladung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Von Prof. Dr. Majcr Valabau (3. Fortsetzung.) n. Der gewaltige Zug der Flüchtlinge ging auf Lemberg los, denn hier, in der großen, befestigten Stadt, hofften die armen Wanderer Ruhe und Schutz zu finden. Lemberg hatte feit jeher zwei besondere Judengemeinden : die ältere, außerhalb oer Stadt, auf der sogen. Krakauer Vorstadt --»H pn22 p"p ind die andere, die jüngere und kleinere in der Stadt selbst (ul. Blacharskau. .Boimow) südöstlich vom Marktplatz. Die starken Mauern umgaben nur die Stadt und somit nur die städtische Judengemeinde, die Vorstädte mußten sich selber, durch Wälle und Wolfsgruben, verteidigen. Die ersten jüdischen Flüchtlinge tonnten in die Stadt hineinkommen und fanden bei ihren Glaubensgenossen gastliche Unterkunft. Das Ghetto war aber klein, es umfaßte nur zwei Straßen tmit 48 Häusern, von denen die meisten nur zwei Fenster (7 Ellen) breit waren. , Seit einem halben Jahrhundert wendeten die Judenällesten alle Mittel an, um das Ghetto zu erweitern, ihre Mühe war aber vergebens und das Judenror an der Kreuzung der ul. Blacharska und Ruska schloß auch jetzt das Ghetto ab. Nun mußten die Zehntausende der jüdischen Flüchtlinge (aus dem Osten) mit dem Obdach in der Krakauer Vorstadt vorlieb nehmen, und sie scharten sich um die gewaltige Synagoge, die erst im Jahre 1632 erbaut wurde. Aus das Dach dieser sestungsartigen Synagoge zog man Kanonen und Mörser huraus; dasselbe taten jitit ihren Klöstern die Basilianer und Bernhardiner. Mit den jüdischen Flüchtlingen kamen auch die Reste des adeligen Landsturmes und des Söldnerheeres mit ihren Generalen, und nun freuten sich die Bürger und die Juden, daß man endlich hier den Feind stellen werde. Die Generäle verlangten von der Stadt Geld zur Auszahlung des rückständigen Soldes und sofort gaben Polen, Armenier, Ruthenen und Juden Silber- und Goldgeräte, 300.000 Gulden an Wert. Als aber die Kunde in die Stadt drang, Kosaken und Tataren seien im! Anzuge, da verließ das Polenheer die unglückliche Stadt und ließ zu ihrem Schutze 50 — sage fünfzig — Dragoner zurück. Nun gab es keinen Ausweg mehr, die Zünfte verteilten untereinander die Basteien und Türme und auch die Juden bewaffneten sich, wie sie konnten, und hielten Wache an denjenigen Teilen.der Stadttnauer, die an ihr Ghetto grenzten. Die Vorstädte verteidigten sich selbst und die Juden spielten bei chrer Verteidigung eine große Rolle. Bald aber war der Druck der Tataren und Kosaken so groß, daß. die Vorstädter nicht standhalten konnten, alles stehen ließen und sich durch die zwei Tore in die Stadt flüchteten. Unter ihnen kamen viele Tausende jüdischer Flüchtlinge, die noch 'das Glück hatten zeitlich das Stadttor zu erreichen; die übrigen gingen zwischen den Kosaken'und den Stadtmauern zugrunde. *' Wochenschrift Nr. 20 Die Glücklichen, das ist diejenigen, welche in die Stadt kamen, lagerten im Ghetto nackt und barfuß im kalten November auf offener Straße. In den Häusern war keine Quadratelle frei, die Armen unterzubringen, und in der eigentlichen Stadt — die ohnehin voll war — war für Juden überhaupt kein Platz. Chmielnicki und Tuhaj Bej bezogen mit ihren Horden die vorstädtischen Häuser und unter ihrem Schutze begannen sie die Stadt zu stürmen. .Jetzt galt es, den Feind aus den Häusern hinauszudrängen und nun sandte der Bürgermeister Dr. Großweier Soldaten, die die Vorstädte an mehreren Orten in Brand steckten. Alle Häuser aus der Haliczer und Krakauer Vorstadt gingen in Flammen auf und der Feind ward gezwungen, im November im Freien zu kampieren. Chmielnicki ließ sich aber nicht zurückschrecken und bombardierte die Stadt fürchterlich. „Wir fürchteten aus die Straße zu gchen, sagt der Chronist, und die armen Juden, die im Freien lagerten, fielen den Granaten zum Opfer. Auch brachen im Ghetto Hunger und Pest aus und wer dem Schwerte entrann, der fiel vor dem inneren Feinde." Die Belagerung zog sich in die Länge und Chmielnicki hatte Eile, vorwärts nach Polen zu dringen. Es begannen Verhandlungen zwischen dem Magistrat und den Kosaken; eine Abordnung der Bürgerschaft kam ins Lager Chmielnickis und unter den Parlamentären befand sich der Syndikus der Judengemeinde, SimoN) der Stadl an. Chmielnicki verlangte, man möge ihm sämtliche Juden, die sich in Lemberg befinden, mit Weib und Kind, Hab' und Gut ausfolgen. Lange-dauerten die Verhandlungen.in der Lemberger Rütsstube; die Juden, die in der größten Gefahr schwebten;.-wendeten alles an, um die .Ratsmannen und die Zünfte für sich gut .zu. stimmen. Sie verpflichteten sich, alle Kostbarkeiten zur Loskaufsumme herzugeben, und nun gab der Magistrat dem Chmielnicki folgende Antworte „Die Juden können wir aus zwei Gründen nicht ckusfolgen: 1. Sie gehören nicht uns, sondern. sind des Königs Kammerknechte; 2. sie tragen mit uns alle Lasten und sind bereit, mit uns zusammen für diese Stadt in den Tod zu gehen." - Die Antwort der Lemberger Ratsmannen bildet den einzigen lichten Punkt in der Geschichte jener unglücklichen Tage!!*) Nach langen Verhandlungen brachte die Stadt an Kostbarkeiten und barem Gelde 546.076 Gulden zusammen, wozu alle Kirchen und Synagogen ausgeleert wurden. Und so zog Chmielnicki weiter über Zolkiew, Tomaszow, Szczebrzeszyn. Turbin, K r a s n i k — ich erinnere hier an den glänzenden Sieg Auffenbergs — bis nach Zamosc und begann diese Festung zu belagern. Auch hier hatte er keine Geduld zu warten, nahm ein großes Lösegeld und zog gegen Lublin. Hier 'in der drittgrößten Judengemeinde Polens waren viele Tausende von Flüchtlingen aus der ganzen Unsgebung und aus dem fernen Osten versammelt und nun begann eine Massenflucht über die Weichsel nach Groß- - polen. Nur die Aermstett und die Kranken blieben in der Stadt. Chmielnicki stand bereits vier Meilen vor Lublin, als ihn die Botschaft von der Wahl des neuen Königs von Polen- — Johann Kasimir — ereilte. Sofort begannen die Friedensverhandlungen und Chmielnicki kehrte einstweilen in die Ukraina zurück. Die Verhand- *) Zu brzycki: Kronika miasta Lwowa sub anro 1648; Caro: Gesch. d. Juden in Lemberg, S. 70.